APA10221716 - 14112012 - WIEN - ÖSTERREICH: Bildungsministerin Claudia Schmied und Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (R.) während der Budgetdebatte des Nationalrates am Mittwoch, 14. November 2012, im Parlament in Wien. APA-FOTO: ROBERT JAEGER

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Lehrerdienstrecht
06/07/2013

SP-Ministerinnen stellen 40 Fragen an die ÖVP

SPÖ-Ministerinnen Schmied und Heinisch ist das ÖVP-Konzept viel zu wenig konkret.

von Bernhard Gaul

Noch am Mittwoch reagierten die SPÖ-Ministerinnen Schmied (Bildung) und Heinisch (Beamte) vorsichtig positiv auf das Konzept der ÖVP zum neuen Lehrer-Dienstrecht. Am Donnerstag sah das schon wieder anders aus: Weil vieles im ÖVP-Papier nur schwammig oder gar nicht von den ÖVP-Ministern Töchterle (Wissenschaft) und Fekter (Finanzen) behandelt wurde, entschlossen sich die roten Ministerinnen zum Konter: Auf drei Seiten, die dem KURIER vorliegen, übermittelten sie ihren Kollegen vierzig „Fragen zum ÖVP Modell für ein neueintretende Lehrer“ .

Tatsächlich lässt das Konzept der schwarzen Minister viel Raum für Spekulation, vieles müsse zudem erst mit den Lehrerteilgewerkschaften ausverhandelt werden. „Wie soll die Gehaltskurve für Lehrer künftig aussehen?“, wollen die Ministerinnen wissen, oder „in welcher Höhe soll nach Vorstellung der ÖVP das Präsenzausmaß am Schulstandort bestehen?“ Und sie wollen wissen, wie die Zuteilung der „100 Personen Unterstützungspersonal“ aussehen soll, und nach welchen Regeln. Und nicht zuletzt: „Wie stellt sich die ÖVP den Aushandlungsprozess mit den fünf Teilgewerkschaften vor?“

„Erzürnt“

Die rote Lehrergewerkschaft reagiert „erzürnt“ auf das ÖVP-Konzept. Damit werde „die Zweiklassengesellschaft unter Lehrern fortgeschrieben“. ÖVP-Bildungsexperte Bernd Schilcher wollte gar einen „Rückfall in alte ständische Zeiten“ bemerken. Im Gegensatz dazu heißt es im Kanzleramt: Man sei „froh, dass Bewegung in die Sache kommt“ und hoffe, dass es sich beim VP-Vorstoß nicht um eine „verdeckte Blockade“ handle.

Im KURIER-Gespräch verteidigt Minister Karlheinz Töchterle den ÖVP-Ansatz, wonach Lehrer etwa in AHS, BHS oder Volksschule auch künftig unterschiedlich bezahlt werden sollen. „Das ist keine Zweiklassengesellschaft. Die unterschiedlichen Aufgabenstellungen von Schulen und Lehrern macht ein unterschiedliches Gehaltsschema plausibel.“ Auch SP-Ministerin Claudia Schmied habe immer von „Bezahlung nach Funktion“ gesprochen.

Zum Kernstück des ÖVP-Vorschlags, wonach Lehrern künftig eine „Präsenzpflicht“ in der Schule abverlangt werden soll, meinte Töchterle, diese solle in „echten“ Stunden etwa im Rahmen einer Jahresarbeitszeit bemessen werden. Details, wie viel „Präsenzzeit“ und wie viel „Lehrverpflichtung“ Lehrer künftig haben sollen, sei noch Verhandlungsgegenstand. Er glaubt auch nicht, dass sich das System insgesamt verteuern wird: „Da vertraue ich auf die Finanzministerin, die das ja durchgerechnet hat.“

Freiheit für die Schulen

Neue Mittelschule, Zentralmatura, Lehrerausbildung: Schulreformen gibt es derzeit genug. Doch wer die Schule verbessern will, muss keine Strukturen ändern. Er muss Schulen in die Autonomie entlassen. Das zeigen internationale Studien. Im Klartext heißt das: Am Standort wird über die Verteilung der Finanzen, die Stundenaufteilung etc. entschieden.
Zwei ehemalige Direktoren kämpfen für die Schulautonomie: Heidi Schrodt von „Bildung grenzenlos“ und Stefan Böck von der WBS (Wiener Gesellschaft für Bildung und Schulmanagement). Sie fordern von den Bildungssprechern von SPÖ, ÖVP, FPÖ und Grünen, diese endlich in Österreich zu ermöglichen.

KURIER: Österreichs Schulen werden immer schlechter. Wie miserabel, zeigt eine aktuelle Studie aus Lausanne: Beim Standortfaktor Bildung sind wir in nur fünf Jahren von Platz 2 auf Platz 50 von 56 abgerutscht. Wie könnte da die Autonomie unsere Schulen verbessern?

Heidi Schrodt:Ohne Autonomie gibt es kein zeitgemäßes Lernen. Nur wenn der Lehrer die Verantwortung für jedes Kind trägt, ist gewährleistet, dass kein Schüler abgehängt wird. Das geht nur, wenn der Lehrer den Lernfortschritt jedes einzelnen im Blick hat. Im Schulalltag bedeutet das, dass kein Kind abgehängt wird, weil der Lehrer den Lernfortschritt jedes einzelnen Schülers im Blick hat. Das kann ich als Lehrer nicht, wenn für alle Klassen vom Bodensee bis zum Neusiedler See vorgegeben ist, welche Klassengröße ich habe, wie viel Lehrer in der Klasse stehen. Statt Einzelkämpfer im Klassenzimmer brauche ich Lehrerteams, die einmal in der Woche eine Schülerin besprechen.
Als Schulleiter sollte ich die Möglichkeit haben, den Klassenverband teilweise aufzulösen und Lerngruppen nach Bedarf zusammenzustellen. Gibt es z.B. viele Legastheniker, können zehn Kinder in einer Gruppe gemeinsam gefördert werden. Das geht nicht, wenn ich vorgegeben habe, wie ich Ressourcen einsetzen muss.
Stefan Böck:Viele können sich gar nicht vorstellen, wie im Detail der Schulalltag reglementiert ist. Wir haben so viele Erlässe, dass ein Lehrer diese gar alle nicht lesen kann. Leider haben nicht die Pädagogen, sondern die Juristen das Sagen im Schulsystem. Hätten wir weniger gesetzliche Vorgaben, könnte manches wie die Schulorganisation einfach am Standort geregelt werden. Also z.B. weg von der 50-Minuten-Stunde hin zum Blockunterricht. Das würde nichts kosten.
Heidi Schrodt:Ein weiterer Vorteil der Schulautonomie: Am Standort wissen Pädagogen, wie sie Geld und Personal am effektivsten einsetzen: Kaufe ich ein neues Piano oder engagiere ich lieber Psychologen?
Walter Rosenkranz: Derzeit werden z.B. die persönlichen Stärken der Lehrer viel zu wenig genutzt. Gerade in Musik oder Sport gibt es viele Profis, die später unterrichten. Ich kenne einen Vize-Europameister im Rudern, der mit den Schülern diesen Sport nicht ausüben darf – aus Angst, es könnte etwas passieren.
Harald Walser:Es wird zu viel Geld im Schulsystem verpulvert. Man denke an Sportplätze, die zwei Schulen nicht gemeinsam nutzen können. Auch die Betreuung der Schul-PCs ist sehr teuer. Ich habe mich als Direktor einer großen Schule oft darüber geärgert, dass ich für die Betreuung der Computer einen Lehrer anheuern musste. Besser und billiger wäre es, diese Aufgabe einem HTL-Ingenieur zu übertragen, der dafür ausgebildet ist.

Elmar Mayer:Autonomie wäre das Zauberwort in der Bildungspolitik: Schulen sollen eigenständig entscheiden können, wie sie ihre Ressourcen einsetzen. Was derzeit besonders erschütternd ist: Wenn ich ein Kind habe, das plötzlich in seiner Leistung massiv abfällt, so kann ich keine Hilfe für ihn beantragen. Denn: Rufe ich beim Bezirksschulinspektor an, fragt der mich, ob das Kind schon einmal die Klasse wiederholt hat. Falls nicht, bekommt man keine Hilfe. Das könnte die Autonomie verhindern. Das ist übrigens oft die Stärke von Privatschulen: Die haben meistens weniger Ressourcen, setzen diese aber gezielter ein.
Christine Marek:Mehr Autonomie führt auch sicher zu höherer Motivation an den Schulen selbst, wenn man je nachdem was ein Standort benötigt individuell Entscheidungen treffen kann. Und dafür aber auch dann die Verantwortung übernimmt. Dazu muss man auch überlegen, was die Schulen im Rahmen der Autonomie tatsächlich alleine entscheiden können und wo sie Unterstützung benötigen.

Warum entlässt die Politik die Schulen nicht in die Selbstständigkeit?

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christandl jürg
Elmar Mayer, SPÖ
Elmar Mayer, SPÖ
Mayer: Wir scheitern an den Kompetenzen. Der Bund zahlt, die Länder schaffen an. Ich bin schon von einem Landeshauptmann als Zentralist beschimpft worden, weil ich für die Schulautonomie bin. Schule ist ihr Reich. Solange wir diese Struktur nicht durchbrechen, haben wir keine Autonomie. Vielleicht ist es ja eine Chance, dass wir jetzt auf Länderebene ganz neue Parteienkoalitionen haben. Derzeit scheitern Reformen am Landeskaisertum.
Schrodt: Nicht nur dieses. Auch die Hierarchie, die im Denken verankert ist, verhindert die Autonomie. Ein Beispiel ist der 5-Stufen-Plan für den Umgang mit Schulschwänzern, der genau einzuhalten ist. Diese neue Regelung gilt für das Montafon genau so wie für Ottakring in Wien. Dabei wären Vor-Ort-Regelungen besser.
Walser: Ich kann das Gejammere von SPÖ und ÖVP nicht mehr hören. Die beiden Parteien bilden gemeinsam eine Regierung. Entweder ist sie in der Lage, eine vernünftige Reform durchzuziehen, oder sie soll zurücktreten. Im Bildungsbereich ist wirklich Not am Kind, und wir sind nicht in der Lage, kleinste Reformschritte zu machen. Seit Jahren wird versprochen, dass Schulen ihre Lehrkräfte selbst anstellen können. Geschehen ist nichts. Von Autonomie zu sprechen, gleicht daher dem Bau von Luftschlössern. Ein wesentlicher Grund, warum nichts weitergeht: Beide Parteien dominieren die Schulen parteipolitisch. Wegen dieses Proporzes geht nichts weiter. Das sind Machtpositionen, die jetzt auch die „LehrerInnenbildung neu“ blockieren. Dieser Stillstand kommt uns alle teuer zu stehen.

Wie weit muss die Schule noch in Rankings abrutschen, damit etwas passiert?

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christandl jürg
Christine Marek, ÖVP
Christine Marek, ÖVP
Marek: Was Heidi Schrodt vorgeschlagen hat, ist für Österreich sicherlich noch sehr visionär. Um dorthin zu kommen muss man sich fragen: Was ist gemeinsam mit den Ländern möglich? Zu bedenken gebe ich , dass die Autonomie gegenüber der jetzigen Situation ein Systembruch für die Pädagogen wäre. Die waren gewohnt, Vorgeschriebenes zu exekutieren. Lehrer in die Lage zu versetzen, eigenständig Entscheidungen zu treffen und zu verantworten, ist ein Prozess, den wir aber unbedingt angehen müssen.

Gibt es überhaupt eine schwarz-rote Willensbildung?
Marek:
Das muss ein breiter Diskussionsprozess sein. Für das nächste Regierungsprogramm wäre eine Initiative gut.
Böck: Das ist genau das, was wir wollen.
Walser: Haben Sie mit Fritz Neugebauer diskutiert? Die Lehrergewerkschaft blockiert am meisten.
Rosenkranz: Bisher gab es keinen Diskussionsprozess, sondern einen reinen Sonntagsredenprozess. Wir wissen nicht einmal, wer was unter Autonomie versteht. Außerdem werden bei dem Schlagwort sofort Ängste wach. Schon allein bei der Frage, ob sich Schulen Lehrer selbst aussuchen dürfen. Da ist die Angst bei denen, die jetzt die Besetzung parteipolitisch in der Hand gehabt haben, und sich das nicht wegnehmen lassen wollen. Auf der anderen Seite gibt es die Befürchtung, dass gute Lehrer abgeworben werden. Etwa, wenn eine Schule mit der Wirtschaft kooperiert und deshalb Boni für gute Lehrer zahlen kann. Das sind Ängste, die ernst zunehmen sind.

Ist die Parteipolitik immer noch Thema?
Rosenkranz:
Ja, sicher. Aber man kann nicht nur die Länder als die Schuldigen vorschieben. Es bleibt die Frage: Kann man diese nicht mit der Verfassungsmehrheit übergehen? Ich frage auch, was passiert dort, wo man dem Bund nicht hineinreden kann, bei den Bundesschulen? Kann die Regierung nicht sagen: Ihr Länder habt es noch nicht kapiert, aber wir zeigen jetzt in den Bundesschulen wie es geht? In den berufsbildenden Höheren Schulen wie HTL und HAK gelingt die Eigenverantwortung in gewissem Grad schon. Dort gibt es Kooperation mit dem Arbeitgeber, dem AMS etc. Da sieht man oft, mit wie viel Spaß und Freude Schüler lernen.

Es sollte da also einige Modellschulen geben?
Schrodt: Nein, alle Bundesschulen sollten autonom werden können, falls sie das wollen.
Rosenkranz: Genau, dazu brauche ich keinen einzigen Landeshauptmann.
Marek: So einen Prozess muss man anstoßen: Wir brauchen best practice-Beispiele, weil wir das nicht jedem Standort vorschreiben können. Diesen Prozess der Autonomie muss man begleiten. Das für Bundesschulen anzustoßen fände ich gescheit, weil wir da die Schüler haben, die mitbestimmen können.

Was müsste die Politik tun?
Schrodt: Schulen in die Autonomie zu entlassen, erfordert von der Regierung, dass sie eine überschaubare gesetzliche Regelung als Rahmen schafft. Der Staat übernimmt Gesetzgebung und Qualitätskontrolle. Wie das geht? Viele Verwaltungsebenen fallen weg, auch die Landesschulräte. Auf regionaler Ebene arbeitet ein Bildungsmanagement statt der herkömmlichen Schulinspektoren mit den Schulen. Die erhalten ein Globalbudget, suchen Lehrer selber aus, und haben Ressourcen, etwa für Deutsch als Zweitsprache, Begabtenförderung etc. Eine externe Evaluierung haben wir bereits in Form der Bildungsstandards. Diese garantieren ein Mindestniveau. Ohne gleichzeitige Autonomie bleibt derzeit kein pädagogischer Gestaltungsraum mehr.

Walser: Sinnvolle Reformen gibt es nur, wenn die Richtung klar ist, in die wir gehen wollen. Da muss ich vorher einige Fragen beantworten. Wollen wir eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen? Brauchen wir mit Bund, Land und Gemeinden wirklich drei verschiedene Schulerhalter, die sich bei notwendigen Reformschritten gegenseitig blockieren? Nur wenn ich weiß, wohin ich will, kann ich Reformen angehen.

Rosenkranz: Kleine Reformen (z.B. 50-Min.-Stunden abschaffen) könnte man jetzt schon angehen. Die großen Dinge wie ein eigenes Budget für die Schule – das geht derzeit nur im Wege von Bundesschulen. Je älter und reifer die Schüler desto mehr Autonomie kann ich gewähren. Beispiel Lehrplan: Mindeststandards sollten vorgegeben werden. Darüber hinaus sollte von Schülern und Lehrern vor Ort entschieden werden, was gelernt wird. Manche machen das bereits. Das sollte als gewünscht von Seiten der Schulverwaltung angesehen werden. Früher gab es beim Militär das Maria-Theresien-Kreuz für Leute, die Befehle missachtet und dennoch Erfolge erzielt haben. So etwas sollte es auch in der Schule geben. Mein Vorschlag also : Fangen wir dort an, wo wir die Kompetenzen haben, beim Bund.

Mayer: Da könnte ich mit.

Schrodt: Es ist schon in Ordnung zu schauen, was derzeit in der Praxis machbar ist. Aber: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Vision der Schulautonomie je von einer Partei formuliert wurde. Denn wenn ich Ja zur Autonomie sage, muss ich wissen wie die aussieht.

Böck: Die Zeit für Reformen läuft uns davon.

Kann man sich darauf einigen, dass die Autonomie im nächsten Regierungsprogramm steht?
Walser: Ja. Rufzeichen
Mayer: Ja - wir haben schon ein Modell.
Marek: Ja, natürlich.
Rosenkranz: Ja.

Internet: http://www.bildunggrenzenlos.at

http://www.wbs-wien.org/de

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