Politik | Inland 28.01.2015

Schulversuche als Dauer-Provisorium

Experimentierfeld Schule © Bild: APA/HERBERT PFARRHOFER

Der Rechnungshof kritisiert, dass auch das Ministerium den Überblick verloren hat.

Es ist eine schallende Ohrfeige für die heimischen Bildungspolitiker – das Urteil des Rechnungshofes zu den Schulversuchen: In jeder zweiten Schule wird irgend etwas ausprobiert – mitunter jahrzehntelang und ohne Überprüfung auf Sinnhaftigkeit. Das Bildungsministerium hat keinen Überblick über den Wildwuchs. Und all das verursacht hohe Kosten.

Die Kontrollore zeigen damit vor allem auf, was passiert, wenn dringend nötige Veränderungen im Bildungsbereich jahrelang verzögert werden.

Manche Schulversuche sind haarsträubend. So gibt es seit fast 50 Jahren (!) alternative Leistungsbeurteilungen an Schulen. Das heißt, die Kinder bekommen keine Noten, sondern werden z. B. verbal oder in Form von Zeichen beurteilt. Das geschieht in 2026 (also in der überwiegenden Mehrheit) aller Volksschulen. Bis heute war die Politik aber nicht in der Lage zu entscheiden, was die Regel werden soll: Alternative Beurteilung oder Noten?

17 Jahre Ethik-Versuch

Ebenso absurd ist, dass seit 17 Jahren (in mittlerweile jeder vierten höheren Schule) Ethik statt Religion als Pflichtfach unterrichtet wird – und bis heute darüber gestritten wird, ob ein solches Fach sinnvoll wäre oder nicht.

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Auch die "Neue Mittelschule" sei nicht abschließend überprüft worden – und dennoch sei schon entschieden worden, sie flächendeckend einzuführen, moniert der Rechnungshof und weist zudem auf die hohen Kosten hin ("Mehrausgaben" von 114 Millionen Euro zwischen 2008 und 2012).

Ein Grund für Schulversuche sind aus Sicht der Prüfer auch "zu geringe schulautonome Möglichkeiten". Im Bericht hört sich das so an: "Aus der Vielfalt der Schulversuche war einerseits das Engagement zur Weiterentwicklung des Bildungswesens ersichtlich. Andererseits verdeutlichte vor allem der Umfang der Schulversuche die geringe Flexibilität des österreichischen Schulsystems."

Das heißt, Schulen nützen "Versuche" oft, um inhaltliche Schwerpunkte setzen zu können, nicht um zu überprüfen, ob etwas Sinn macht. Es sind unzählige Puzzleteile. Seit den 1990er-Jahren gibt es etwa bilinguale Volksschulen und Gymnasien. Das Problem: Eltern, die ihr Kind auf eine solche Schule schicken (wollen), wissen vorab nicht, wie lange der Schulversuch bestehen bleibt.

Zerfleddert wird von den Kontrolloren auch, wie Schulversuche genehmigt werden müssen: "Durch die zersplitterte Kompetenzverteilung" (Bund, Länder, Schulen) gebe es "acht unterschiedliche Verfahren". Die diversen Rechtsgrundlagen würden "hohen bürokratischen Aufwand" bedingen.

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek befindet, es würde wesentlich weniger Schulversuche geben, wenn es mehr Schulautonomie gäbe. Damit hänge auch die Frage der Neuorganisation der Schulversuche zusammen. Die Bildungsreformkommission (von Bund und Ländern) würde sich bereits mit dem Thema Schulautonomie befassen. Die Länder treten bekanntlich dafür ein. Schon Anfang März, wenn die Gruppe wieder tagt, könnten die ersten Weichen für mehr Freiheiten an den Schulen gestellt werden.

Erstellt am 28.01.2015