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Politik Inland
09/05/2019

Rechtsextreme Tendenzen im Heeresgeschichtlichen Museum

Es kursieren schwerwiegende Vorwürfe, wonach es in dem staatlichen Museum einen Rechtsdrall gibt. Der Verteidigungsminister kündigt dem KURIER eine Untersuchung an.

von Christoph Schattleitner

Mit dem 1998 beschlossenen Kunstrückgabegesetz hat sich die Republik Österreich verpflichtet, in der NS-Zeit geraubte Kunstwerke, die sich (noch immer) in den Bundesmuseen befinden, an die rechtmäßigen Eigentümer, vornehmlich Juden, zu restituieren.

Um eine Entscheidung für oder gegen die Rückgabe fällen zu können, werden seither Dossiers zu den Kunstwerken mit einer zweifelhaften Erwerbung erstellt, in der die Eigentümerkette dargelegt ist. Im Heeresgeschichtlichen Museum ist für diese Provenienzforschung ein ehemaliger FPÖ-Mitarbeiter, Walter Kalina, zuständig. 

KURIER–Recherchen lassen Zweifel entstehen, ob Kalina seine Arbeit unvoreingenommen erledigt. Denn Kalina hatte während seiner Laufbahn auffallend oft und eng Kontakt zu Personen und Organisationen, denen Rechtsextremismus und Judenhass vorgeworfen wird.

FPÖ, Gothia & Höbelt

Kalina hat beim FPÖ-nahen Historiker Lothar Höbelt seinen Doktor gemacht, der in rechten Kreisen gut vernetzt ist. Kalina ist auch unter einem Pseudonym auf Wikipedia sehr aktiv (der KURIER enttarnte ihn, Kalina bestätigt). Dort löschte er auch einen Eintrag über Höbelt, wonach dieser beim Holocaust-Leugner David Irving publiziert haben soll.

"Sehr wild, sehr weit rechts"

Kalina verteidigt auch einige FPÖ-Politiker. So löscht er auf Wikipedia einen Absatz, in dem die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) die FPÖ-Politikerin Barbara Rosenkranz für ihre Haltung zum NS-Verbotsgesetz kritisiert. „Ich denke zum Thema Rechtsextremismus ist in diesem Artikel übergenug vorhanden“, schreibt Kalina. Andere User stellen die Passage wieder online, Kalina versucht ein Jahr danach wieder, sie zu löschen.

Kalina ist Mitglied in der Pennalen Burschenschaft Germania Libera, weiß Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW), „eine sehr wilde, sehr weit rechts stehende Burschenschaft“. Kalina ist auch Mitglied der Gothia Wien, die 2013, aber auch 2017 kritisiert wurde, weil sie den Judenhass „Berühmter Gothen“ auf ihrer Webseite verschwiegen hat, wie Der Standard aufdeckte.

Bekannt für "Geschichtsrevisionismus"

Und da ist dann noch Martin Graf (FPÖ), für den Kalina in den Nullerjahren vor seiner HGM-Zeit arbeitete. Die IKG hat seit Jahren ein fundamentales Problem mit Graf. Dass ihn die FPÖ 2019 in den Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus schickte, empfand IKG-Präsident Oskar Deutsch als Provokation: Grafs Burschenschaft Olympia sei „für ihren Geschichtsrevisionismus bekannt“.

Der Semiosis-Blog recherchierte zufällig auch zu Kalina und ließ dem KURIER vorab Kalinas Wikipedia-Beschreibungen zu Künstlern, die während der NS-Zeit wirkten, zukommen.

"Völlig unkritisch"

Eine Kunsthistorikerin der Uni Wien, die nicht namentlich genannt werden will, hat sich für den KURIER Kalinas Wikipedia-Texte angeschaut. Sie sagt:

„Würde ein Student von mir so einen völlig unkritischen Text schreiben, würde ich ihm den um die Ohren hauen. Ich bin entsetzt, dass heutzutage so etwas noch möglich ist. Dieser Mann entstammt einer anderen Generation.“

Die Kunsthistorikerin wollte dem KURIER anfangs nicht glauben, dass es sich beim Verfasser um einen studierten Historiker handelt. „Der Text ist völlig unprofessionell und reiht ohne Einordnung positivistische Dinge aneinander.“

Und: Kalina hat im Wikipedia-Text über den Künstler Max von Poosch nicht erwähnt, dass dieser auf Adolf Hitlers Großer Deutscher Kunstausstellung in München 1939 und 1940 ausgestellt hat; die wohl größte Ehre für NS-Propagandisten. „Das ist zentral für seine Einordnung“, sagt die Kunsthistorikerin. Auf Wikipedia schreibt Kalina bloß vom „österreichischen Landschaftsmaler“ Poosch.

Legt Kalina - in seinem Brotberuf für das HGM - seine Dossiers zur NS-Zeit ähnlich an? Ist er wirklich der richtige Mann für die Provenienzforschung? Diese Fragen stellen sich nach seinen Wikipedia-Bearbeitungen zwar. Allerdings kann Kalina nicht über eine Rückgabe entscheiden. Eine österreichweite Kommission prüft unter anderem seine Recherchen, ehe sie dem zuständigen Minister eine Empfehlung ausspricht.

Die Vorsitzende dieser Kommission ist Eva Blimlinger, die für die Grünen bei der Nationalratswahl kandidiert. Sie sagt: Die Dossiers des HGMs entsprechen „den Standards der Kommission“, sie wünsche sich aber, dass die Provenienzforschung im HGM „intensiver und schneller “ vonstatten gehe. Das HGM reagierte auf eine KURIER-Anfrage - mit vielen Fragen auch an Kalina - nicht.

Auch weitere Vorwürfe kursieren

In den vergangenen Tagen kursierten weitere Vorwürfe, die das HGM in ein sehr rechtes Licht rückten. Der StopptDieRechten-Blog, der vom ehemaligen Grünen-Mandatar Karl Öllinger gegründet worden war, recherchierte dazu und überließ dem KURIER vorab einige Informationen.

Demnach stehe im HGM die Welt Kopf, seit Franz Brödl 2015 vom Bundesheer ans Museum wechselte. Laut DÖW wurde Brödl "ehrenvoll" aus der Burschenschaft Olympia entlassen.

Ex-Olymp im HGM

Eine "ehrenvolle" Entlassung bedeute, dass Brödl nach wie vor die Inhalte der Burschenschaft teile; er durfte nur nach Abbruch seines Studiums nicht mehr dabei sein. "Rechts neben der Olympia ist eigentlich nur noch die Wand - und das Verbotsgesetz", sagt Peham vom DÖW.

Brödl, eigentlich nur einfacher Referent für Waffen im HGM, führe sich im Museum auf, als wäre er der zweite Vizedirektor, sagt eine Quelle aus dem HGM. Als dann auch noch 2017 Mario Kunasek FPÖ-Verteidigungsminister wurde, habe Brödl Narrenfreiheit bekommen.

So soll er eine als Garage gewidmete Halle zur "Panzerhalle" umfunktioniert haben. "Dort stehen vollbetankte Panzer fahrbereit herum", heißt es, "da muss sich nur einer auskennen und ausbüxen." Im dazugehörigen Shop wurden Wehrmachtspanzer in Spielzeug-Form, rechtsextreme Literatur des Ares-Verlags und anderes eindeutiges Merchandise gekauft werden, wie auch Der Standard berichtet.

Das Museum sei zu einer unkritischen Kaserne geworden, kritisiert die Quelle, Objekte des Museums und die wissenschaftliche Arbeit seien vernachlässigt worden. Sogar der Heerespsychologische Dienst soll im Museum gewesen sein, um die Vorgänge zu untersuchen. Mitarbeiter, die sich über diese kritisch äußerten, sollen trotz Schweigepflicht entmachtet worden sein ("Die Direktion weiß ja, aus welcher Abteilung welche Information kommt").

"Die glauben, sie können sich alles erlauben"

Brödl soll außerdem in der Belegschaft auch mit seinen FPÖ-Bekanntschaften geprahlt haben, etwa dass er mit dem Generalsekretär des Verteidigungsministers per Du sei. "Die blaue Partie im Museum hat sich seitdem unglaublich sicher gefühlt", so die Quelle, die HGM-Führung glaubte demnach, politisch von der FPÖ geschützt zu sein. "Die glauben, sie können sich alles erlauben."

Mit "blauer Partie" seien nicht nur Kalina und Brödl, sondern auch der Direktor des Museums, Christian M. Ortner, gemeint. Ortner sei vom ehemaligen HGM-Direktor und Uni-Historiker Manfried Rauchensteiner ans Museum geholt worden. Dissertiert hat Ortner aber nicht beim ÖVP-nahen Rauchensteiner, sondern beim FPÖ-nahen Höbelt, der etwa 1997 das FPÖ-Parteiprogramm mitverfasst hat.

Macht ihn das nicht zum perfekten Kandidaten einer schwarz-blauen-Regierung? In den Nullerjahren hat Ortner jedenfalls extrem schnell Karriere beim HGM gemacht: Leiter der Museumsabteilung, interimistischer Direktor, kurz danach fixer Direktor - als 37-Jähriger. Danach erzielte Ortner Erfolg für Erfolg, fast jedes Jahr wurde ein neuer Besucherrekord vermeldet.

Besucherzahlen sollen gefälscht worden sein

Diese seien komplett gefälscht, heißt es, die Führung habe getrickst, wo sie nur konnte. So sollen sogar Besucher von Outdoor-Veranstaltungen, die im HGM aufs WC huschten als Besucher gezählt worden sein. Der Rechnungshof interessiere sich auch schon für die Vorgänge, sagt die Quelle, als staatliches Museum untersteht es seiner Kontrolle (das HGM ist eine unmittelbar nachgeordnete Dienststelle des Verteidigungsministeriums).

Eine andere Quelle spricht gegenüber dem KURIER von einem "braunen Sumpf", der sich im staatlichen Museum breit gemacht habe. Neben den bereits Genannten gehöre auch Vizedirektor Christoph Hatschek zum blauen Netzwerk dazu.

Der KURIER schickte eine lange Liste voller Fragen zu allen genannten Personen und erhobenen Vorwürfen. Ortner verwies in seiner Mail-Antwort auf den Pressesprecher des Verteidigungsministeriums, der keine fünf Sekunden später anrief: "Verteidigungsminister Thomas Starlinger erklärt diese Angelegenheit zur Chefsache."

Die für das HGM zuständige Sektion I werde alle genannten Vorwürfe - auch jene, die im Standard geäußert wurden - untersuchen. Je nachdem, was bei der Untersuchung herauskomme, werden entsprechende Handlungen gesetzt, so Heeres-Sprecher Michael Bauer zum KURIER.