© Privat

Politik Inland
04/26/2020

Schule als Sehnsuchtsort: Fünf Lehrer und Schüler berichten von ihrem neuen Alltag

Auf Distanz. Fünf Schüler und Lehrer berichten aus ihrem neuen Alltag. Der ändert sich ab Mitte Mai wieder – die Skepsis, ob die Hygienemaßnahmen umsetzbar sind, ist groß

von Ute Brühl

Sechs Wochen Ausnahmezustand. Der wird auch dann noch anhalten, wenn die Schulen im Mai schrittweise öffnen. Wie das geschehen soll, hat Bildungsminister Heinz Faßmann diese Woche skizziert: Am 4. Mai beginnen die Maturanten, am 18. Mai folgen Schüler der Volksschule und der Unterstufen, am 3. Juni geht es für die Oberstufen wieder los. Damit nicht alle gleichzeitig in die Gebäude strömen, sollten Schulen schon früher als gewöhnlich die Tore öffnen, meinte Faßmann auf Ö1.

Allerdings ist fraglich, ob das etwas bringt: Die Kinder treffen sich ja schon im Bus. Zudem soll es Unterricht an Fenstertagen geben. Den Stufenplan zur Öffnung der Schulen betrachten viele AHS-Schulleiter nicht nur deshalb mit Sorge, berichtet Direktorensprecherin Isabella Zins: „Direktoren sind zwar geübt im Krisenmanagement. Doch die Hygienevorschriften sind in vielen Schulen nicht so leicht umsetzbar.“ Beispiel: „Selbst wenn wir die Klassen teilen, gibt es in Österreichs Gymnasien 6.000 Klassenzimmer, in denen 13 Kinder oder mehr sitzen – zu viel für die tatsächlichen Raumgrößen. Doch ohne die nötigen räumlichen und hygienischen Rahmenbedingungen können wir keine Sicherheit vor Ansteckung garantieren.“ Auf jeden Fall sind es die Schulleiter, die für die Umsetzung der Maßnahmen verantwortlich sind. „Wir hätten uns zumindest gewünscht, dass die Maturanten nicht gleichzeitig mit der Unterstufe im Haus sind“, sagt die Direktorensprecherin.

Doch alle Probleme ändern nichts daran, dass Lehrer und Schüler sich auf ein Wiedersehen freuen und herbeisehnen. Wie ihr Alltag derzeit aussieht, erzählen fünf Schüler und Lehrer, die Mitglieder des KURIER-Bildungsbeirats sind.

Schulzentrum Ybbs. Eigentlich kann sich Erik Schweiger nicht beklagen. An seiner Schule funktioniert das „distance learning“ vorbildlich. Der Grund: Phasen selbstbestimmten Lernens gehören in Ybbs zum Schulalltag. Einmal hatte man sogar schon ausprobiert, wie es funktionieren könnte, wenn alle zu Hause zu lernen – damals war Corona noch ein Fremdwort.

„Bei uns war deshalb der Übergang kein Problem“, berichtet Schweiger. Die Klasse arbeitet nach Stundenplan – in jedem Fach gibt es Arbeitsaufträge samt Fristen für die Abgabe, sodass sich jeder seinen Tag  gut einteilen kann.  

„Manchmal gibt es  Video-Konferenzen, bei denen die Schüler nachfragen können, wenn sie was nicht verstehen“. Das größte Problem ist für einige, dass die Internetverbindung zu schwach oder ihre Datenvolumen zu gering ist. Was aber allen zu schaffen macht: „Die Mitschüler fehlen uns, weshalb wir alle gerade ein Motivationstief haben.“ Deshalb freut sich Schweiger auf ein Wiedersehen.

NMS Eibengasse. Anfangs tat sich Aylin Özger schwer mit der Situation. „Da bekamen wir die Aufgaben nur per Mail, und ich wusste nicht so recht, wie ich lernen sollte. Vor allem, wenn ich etwas nicht verstanden habe,  war ich unsicher, was ich jetzt machen soll.“  

Doch das dauerte nicht lange: „Bereits in der zweiten Woche  hatten wir Zugriff  auf eine Lernplattform. Im Chat erklären mir die Lehrer das, was ich nicht verstehe.“ Und so ist das Lernen zu Hause mittlerweile Alltag – ein Alltag mit Tücken: „Das Ausdrucken ist nicht so einfach wie  in der Schule.“

Am meisten leidet sie darunter, Lehrer und Mitschüler nicht persönlich sehen zu können.  „Die gehen mir alle wirklich ab.“ Dennoch kann sie der Situation auch etwas Gutes abgewinnen: „Ich übe jetzt, mir die Zeit gut einzuteilen. Zudem kann ich dann lernen, wenn ich motiviert bin und mir Dinge selbst beibringen.“ Eigenschaften, die sie nächstes Schuljahr  gut brauchen kann, wenn sie in die Handelsakademie wechselt. 

BORG Mistelbach. Isabella Zins ist ein bisschen stolz  –  auf ihre Schüler, auf ihre Lehrer. „Der Online-Unterricht hat sehr schnell funktioniert.“ Einige ihrer Kollegen machten einen Crashkurs, wie man mit den neuen Tools umgegangen werden kann. Das bemerken auch die Eltern: „Die bekommen jetzt mit, was wir Lehrer leisten.“

Im Moment ist das sicher weitaus mehr als in normalen Zeiten.  Was ihr auffällt: „Die Einzelkommunikation, wie sie es jetzt in den Chats gibt, bietet Lehrern eine Möglichkeit, Persönliches auszutauschen, sodass man seine Schüler von einer anderen Seite kennenlernen kann.“ 

Einiger ihrer Schüler werden jetzt zur Reifeprüfung antreten. „Da mache ich mir keine Sorgen, dass sie das schaffen.“ Sehr schade sei es hingegen, dass  es heuer keine  Maturafeier geben wird. „Man merkt, dass das ein Ritual ist, das die Schüler sehr vermissen. Aber vielleicht schaffen wir es, die zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen.“

NMS Schopenhauerstraße. Gerda Reissner lässt die Situation nicht kalt: „Ich schlafe schon schlecht“, sagt die Lehrerin. Das hat nicht nur damit zu tun, dass das digitale Arbeiten an der Schule bisher höchstens eine Nebenrolle gespielt hat. Eltern mit dickem Bankkonto sind an dem Standort eher die Ausnahme. Nicht jedes Kind hat hier ein Smartphone, geschweige denn einen Laptop zur Verfügung. Immerhin fünf Geräte bekommt ihre Klasse jetzt geliehen.

Was sie stresst: „Ich führe den ganzen Tag Telefonate  – mit Kollegen,  mit Eltern und Schülern.“ Je länger  die Schule geschlossen ist, desto schwieriger wird es. „Manche Kinder scheinen antriebslos zu werden, andere sind organisatorisch überfordert.“ Es gehe jetzt nicht so sehr darum, den Stoff weiterzubringen. „Wir als Schule sind auch dazu da, dass wir die jungen Menschen durch diese schwierige Situation lotsen.“ Deshalb lässt sie jetzt alle Tagebuch schreiben. Das hilft, die Situation zu verarbeiten“, ist die Lehrerin überzeugt. 

Volksschule Frohsdorf. Direktorin Sonja Schärf-Stangl bekommt derzeit lustige Fotos. „Die Schülerinnen und Schüler haben die Aufgabe bekommen, Lernwörter auf Zettel zu schreiben und die im Haus zu verteilen. Ein Bub hat mir jetzt ein Bild geschickt – er mit einem Löffel  samt Beschreibung.“

Nicht nur die Schüler, auch Eltern und Lehrer haben sich so nach und nach  an die neue Situation gewöhnt. „Es hat eine enorme Professionalisierung stattgefunden“, stellt die Schulleiterin fest. „Anfangs nutzten wir nur Mails, jetzt sind Lernplattformen die Regel.  Kinder oder ihre Eltern können sich das Unterrichtsportfolio runterladen, die Lehrer sehen, was der Schüler gemacht hat.“ Das ersetzt aber nicht den persönlichen Kontakt: „Eine Schülerin hat sich ein Video von ihrer Lehrerin schon hundertmal angeschaut. Ein kleiner Trost.“  Ein paar Kinder sind in der Betreuung, weil die Eltern arbeiten. „Wo wir wissen, dass es zu Haue nicht so einfach ist, haben wir Kinder aktiv eingeladen.“ 

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.