Meinung
07/25/2020

House of Wirecard

Der Fall Wirecard wächst sich gerade zum größten Betrug in der deutschen Geschichte aus. So etwas ist möglich, weil niemand genau hinschaut.

von Sandra Baierl

Die deutsche Fintech-Szene ist erschüttert. Ein Vorzeige-Unternehmen, das Deutschlands Top-30-Index angehört, hat riesige Ungereimtheiten in seiner Bilanz. Die Rede ist mittlerweile von mehr als drei Milliarden Euro, die in der Firmenkasse fehlen. Wirecard wächst sich gerade zum größten Betrugsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte aus. An der Spitze des Konzerns: zwei Österreicher, die dieses Unternehmen in den vergangenen Jahren groß gemacht haben. Einer davon in Haft, der andere seit einem Monat auf der Flucht.

Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft laufen drauf hinaus, dass der Konzern womöglich seit 2015 von einer kriminellen Bande geführt wurde – so etwas gab es in diesem Ausmaß noch nie. Inklusive dem Versagen aller involvierten Kontrollinstanzen. Wirtschaftsprüfer, Aufsichtsbehörden, auch die vielen Geldgeber – sie alle haben über Jahre nicht hingesehen, nicht richtig hingesehen; haben falsche Jahresabschlüsse angenommen und nicht erkannt, dass der gesamte Wert des Unternehmens pure Fantasie ist. Sogar die deutsche Kanzlerin warb noch im vergangenen Jahr in China für das aufstrebende DAX-Unternehmen.

Ein Faktor, der so einen Skandal überhaupt erst möglich macht: die Aufsichtsgremien, von der deutschen Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) bis zur Europäischen Zentralbank (EZB), haben Wirecard als Technologieunternehmen eingestuft – die Prüfung fällt damit nicht in ihre Zuständigkeit. Wie auch nicht bei den anderen großen Technologiekonzernen wie Facebook, Apple oder Alibaba, die sich mittlerweile alle mit eigenen Finanzdienstleistungen aktiv zeigen (wollen). Schnell wachsende FinTechs ohne institutionelle Aufsicht? Diese Lücke sollte schleunigst geschlossen werden, sonst bleibt es nicht bei einem Fall Wirecard.