Politik | Inland
13.11.2017

Spannende Zeitreise durch 100 Jahre österreichische Geschichte

Im neuen Buch "Unter Beobachtung" zeichnet Historiker Manfried Rauchensteiner in beeindruckender Manier Österreichs Geschichte seit dem Ende der Monarchie nach.

Mit seinem 1200-Seiten-Buch "Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie" hat der Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner Großes und Bleibendes geschaffen. Nun legt er nach und setzt auf 630 Seiten fort, wo sein Standardwerk über den Zerfall der Habsburgermonarchie geendet hatte.

In seinem neuen Buch "Unter Beobachtung. Österreich seit 1918" breitet Rauchensteiner die bewegte Geschichte unseres nun fast schon 100 Jahre alten neuen, kleineren Vaterlandes aus. Jahrelange Recherche in Bibliotheken und Archiven geben dem Buch eine Lebendigkeit, wie sie nur aus tiefer Sachkenntnis entstehen kann. Das Ergebnis ist ein sehr lesbares Buch, das immer wieder mit Details überrascht, die Altbekanntes in neuem Licht erscheinen lassen. Und mit tausenden Originalzitaten Vergangenes lebendig macht.

Neues, kleineres Land bettelarm

Überraschend schon die erste große Feststellung: Ende 1918 sah man in Österreich die Zukunft durchaus optimistisch. In der neuen, alten Hauptstadt Wien saßen die Banken und die Generaldirektionen der großen Unternehmen. Ein in vielen Jahrzehnten erprobtes Geben und Nehmen zwischen den Regionen des alten Reiches würde sich sicher fortsetzen lassen. Dachte man. Erst nach dem endgültigen Verlust der deutschsprachigen Teile von Böhmen und Mähren, der Untersteiermark und Südtirols zeigte sich, dass das neue Land bettelarm war. Und dazu von unversöhnlichen Parteigegensätzen geprägt, mit gewaltigen paramilitärischen Organisationen, die für einen Bürgerkrieg rüsteten. Und einer Regierung, die Anfang der Dreißigerjahre konsequent den Weg in die Diktatur ging.

Rauchensteiner zeigt, warum so viele Menschen den gewaltsamen Anschluss an Nazideutschland herbeisehnten oder zumindest akzeptierten. Auf einmal gab es Arbeit für jeden "Volksgenossen" und in Wien an die 100.000 freie Wohnungen, deren jüdische Mieter und Eigentümer über Nacht hinausgeworfen worden waren. Ein paar Jahre und einen Weltkrieg später herrschte Katzenjammer. Österreich musste wieder von vorne beginnen, war ein Spielball der Sieger und spielte doch auch sein eigenes Spiel. Und erreichte so, 35 Jahre vor Deutschland, wieder seine Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Rauchensteiner zeichnet den Weg zum Staatsvertrag penibel nach und wird dann zum Zeithistoriker, der Österreichs Geschichte bis in den Sommer 2017 hinein ausbreitet. Die Kreisky-Jahre. Den EU-Beitritt. Das Elend der letzten Jahre der nicht mehr so großen Großen Koalitionen.

Große beobachten Österreich mit Argwohn

Den Titel "Unter Beobachtung" hat Rauchensteiner mit Bedacht gewählt. Es scheint ihm, dass das kleine Österreich von den Großen immer wieder argwöhnisch betrachtet wurde und wird. Das beginnt bei dem mehrfach eingeforderten Verzicht auf einen Anschluss an Deutschland. Das geht weiter über ausländische Kommissare, die in den 1920er Jahren als Gegenleistung für Hilfsgelder den Umbau des Staates überwachten. Und endet bei dem Aufsehen, das die Waldheim-Jahre und die Hereinnahme der Haider-FPÖ in die Regierung in Europa erregten.Ein spannendes, ein lesenswertes Buch.

Josef Broukal war jahrelang ORF-Anchorman, saß danach für die SPÖ im Parlament und ist nun wieder als Journalist tätig – diesmal als Gastautor im KURIER.