Politik | Inland
19.11.2017

Schieder vs. Ludwig: Erbfolgestreit im Wiener Rathaus

Das Duell um den Wiener Bürgermeisterposten ist eröffnet. Wie ticken die Kandidaten Andreas Schieder und Michael Ludwig? Wer prägte sie? Was treibt sie an?

Für die Wiener SPÖ bedeutet es eine Premiere, die politischen Kommentatoren beurteilen es als Richtungsentscheidung. Die beide Kontrahenten sehen es gelassen: Am 27. Jänner stellen sich erstmals zwei Kandidaten der Wahl, um das Erbe von Michael Häupl anzutreten.

"Dass sich in einer Demokratie zwei Personen um ein Amt bewerben, sollte nichts Besonderes sein", meint SPÖ-Klubchef Andreas Schieder, der am Mittwoch seine Kandidatur bekannt gab. Ähnlich kommentiert es auch Wohnbaustadtrat Michael Ludwig: "Nicht zuletzt als Michael Häupl Landesparteivorsitzender wurde, gab es zwei Kandidaten. Damals wurde im Vorfeld abgeklärt, welcher Kandidat die besseren Chancen hat."

Doch wie kam es dazu, dass die SPÖ erstmals nicht geschlossen hinter einem Kandidaten steht?

Der Streit wurzelt im 1. Mai 2016, als Werner Faymann am Rathausplatz für die Flüchtlingsobergrenze ausgepfiffen wurde. Seither schwellt innerhalb der SPÖ-Wien ein ideologischer Kampf zwischen denen, die die rot-grüne Koalition nervt. Sie wollen eine Öffnung hin zur FPÖ. Aber auch jene, die noch eine Rechnung mit Renate Brauner und Sandra Frauenberger wegen der Faymann-Demontage haben, formieren sich in diesem Lager. Ihr Favorit für den Bürgermeister-Posten ist der 56-jährige Wohnbaustadtrat Michael Ludwig aus Floridsdorf. Hinter ihm stehen vor allem die Flächenbezirke.

Als Wunschkandidat der Linksausleger in der SPÖ-Wien, die sich weiterhin eine Abgrenzung zur FPÖ und eine liberale Flüchtlingspolitik wünschen, gilt SPÖ-Klubchef Andreas Schieder.

Der Mann, der den Kopfstand schafft

Erst vor sieben Tagen fiel seine Entscheidung, die der Wiener SPÖ erstmals einen Showdown am 27. Jänner beschert. Fast im Alleingang – nur Freunde, die Andreas Schieder die „harten Wahrheiten im Leben sagen können und keine Politiker sind“, waren seine Berater, ob er den Job des Wiener Bürgermeisters anpeilen soll.

Das Urteil seiner Lebenspartnerin Sonja Wehsely – obwohl sie eine Rathaus-Insiderin ist – spielte da „ganz und gar keine“ Rolle, meint Schieder beharrlich. „Wir haben uns angewöhnt, jeder geht seinen beruflichen Weg selber“. Gerade bei den Delegierten der Wiener Flächenbezirke ist die ehemalige Stadträtin Sonja Wehsely ein rotes Tuch. Sie fürchten, dass die ausgeprägte Linksauslegerin doch noch indirekt ins höchste Amt der Stadt einziehen könnte. „Das ist ein Blödsinn. Weder ich habe bei meiner Frau mitregiert, noch sie bei mir. Ich stehe für mein Projekt und aus.“ Klingt wie eine Garantie, die Schieder hier gerade abgibt.

Die Kandidatur für die Nachfolge von Michael Häupl gilt als die politische Mutprobe des 48-Jährigen, der aus dem SPÖ-Adel stammt. Sein (2013 verstorbener) Vater Peter gehörte über viele Jahre zu den mächtigsten Männern der SPÖ, sowohl im Bund etwa als Zentralsekretär als auch in Wien als Umweltstadtrat. Aufgewachsen ist Schieder in Penzing, wo er heute noch SPÖ-Chef ist, obwohl er längst in Leopoldstadt wohnt. „Die U4 ist meine Lebenslinie. Mit ihr komme ich schnell nach Hütteldorf und ins Rapid-Stadion.“

Schieder selbst will zwar SPÖ-Klubobmann bleiben, auch wenn er die Wahl am 27. Jänner gegen seinen Konkurrenten Michael Ludwig verliert („Warum soll das nicht möglich sein“). Politische Kommentatoren sehen das anders. Das lässt Schieder aber kalt: „Politik kann man nicht immer mit einem Sicherheitsnetz machen.“

Vorbilder: Brandt, Clinton, Palme

Vielleicht will er mit Ende 40 den nächsten Schritt machen, um zu einer politischen Figur mit Nachhaltigkeitsfaktor zu avancieren. So ähnlich wie die Holzfiguren eines schwedischen Künstlers, die er sammelt und die in seinem Büro stehen. „Mein Leben ist voller Figuren“, sagt er selbst über sich. Wer das Containerbüro am Heldenplatz von Schieder betritt, muss zuerst an einem originalen Wiener Watschenmann aus dem Prater vorbei (ein Erbstück von seinem Vater Peter). „Mittlerweile muss ich ihn sanft behandeln, weil er schon ein Sammlerstück ist.“

Vis-à-vis seines Schreibtisches posieren seine Vorbilder – quasi sein politisches Glaubensbekenntnis. Er greift zur ersten Holzfigur und sagt fast liebevoll: „Das ist der Willy. Da ist er schon ein bisschen älter.“ Er meint die verstorbene SPD-Ikone Willy Brandt. „Er war ein fantastischer Politiker und ein Menschenfänger im positiven Sinn.“ Weiter geht es mit den ehemaligen schwedischen Regierungschefs Ingvar Carlsson und Olaf Palme. „Leider habe ich keine Kreisky-Figur, die zu Carlsson und Palme passen würden.“ Gandhi und Nelson Mandela stehen für den politischen Widerstand. Aus der jüngeren Generation hat Schieder in Bill Clinton ein Vorbild gefunden. „Während seiner Präsidentschaft herrschte eine Aufbruchstimmung. Was uns beide verbindet, ist die Liebe zum Saxofonspielen.“ Als Jugendlicher wurde Schieder zum Klarinetten-Unterricht vergattert. Vor zwei Jahren hat sich der SPÖ-Politiker seinen Wunsch erfüllt und ein Saxofon gekauft. „Mit einem Jazz-Studenten übe ich nun regelmäßig. Ich bin schon recht stolz auf meine Fortschritte. Ob das die Mitbewohner im Haus auch so sehen, weiß ich nicht“, lacht Schieder.

Michael Häupl, Helmut Zilk und Leopold Gratz heißen die Bürgermeister seit 1973. Allesamt Originale. Wie will Schieder in diese Fußstapfen treten? Hat er überhaupt das Zeug zum Original? „Ich glaube, auch heute noch muss ein Original als Bürgermeister sein. Aber ich denke auch, das Amt macht einen dazu. Häupl wusste am Anfang seiner Amtszeit sicher auch noch nicht, wie er das schaffen wird. Es passierte dann einfach.“ Gratz, der laut Schieder „das verschlafene Wien wach küsste“, ist sein großes Vorbild. „Er war ein Original und zugleich ein Sir“, so der SPÖ-Klubchef.

Schieder sagt man nach, dass er eitel, zornig ist und schnell wütend wird. Was stimmt nun? „Eitel ist er nicht“, meldet seine Pressesprecherin Sigrid Rosenberger sofort ein. „Ich brauch’ nicht eitel sein“, fügt der Ex-Staatssekretär im Scherz lachend hinzu. Und wütend? „Ärger runterschlucken halte ich für schlecht. Ja, ich lasse manchmal Dampf ab. Habe aber auch das Zeug dazu, mich zu entschuldigen, wenn ich übertrieben habe. Diese direkte Art ist mir lieber, als wenn man nachtragend ist oder hinter dem Rücken schlecht redet.“

Yoga, Kopfstand & Elefant-Position

Schieder hat ein Laster und das heißt Süßigkeiten in Gummiform: Schlangen, Bären, Schlümpfe. Es ist ein ewiger Kampf gegen den Heißhunger auf Zucker, den Schieder seit Jahrzehnten führt. Den Kalorien-Gau versucht er durch Bike-Touren oder Bergsteigen zu kompensieren. Manchesmal sucht Schieder auch den bewussten Zuckerentzug. Etwa bei einer Ayurveda-Kur in Sri Lanka. „Das ist ein schönes Projekt einer Österreicherin, weil man gleichzeitig eine Schule für 1000 Kinder mit dem Urlaub finanziert.“ Was bisher keiner wusste, dass in Schieder offenbar ein talentierter Yoga-Schüler steckt. „Ich bin besser als Matthias Strolz“, erzählt der Parlamentarier lachend.

Wenn er gut in Form ist, dann schafft der rote Klubobmann den Kopfstand sogar mit ausgestreckten Beinen. Auch die Elefant-Position, für die man Körperbeherrschung benötigt, meistert er. Früher fiel Yoga für Schieder unter Esoterik. „Aber ich habe entdeckt, dass es extrem gesund ist.“ Was bringt ihm der Kopfstand? Tut es mal gut, die Sichtweise zu wechseln? „Ich habe zur Konzentration die Augen zu. Mir geht es wie immer im Leben darum, einen Schritt weiterzukommen.“

„Mit der FPÖ regieren? Das will ich nicht“

Er ist nicht eingezogen, um zu bleiben. Erst seit acht Wochen bewohnt er sein neues Büro auf der Stiege acht im zweiten Stock des Rathauses. Eine Zwischenstation auf dem Weg zur favorisierten Endstation: die Bürgermeister-Etage. Doch egal, ob Wohnbaustadtrat Michael Ludwig am SPÖ-Wien-Parteitag zum Erben von Michael Häupl gewählt wird oder nicht – eine Konstante wird es in seinem Leben auch nach dem 27. Jänner geben: Das sind seine Bücher.

Eine rund sieben Meter lange und über drei Meter hohe Bücherwand (satte 21 Quadratmeter) vollgestopft mit historischen und politischen Werken dominiert das Office des 56-Jährigen. Quasi der „Altar“ für den belesenen Ludwig, der den 1000-Seiten-Roman „Die Ästhetik des Widerstandes“ von Peter Weiss über die politischen Erkenntnisse der Arbeiterbewegung im Widerstandes gegen den Faschismus als prägend bezeichnet. „Eine interessante Verknüpfung von Mythologie und dem Widerstand, verquickt mit einer künstlerischen Sichtweise“, schildert der Wohnbaustadtrat.

Passt so viel Geschichtsbewusstsein zu einem Politiker, den man gerne in das dumpfe rechte Eck stellt? Eindeutig nicht, meint ausgerechnet der ehemalige Sonderbeauftragte der Stadt Wien für Restitutions- und Zwangsarbeiterfragen und Ex-Schulstadtrat Kurt Scholz, der für Ludwig in die Bresche springt: „Es ist es am Rande des Rufmords, wenn seine Gegner ihn ins rechte Eck drängen wollen.“ Ludwig selbst, der 2007 Wohnbaustadtrat wurde, ärgert sich nicht über das Image, das ihm seine politischen Gegner umhängen – selbst wenn er einen „propagandistischen Sinn dahinter“ erkannt haben will.

Ohne Seilschaften nach oben

Noch hat Ludwig nur in Wien einen breiten Bekanntheitsgrad. Gewinnt er die Wahl, wird der umgängliche Floridsdorfer, der seit über 40 Jahren in der SPÖ aktiv ist, zum politischen Machtfaktor. Spätestens dann werden sich viele Österreicher fragen: Wer ist dieser Mann?

Als erste Antwort erhält man unisono von seinen Unterstützern: Vor allem nett sei er. Manche meinen: zu nett. „Es soll mir nichts Schlimmeres passieren, als dass man mir nachsagt, ich sei nett“, meint der Wohnbaustadtrat über seinen Ruf. Manche, so meint er, „legen es mir negativ aus, weil ich auch mit politischen Gruppierungen rede, die anders denken.“ Seine Höflichkeit legt er allerdings dann ab, wenn es um Entscheidungen geht. „Er kann sehr gut mit Menschen umgehen“, so der SPÖ-Mandatar Harald Troch aus Simmering.

Kommt für Ludwig tatsächlich eine Regierung mit der FPÖ in Frage? „Das will ich nicht. Die FPÖ ist unser stärkster politischer Konkurrent. In Wien wie auch in Floridsdorf.“ Doch der 56-Jährige betont zugleich, wo die Trennlinien zwischen ihm und seinen innerparteilichen Gegnern liegen: „Deswegen kann man trotzdem hinterfragen, warum es der FPÖ gelingt, Wähler zu gewinnen. Man sollte sich überlegen, was die eigenen Ziele sind und nicht zu welcher politischen Gruppierung man sich abgrenzt.“

Seine Polit-Karriere ist geradezu ein Kontrapunkt zu jener seines Herausforderers Andreas Schieder. Kein politischer Adel, keine politischen Seilschaften stehen hinter ihm. Ausschließlich der Fleiß hat das Scheidungskind nach oben gebracht. Der Wohnbaustadtrat wuchs in Neubau auf – heute der sogenannte Bobo-Bezirk in Wien. In Ludwigs Kindheit war aber noch keine Spur von Bobo. Seine Mutter arbeitete in einer Fabrik, die ihre Produktion in der Kaiserstraße hatte. Die Scheidung der Eltern ist für ihn eine Zäsur. Als Teenager muss Ludwig nach Floridsdorf ziehen.

Vom urbanen Neubau nach Floridsdorf in einen Gemeindebau war auch schon damals ein ordentlicher Gegensatz. „Ich erinnere mich noch an meine erste Fahrt mit der Linie 330 der Brünner Straße entlang. Es war ein Herbsttag, der Nebel lag über der Stadt und drei Stationen entlang sah ich kein einziges Wohnhaus, sondern nur Felder“, schildert er seine Eindrücke von Transdanubien. Die geschrumpfte Familie lebte fortan auf 44 Quadratmetern. Fast rund um die Uhr arbeitete die Mutter. Tagsüber in der Fabrik, abends halfen Tochter und Sohn bei der Heimarbeit, die die Mutter mitbrachte. Nebenbei ging sie putzen, am Wochenende besserte sie die Haushaltskassa beim Servieren in einem Gasthaus auf. Der junge Ludwig, der damals von schwacher Konstitution war, durfte sich nicht schonen. Er trug nebenbei Pakete aus und verlegte auf der Weststrecke Eisenbahnschienen. „Ich bin kurz nach vier Uhr von Zuhause aufgebrochen. Am Abend war ich so fertig, dass ich beim Duschen nicht einmal mehr die Hände heben konnte.“

Beim Mauerfall in Berlin dabei

So richtig in Floridsdorf beheimatet fühlte sich Ludwig erst, als er politisch aktiv wurde. In seinem Studium findet sich wieder ein Mosaikstein, der so gar nicht mit seinem nachgesagten politischen Rechtsdrall koalieren will. Seine Dissertation hat das Thema: „Das marxistisch-leninistische Konzept der Partei neuen Typus am Beispiel der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“. Klingt eher nach extremer Linksausrichtung.

„Mein Interesse an der DDR war reiner Zufall“. Der verstorbene SPÖ-Abgeordnete Herbert Tieber fragte ihn, ob er nicht für die Einschätzung der politischen Entwicklung der DDR nach Berlin an die Humboldt-Universität fahren wolle. Das tat der Politikwissenschaftsstudent mehrmals. Beim Mauerfall am 9. November 1989 war er live dabei. „ Die Situation war völlig chaotisch. Viele Ostberliner glaubten in den ersten Stunden, dass die Mauer nur für wenige Stunden geöffnet wird. Sie kauften in Westberlin schnell ein und rannten dann mit den Plastiksäcken zurück nach Ostberlin.“ Was hat er aus diesem historischen Moment mitgenommen? „Ich habe erlebt, wie schnell sich ein politisches System auflösen kann. Menschen, wie die Grenzsoldaten, die wenige Stunden davor noch als bedrohlich galten, waren plötzlich lächerlich. Seither weiß ich: Panta rhei. Alles fließt – auch Macht.“