Prozess gegen Jan Marsaleks Fluchthelfer Schellenbacher endet mit Freispruch
Es begann wie ein klassischer Spionagethriller: ein Abendessen mit sündteuren Weißweinen im Halbdunkel von München, nervöse Telefonate, viel Bargeld und ein kleiner Flugplatz in Niederösterreich – und ein Mann, der verschwinden musste.
Vor Gericht wurde am Freitag jenes Kapitel verhandelt, das erklären soll, wie der österreichische Spion Jan Marsalek, einst Strippenzieher im Wirecard-Konzern, nach Russland flüchtete. Auf der Anklagebank saß Thomas Schellenbacher (61), ehemaliger FPÖ-Nationalratsabgeordneter. Der Vorwurf: Begünstigung bei einer Flucht, die so präzise geplant gewesen sein soll wie eine Geheimdienstoperation.
Der Staatsanwalt sprach von einer „Hauruckaktion“, deren Ziel klar gewesen sei: Marsalek musste „so schnell und unbemerkt wie möglich aus der Gefahrenzone“ gebracht werden – hinaus aus dem Schengenraum, hinein nach Belarus, wo kein EU-Haftbefehl greift. „Perfekt gelungen“, so das nüchterne Resümee der Anklage. Eine erfolgreiche Mission.
Businessflug nach Minsk
Die Dramaturgie des Falls liest sich wie ein Drehbuch. Laut Staatsanwaltschaft agierte Schellenbacher nicht auf eigene Faust, sondern im Auftrag von Martin Weiss, einst hochrangiger Beamter im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT). Heute ist Weiss selbst auf der Flucht, international gesucht, zuletzt in Dubai geortet.
Es war ein Wettlauf gegen die Zeit – und gegen die Justiz. Am 19. Juni 2020, kurz vor 20 Uhr, raste ein Taxi über den Flugplatz Bad Vöslau. Der Fahrer hatte zunächst die Einfahrt nicht gefunden, kostbare Minuten verstrichen. Im Fond: Jan Marsalek, der flüchtige Wirecard-Vorstand, dem heute Milliardenbetrug vorgeworfen wird.
Weiss schrieb noch am selben Tag: „Noch alles safe, er muss aber heute weg.“ Am Rollfeld wartete bereits eine Chartermaschine mit Ziel: Minsk, Hauptstadt von Belarus. Später reiste Marsalek nach Russland weiter.
Vorwürfe bestritten
Schellenbacher bestritt die Vorwürfe vehement und bekannte sich nicht schuldig. Der objektive Tatbestand sei nicht erfüllt, argumentierten seine Verteidiger Farid Rifaat, Reinhard Berger und Marc Gollowitsch. Am 18. und 19. Juni habe noch gar kein Haftbefehl gegen Marsalek bestanden – dieser sei erst Tage später ergangen.
Schellenbacher selbst hatte sich vor Gericht unwissend gegeben: Den Namen des Passagiers habe er erst am 19. Juni um 9.31 Uhr erfahren – zunächst sei ihm die Passkopie eines Schweden geschickt worden. „Ich war der Meinung, dass es ein Businessflug war“, beteuerte der Ex-Politiker. Er habe von „Unstimmigkeiten“ bei Wirecard gewusst, aber keine Details.
Staatsanwalt meldete Berufung an
Zu Marsalek habe er weder persönliche noch geschäftliche Beziehungen gehabt, ihn nur flüchtig bei Besprechungen mit der Firma IMS in Verbindung mit PCR-Tests gesehen.
Nervös sei er, Schellenbacher, lediglich gewesen, weil es viel Geld koste, wenn ein Passagier nicht auftauche.
Die Einzelrichterin folgte Schellenbachers Darstellung. In ihrer Begründung betonte sie, es sei keine Absicht und auch kein persönliches Interesse Schellenbachers an einer Flucht Marsaleks nachzuweisen gewesen. Zudem blieb eine zentrale Frage unbeantwortet: Ob Marsalek zu diesem Zeitpunkt überhaupt bereits eine konkrete Straftat begangen hatte, konnte „nicht abschließend beurteilt werden“. Ohne diese sogenannte Vorfrage – also die strafrechtliche Relevanz von Marsaleks Verhalten zum Zeitpunkt des Fluges – fehle dem Begünstigungsvorwurf die rechtliche Grundlage, so die Richterin. Das Ergebnis: Freispruch.
Doch die Causa ist damit keineswegs beendet. Die Staatsanwaltschaft meldete noch im Gerichtssaal Berufung wegen Nichtigkeit und Schuld an. Das Urteil ist somit nicht rechtskräftig, der Fall geht in die nächste Gerichtsinstanz.
1999–2009: Jan Marsalek arbeitet bei Wirecard und steigt vom technischen Mitarbeiter zum engen Vertrauten von CEO Markus Braun auf.
2010: Marsalek wird in den Vorstand berufen und übernimmt das operative Geschäft (COO).
2014–2015: Erste Hinweise auf Unregelmäßigkeiten bei Wirecard-Tochterfirmen in Asien tauchen auf, werden intern jedoch zurückgewiesen.
2015: Die britische „Financial Times“ beginnt kritisch über Wirecard zu berichten. Marsalek weist alle Vorwürfe zurück.
2016–2018: Wirecard engagiert externe Prüfer (u. a. KPMG, EY), die jedoch keine umfassende Aufklärung liefern.
2018: Marsalek baut enge Kontakte nach Russland, Libyen und in den Nahen Osten auf; später wird über Geheimdienstkontakte spekuliert.
2019 (Februar): Die „Financial Times“ veröffentlicht die „House of Wirecard“-Serie mit schweren Betrugsvorwürfen.
2019: Marsalek gilt intern als Hauptansprechpartner für das Asiengeschäft und verteidigt die fraglichen Treuhandkonten.
April 2020: KPMG legt einen Sonderprüfbericht vor, der zentrale Umsätze nicht verifizieren kann.
18. Juni 2020: Wirecard gesteht, dass 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten wahrscheinlich nicht existieren.
19. Juni 2020: Jan Marsalek wird fristlos aus dem Wirecard-Vorstand entlassen.
20. Juni 2020: Marsalek flieht aus Deutschland; zunächst wird vermutet, er halte sich auf den Philippinen auf.
25. Juni 2020: Wirecard meldet Insolvenz an – der größte Bilanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Juli 2020: Ein internationaler Haftbefehl gegen Marsalek wird erlassen.
2020–2021: Recherchen legen nahe, dass Marsalek über Österreich nach Russland geflohen ist.
2021: Berichte deuten auf Verbindungen Marsaleks zum russischen Militärgeheimdienst GRU hin.
2022: Ermittler gehen davon aus, dass Marsalek unter falscher Identität in Russland lebt.
2023: Parlamentarische Untersuchungsausschüsse in Deutschland und Österreich beleuchten Marsaleks Netzwerk und Behördenversagen.
2024: Journalistische Recherchen (u. a. Bellingcat, „Der Spiegel“) präzisieren Marsaleks mutmaßlichen Aufenthaltsort in Russland.
Stand 2026: Jan Marsalek ist weiterhin auf der Flucht; sein genauer Aufenthaltsort ist unbekannt, die Ermittlungen laufen fort.
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