Der neue Hausherr im Finanzministerium. Hans Jörg Schelling (60) fühlt sich im renovierten Winterpalais von Prinz Eugen sichtlich wohl

© Kurier/Juerg Christandl

Hans-Jörg Schelling privat
09/13/2014

"Würde mein Vermögen nicht mehr stiften"

Warum Hans-Jörg Schelling seine Geburt ein "Wunder" nennt und privat nur einen VW besitzt, erzählt er im persönlichen Interview.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Schelling, in einem Interview meinten Sie: "Es ist kein Zufall, warum Quereinsteiger so oft scheitern." Wieso haben Sie das Zeug zum Erfolg?

Hans-Jörg Schelling: Weil ich kein klassischer Quereinsteiger bin. Ich habe Politik als Stadtrat von St. Pölten von der Pike auf gelernt. Das war eine harte Schule. Quereinsteiger scheitern deswegen, weil sie es einfach nicht wissen können, wie man in öffentlichen Institutionen zu Lösungen kommt.

Bei meiner Tätigkeit im Hauptverband habe ich diesen Prozess oft mühsam und leidvoll gelernt. Ich weiß, wie man mit Bundesländern und Sozialpartner schwierige Themen verhandelt. Deswegen sehe ich mich nicht als Quereinsteiger. Außerdem registriere ich bis jetzt auch keinen Punkt, der mich irritieren würde. Wir haben einen guten Neustart hingelegt. Es ist der Wille da, das Verbindende in den Vordergrund zu stellen und den Ländern zu signalisieren, meinen Ideen eine Chance zu geben.

Warum tun Sie sich diese Herkulesaufgabe an und fliegen nicht lieber auf die Malediven und genießen Ihr sorgenfreies Leben?

Ich weiß den Anlass nicht mehr, aber vor Jahren habe ich einmal zu einer Mitarbeiterin gesagt: "Wenn wir so weitermachen und nicht weiterkommen, dann gehe ich auf eine einsame Insel." Die Mitarbeiterin antwortete spontan: "Dann machen Sie daraus in kürzester Zeit eine Touristenhochburg." Dieser Satz bringt es auf den Punkt. Nur in den Himmel zu schauen und auf einer Insel sitzen, wäre nichts für mich. Aber ich habe mir auch die Frage gestellt: Traue ich mir den Job als Finanzminister zu? Denn das Finanzministerium hat kein Einzelthema, sondern ein Bündel an Themen. Letztendlich habe ich mich entschlossen, nicht nur zu kritisieren, sondern mich für das Verändern von innen entschieden.

In einem Buch haben Sie einmal geschrieben, dass es angesichts der widrigen Umstände rund um ihre Geburt ein Wunder war, dass Sie überhaupt auf die Welt gekommen sind. Welche Geschichte steckt hinter diesem " Wunder"?

Die Geschichte mit dem Wunder ist leicht erklärt. Ich bin am 27. Dezember zur Welt gekommen. Meine Eltern lebten in einem Dorf, das auf 1200 Meter Seehöhe liegt. Bis einen Tag vor meiner Geburt gab es keinen Schnee. In der Nacht wurde das Bergdorf innerhalb weniger Stunden eingeschneit. Zu diesem Zeitpunkt haben die Wehen eingesetzt. Mein Vater ist mit meiner hochschwangeren Mutter auf einem Schlitten ins Tal gerodelt. Im Tal gab es ein einziges Telefon, wo mein Vater dann die Rettung rufen konnte. Als meine Mutter endlich im Krankenhaus war, dauerte es nur noch eine Stunde, bis ich auf der Welt war. Deswegen sprach meine Mutter immer von einem Wunder.

Sie stammen aus einfachen Verhältnissen. Ihr Vater war Schuldirektor in einem Bergdorf, es wurde noch in Naturalien gezahlt. Wie sehr hat diese Kindheit Sie geprägt?

Mein Vater unterrichtete an einer einklassigen Volksschule. Er hatte natürlich ein ganz normales Gehalt, aber da kaum jemand bereit war, in einem Bergdorf zu unterrichten, hatten die Bauern gewisse Anreize geschaffen. So bekam mein Vater ein Kartoffelfeld zur Verfügung gestellt und im Winter lieferten die Bauern Holz. Was ich hier lernte, ist eine unglaubliche Verbundenheit und ein Gemeinschaftsgefühl mit den Nachbarn. Denn wenn das Dorf eingeschneit war, schaffte man den Weg zur Außenwelt nur, wenn alle an einem Strang zogen. In schwierigen Situationen hielt man einfach zusammen. Das hat auch mich sehr geprägt – deswegen stelle ich das Verbindende immer vor das Trennende.

Durfte man in Vorarlberg überhaupt etwas anderes wählen als die ÖVP?

Das glaube ich nicht, dass es diesbezüglich in unserer Familie eine Diskussion gab. Ich selber habe bis jetzt auch nie eine andere Partei gewählt, selbst als ich noch ein Revoluzzer in der Jugend war.

Sie nennen Julius Raab und Konrad Adenauer als Ihre Vorbilder. Können Sie auch einen Finanzminister nennen?

Ich habe mir keinen überlegt, weil ich schon aus pragmatischen Gründen keinen österreichischen Finanzminister benennen will. Julius Raab habe ich genannt, weil er für mich nicht nur der Baumeister der Republik war, sondern auch ein Brückenbauer. Bei Adenauer hat mir seine Einstellung gefallen, die da lautet: "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern, wenn die Diskussion dazu geführt hat, dass ich heute gescheiter bin." Diese Flexibilität bei einem Menschen, der doch in einem hohen Alter in die Politik ging, fasziniert mich. Außerdem stehen Raab und Adenauer für eine gewisse Geradlinigkeit, das imponiert mir.

Nerven Sie die Fragen schon, wie viele Millionen in Ihrer Stiftung liegen?

Überhaupt nicht. Ich habe mich auch entschlossen, das Thema ganz offen anzugehen. Denn was soll’s? Ich bin stolz darauf, dass ich es so weit geschafft habe. Ich kann mich erinnern, wenn ich meinem Vater von meinen Plänen erzählt habe, hat er oft ängstlich gesagt: "Hoffentlich geht das gut!" Er war in seiner Denkstruktur natürlich ganz anders als ich gepolt. Das Geld, das ich besitze, liegt in einer Stiftung und die Stiftung gehört de facto nicht mir. Aber deswegen zu behaupten, ich besitze nichts, wäre lächerlich.

Sie haben schon öfters betont, dass Sie keine 100 Millionen besitzen, sondern Ihr Vermögen im einstelligen Millionenbereich liegt. Ab welchem Vermögen macht es Sinn, zu stiften?

Meine Stiftung ist Mitte der 1990er-Jahre gegründet worden. Aus der heutigen Sicht würde ich nicht mehr stiften. Denn die wesentlichen Vorteile des Lacina-Stiftungsrechts wurden mittlerweile aufgehoben. Und die Nachteile, dass man nicht mehr frei über das Vermögen verfügen kann, sind jetzt noch stärker geworden. Ich habe es damals nur gemacht, weil es um den Transfer von Firmenanteilen ging.

Welchen Luxus leisten Sie sich?

Ich bin schon immer ein sehr sparsamer Menschen gewesen, und ich brauche keinen besonderen Luxus. Meine Erziehung hat mich so geprägt. Meine Mutter war, und das war für die damalige Zeiten noch sehr ungewöhnlich, berufstätig. Damit sie untertags bei uns Kindern sein kann, hat man sie als Krankenschwester viele Nachtdienste machen lassen. Es ist schön, wenn Geld da ist. Es gibt eine gewisse Sicherheit und macht frei, aber ich gebe mein Geld nicht wahllos aus. So fahre ich nach wie vor privat einen VW.

Was müsste passieren, dass Sie Ihren Schnauzbart wegrasieren lassen?

Ich trage ihn schon seit 40 Jahren. An den Grund, warum ich ihn wachsen ließ, kann ich gar nicht mehr erinnern. Ich vermute, es war meine Bequemlichkeit, damit das Rasieren schneller geht.

Sie haben in einem früheren Interview behauptet, dass drei Ängste keine Reformen in der Politik zulassen. Die Angst vor dem Machtverlust, die Angst vor den unpopulären Wahrheiten und die Angst vor dem Unbeliebtsein. Wie will Hans-Jörg Schelling der Regierung diese Ängste austreiben?

Alle Politiker sind gut beraten, sich nicht Lösungen zu verwehren, weil das Argument des Machtverlusts im Raum steht. Das wird Österreich nicht verstehen. Die Österreicher wollen Lösungen haben, die praktikabel und zum Nutzen des Landes sind. Daher habe ich für solche Argumente kein Verständnis. Und eine Angst, unpopulär zu werden, habe ich nicht. Denn wir haben alle Hände voll zu tun, wieder populärer zu werden. Meine Erfahrung im Gesundheitsbereich hat gezeigt, man kann auch unpopuläre Wahrheiten sagen, ohne gleich durch Sonne und Mond geschossen zu werden. Mehr noch: Unsere damaligen Umfragen haben gezeigt, dass die Österreicher die Reformen verstanden haben. Das sollte Mut geben, die Aufgaben offensiv anzugehen.

Sie spielen Golf. Welches Handicap haben Sie?

Ich stehe bei 16,3 beim Golfclub in St. Pölten. Mit dem Golfspiel – das ich übrigens bewaffneten Spaziergang nenne – habe ich gestartet, als ich mich aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen habe. Irgendwo musste meine freigewordenen Energie hin, und ich suchte einen Sport, den ich ohne Partner ausführen kann. Deswegen kam ich auf Golf und der Sport lehrt einen Demut. Und Demut im Leben ist eine Tugend, die man immer haben sollte.

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