Evangelischer Superintendent: "Die Kirche ist längst ein Dienstleister"
Den Kontakt zu Ex-Schulkollegen Herbert Kickl und Eva Glawischnig sucht er „nicht allzu oft“. Warum immer weniger Gläubige Kontakt zur Kirche suchen, erklärt im Podcast-Interview.
KURIER: In Österreich gibt es eine Evangelische Kirche Augsburger und Helvetischen Bekenntnisses. Was ist eigentlich der Unterschied?
Matthias Geist: Heute ist er kaum noch sichtbar. Historisch entstand er aus einem Streit um das Abendmahl. Der lutherische Zweig hat, wie die katholische Kirche, an die Realpräsenz geglaubt. Die schweizerische-calvinistische Richtung sieht die Eucharistie als symbolisches Gedächtnismahl-Ereignis. Inzwischen gibt es aber nur mehr kleinere Unterschiede im liturgischen Ablauf: Die einen stehen bei Gebeten auf, und die anderen bleiben sitzen – und umgekehrt.
Was hat es mit dem Begriff Realpräsenz auf sich?
Gemeint ist damit, dass Jesus als Verstorbener leibhaftig präsent ist, wenn wir das Brot und den Wein zu uns nehmen. Eine vielleicht etwas schräge Vorstellung, die eher nicht mehr in das 21. Jahrhundert passt.
Versuchen Sie, etwa in Ihren Predigten, solche Dinge zu übersetzen und in die Jetztzeit zu transferieren, um möglichst viele Menschen anzusprechen?
Ja. Es war der grundsätzliche Anspruch von Martin Luther, dem Volk aufs Maul zu schauen. Wir nennen das heute Kontextualisieren. Wir leben ja schließlich nicht mehr im 16., sondern im 21. Jahrhundert.
Die Evangelische Kirche nimmt das sehr ernst, was sich zum Beispiel auch in einem vergleichsweise modernen Frauenbild widerspiegelt. Warum laufen trotzdem auch ihr die Gläubigen davon?
Die institutionelle Anbindung an Vereine und politische Organisationen ist gesamtgesellschaftlich geringer geworden. Die Menschen wollen zudem heute nicht mehr von der Wiege bis zur Bahre einer Glaubensgemeinschaft angehören, sondern suchen eher situativ nach religiösen Elementen – etwa wenn ein Kind geboren wird, die Oma stirbt oder die Uroma pflegebedürftig ist und man sich überlastet fühlt. Das entspricht ganz unserer Dienstleistungsgesellschaft.
Die Kirche muss also ein Dienstleister werden?
Das sind wir längst. Früher mehr mit einem solidargemeinschaftlichen Ansatz. Mittlerweile ist es aber so, dass ich zum Beispiel allein heuer schon drei Begräbnisse für Menschen ohne Bekenntnis hatte, weil das den Angehörigen diese Begleitung sehr wichtig war. Wir dürfen den Menschen nicht mehr vermitteln „Komm in die Kirche, dann geht es dir gut“, sondern müssen auf sie zugehen – dann, wenn es den Menschen wichtig ist. Insbesondere an Orten, die die Sensibilität unserer Gesellschaft aufzeigen – etwa im Krankenhaus, im Pflegewohnheim, im Gefängnis, aber auch in der Schule. Aber nicht, um Menschen zu keilen, sondern um das zu tun, was sie benötigen.
Zulauf haben hingegen international gesehen evangelikale Freikirchen, Sekten und esoterische Bewegungen. Warum ist das so?
Wir haben im Unterschied zu diesen Strömungen nicht die schnellen Lösungen parat und degradieren uns nicht zu Menschenfängern. Wir wollen nicht manipulieren und missionieren im falschen Sinne, sondern die Menschen seelsorgerisch erreichen.
Auch in der Politik erstarken jene Gruppen, die schnelle Lösungen versprechen. Wie geht es Ihnen damit, dass die einst so antiklerikale FPÖ mittlerweile bei jeder Gelegenheit die christlichen Traditionen beschwört?
Wir sind parteipolitisch nicht uninteressiert, haben aber keine Nähe zu irgendeiner Partei und lassen uns auch nicht vereinnahmen. Wir gehen vom gesamtgesellschaftlichen Wohl aus. Wenn sich der eine oder andere politisch Tätige christlicher Werte oder Grundhaltungen bedient, werden wir aber schon hellhörig. Denn wie wir uns als Christen darstellen und deklarieren, das darf schon stark bei uns und unseren Schwesterkirchen liegen. Hier müssen wir Kante zeigen. Wir werden es sicher nicht anprangern, wenn sich politisch Tätige gemäß eines gewissen Wertekonsenses verhalten. Aber wenn es um Menschen in ihrer sozialen Not geht, werden wir sehr wohl unsere Stimme erheben, wenn wir andere Sichtweisen haben. Oder wenn es Angriffe auf die muslimische oder jüdische Glaubensgemeinschaft gibt. Gerade wir als Evangelische Kirche waren 180 Jahre lang ausgegrenzt und verboten – und sind entsprechend geprägt.
Sie sind seinerzeit in Kärnten gemeinsam mit Ex-Grünen-Chefin Eva Glawischnig und FPÖ-Chef Herbert Kickl in die Schule gegangen. Sind Sie mit beiden noch in Kontakt?
Wir suchen den Kontakt nicht allzu oft. Aber ich gehe manchmal auf beide schriftlich zu. Wenn ich ein Echo bekomme, kann ich versuchen, meinen Weg zu nehmen.
Herkunft
Matthias Geist wurde 1969 in Salzburg geboren. Bereits sein Vater war evangelischer Pfarrer. Später übersiedelte seine Familie nach Oberkärnten.
Ausbildung
1987 legte er die Matura ab. Seine Klassenkameraden waren die beiden späteren Spitzenpolitiker Herbert Kickl und Eva Glawischnig. Er studierte in Wien Mathematik und Evangelische Theologie.
Kirche
Ab 2001 arbeitete er als Gefängnisseelsorger, 2018 wurde er Wiener Superintendent.
Sie waren 18 Jahre Gefängnisseelsorger. Wie nehmen sie die zuletzt bekannt gewordenen Missstände wahr – etwa den gewaltsamen Tod eines Häftlings in Hirtenberg?
Ich bin kein Verfechter der gefängnislosen Gesellschaft, aber die Insassenzahl in der aktuellen Höhe haben wir nicht nötig. Es könnte auf weniger Gefangene hinauslaufen, wenn wir eine effizientere, wirksamere und humane Strafrechtspolitik verfolgen. Sowohl über den Richterspruch als auch über die bedingten Entlassungen könnte man die Häftlingszahlen reduzieren. Dann könnte man mit demselben Justiz-Personalstand Sicherheit, eine bessere Betreuung und Nachsorge gewährleisten. Gesetzesforderungen für höhere Strafen in bestimmten Bereichen ließen hingegen die Häftlingszahlen weiter in die Höhe schnellen, ohne dass das Personal mehr wird.
Was hat Sie motiviert, als Seelsorger in die Gefängnisse zu gehen?
Menschen in einer Situation der Ohnmacht Begleitung anzubieten. Es geht um die Frage, wie es jetzt weitergehen soll. Deshalb bin ich mit den Straftätern in die Trauerbegleitung gegangen. Sie haben in ihrem Leben viel Schmerz erfahren, vor allem aber selbst zugefügt. Es geht darum, dass sie sich im besten Fall wieder selbst in den Spiegel schauen können. Das kann Monate oder Jahre dauern. Aber es ist ein zentraler Prozess, wenn man davon ausgeht, dass jeder Häftling das Recht darauf hat, das Gefängnis eines Tages wieder zu verlassen – wovon ich überzeugt bin.
Als große Kränkung empfanden Evangelische die Abschaffung des Karfreitags als gesetzlichen Feiertag 2019. Sehen Sie eine Chance, dass diese Entscheidung rückgängig gemacht wird?
Eine Chance sehe ich immer. Es geht hier aber weniger um arbeits- oder dienstrechtliche Fragen. Die gesamte Gesellschaft kann einen Tag wie den Karfreitag gut gebrauchen. Als Tag des Innehaltens. Als Tag, der die Frage aufwirft: Wie gehen wir mit Menschen um, die wie Jesus von Nazareth zu Unrecht gebrandmarkt, verdammt oder verurteilt wurden? Wie mit all den Ohnmachtsverhältnissen, Schicksalsschlägen und der Ungerechtigkeiten in dieser Welt? Wir können auch Ostern nur vom Karfreitag her denken. Nur weil Jesus auf den Markt geworfen wurde, um es plakativ zu sagen, weil er verspottet, bespuckt und ans Kreuz genagelt wurde, hat sich ein Christentum entwickelt. Mit einer Botschaft, die 2.000 Jahre später immer noch eine Bedeutung hat.
Kommentare