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Politik | Inland
05/17/2019

Pro & Contra: Zeit für Time-Out-Klassen?

Respektlosigkeit, Mobbing und ständige Überforderung – was läuft schief an den heimischen Schulen?

Rudolf Mitlöhner, katholischer Publizist

In der Schule werden gesellschaftliche Probleme wie unter einem Brennglas überdeutlich erkennbar. Es ist ein verdichteter Raum, wo sich exemplarisch erkennen lässt, woran unsere Gesellschaft krankt. Respekt- und Disziplinlosigkeit, latente Gewaltbereitschaft bilden ein gefährliches Substrat, auf dem es dann zu Vorfällen wie jenen an der HTL in Wien-Ottakring kommen kann.

Dass die Gemengelage durch die Folgen der Massenmigration – Stichwort „Brennpunktschulen“ – zusätzlich an Brisanz gewinnt, versteht sich von selbst. Kaum wo – neben der Kultur- und Medienszene – hat sich ja der Achtundsechziger-Zeitgeist so nachhaltig etabliert, wie an Schulen und Universitäten. Mit teilweise verheerenden Folgen in puncto Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft.

Wie stets nach Eskalationen wie jener in Ottakring ertönt der Ruf nach mehr Support-Personal. Das wird wohl auch notwendig sein. Gleichzeitig verweist es auf ein weiteres Problem der Schule: dass diese mehr und mehr von der Bildungs- zur Sozial- bzw. Erziehungseinrichtung geworden ist und weiter zu werden droht. Was freilich zu einer weiteren Überforderung der ohnedies schon mehrfach (und bisweilen, wie man sieht, auch buchstäblich) bedrängten Lehrer führt.

So lange freilich Begriffe wie Respekt, Disziplin, Pflichtbewusstsein etc. als „Sekundärtugenden“ tendenziell unter Faschismus-Verdacht gestellt werden, wird sich an der Situation – Support-Personal hin, Time-out-Klassen her – wenig ändern.

Julya Rabinowich, Autorin, Kolumnistin und Malerin

Anlassgesetzgebung ist zwar politisch immer wieder gern gesehener Gast –  ob sie auch befriedigende Ergebnisse erzielt, ist eine andere Frage. Faktum ist, dass Mobbing an Schulen eine Problemstellung ist, die einer konsequenten und effektiven Lösung bedarf. Die vorgeschlagenen Time-Out-Klassen, die nun nach den letzten bekannt gewordenen Fällen angedacht worden sind, bergen allerdings einige Gefahren.

Ein Zusammenpferchen schwieriger und auffälliger Schüler, die als jugendliches Gegenüber nur noch weitere schwierige und auffällige Schüler haben werden, hat Konfliktpotenzial de luxe. Das angedachte Anti-Aggressionstraining: im Prinzip vielversprechend. Sollte die Realität allerdings jene sein, dass man die Problembären oder auch nur jene Schüler, die nicht genehm sind, in eigene Gettos zusammentreibt und dort zu lange belässt, wird der Effekt ein gegenteiliger sein und die Schüler sich untereinander weiter radikalisieren.

Experten wie der Soziologe Kenan Güngör sprechen sich gegen die Time-Out-Klassen aus. Zudem ist die Definition des Bildungsministeriums beunruhigend schwammig. Unklar ist auch, wer hier unterrichten soll. Funktionierende Klassengemeinschaft, Grenzenziehung und Reflexion der Folgen sollten nicht erst Thema werden, wenn die Situation längst eskaliert ist. Und bei den wirklich schweren Fällen ist der Ausschluss aus der Schule und Strafverfolgung die konsequentere Verfahrensweise.