AWARD VERLEIHUNG: ?JOURNALISTEN DES JAHRES?: FILZMAIER

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Politik Inland

Politologe Filzmaier: Neun Millionen "Hobby-Virologen"

Politologe sieht nach zwei Jahren Pandemie viele Defizite in der Kommunikationsarbeit.

12/28/2021, 05:58 AM

Am 31. Dezember 2019 wurde die WHO auf verd√§chtige Ereignisse in Wuhan in China rund um virusbedingte Lungenentz√ľndungen aufmerksam. Zwei Jahre sp√§ter k√§mpft die Welt noch immer mit der Covid-19-Pandemie. Aus den √Ėsterreichern hat sie jedenfalls "Hobby-Virologen" gemacht, in der Aufkl√§rungsarbeit der offiziellen Stellen gab es zahlreiche Fehler, erkl√§rte der Wiener Politikwissenschafter Peter Filzmaier in einer Online-Fortbildungsveranstaltung f√ľr √Ąrzte.

Keine Frage f√ľr den Politikwissenschafter, "Corona" hat die Einstellungen der meisten Menschen ver√§ndert. "Ich verstehe nichts von Medizin. Ich bet√§tige mich nicht als Hobby-Virologe oder Hobby-Infektiologe. Davon haben wir wahrlich genug. S√§mtliche M√∂chtegern-Fu√üballtrainer von fr√ľher scheinen auf Hobby-Virologe oder Hobby-Infektiologe umgesattelt zu haben", sagte Filzmaier bei der Veranstaltung der √Ėsterreichischen Gesellschaft f√ľr Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (OEGIT).

Bei somit mittlerweile sprichw√∂rtlich an die neun Millionen "Experten" scheint jedenfalls eine Mischung zwischen Wahrheiten, Halbwahrheiten und Fake News charakteristisch f√ľr die √∂ffentliche Debatte zu sein. Die Politik h√§tte es durchaus schwer, habe aber in √Ėsterreich erhebliche Fehler in der Kommunikation gemacht, betonte Filzmaier: "Es geht um Evidenz-basierte Politik. Am 5. November hat der Vorsitzende der Landeshauptleutekonferenz, G√ľnther Platter, gesagt 'Wir wollen keinen Fleckerlteppich'. Am 12. Dezember endete der Lockdown - und jedes (Bundes-)Land hatte verschiedene Regeln. Und das (Bundes-)Land mit den h√∂chsten Inzidenzen, Vorarlberg, hat am schnellsten und am meisten gelockert. Wien mit den geringsten Inzidenzen hat am wenigsten und am langsamsten gelockert. Wie soll man das kommunizieren?"

Die Politik h√§tte laut Experten der Wiener Universit√§t mit ihrem Austrian Corona Project Panel durch wiederholte Umfragen eines gleich bleibenden Bev√∂lkerungsamples enorm an Vertrauen eingeb√ľ√üt. Filzmaier: "W√§hrend am Beginn der Pandemie drei Viertel der Bev√∂lkerung von der Richtigkeit, Angemessenheit und Effizienz der Ma√ünahmen der Regierung √ľberzeugt waren, sind es jetzt noch 25 Prozent, bei manchen Fragestellungen deutlich weniger." Der Verlust an Vertrauen in die Bundesregierung sei dramatisch. "Das erkl√§rt zum Teil, dass kein Verschw√∂rungsmythos zu bl√∂d ist, dass er nicht geglaubt wird."

Unter diesen Umst√§nden sei es f√ľr die Politik sehr schwer, die Einhaltung von Ma√ünahmen wie Abstandhalten, Kontakte zu reduzieren und die Notwendigkeit der Impfungen durchzubringen. Hier sollte mit den Politikern "eine Berufsgruppe √ľberzeugen, die die schlechtesten Vertrauensdaten von fast allen Berufsgruppen hat. Schlechtere Vertrauensdaten haben nur noch das √§lteste Gewerbe der Welt, damit meine ich die Zuh√§lter, und die Waffenh√§ndler", sagte Filzmaier. Krisenkommunikation sollte Vertrauensverlust und unter anderem irrationalem Verhalten vorbeugen. Stattdessen habe man in √Ėsterreich "Coronapartys, wo sich Menschen getroffen haben, um sich anzustecken. Wir haben explizit Ma√ünahmenverweigerung."

Einerseits habe die √∂sterreichische Politik es verabs√§umt, √ľber Multiplikatoren in den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten ihre Botschaften rund um SARS-CoV-2 anzubringen, andererseits habe sie zu sehr auf klassische Medien gesetzt und die sozialen Medien unber√ľcksichtigt gelassen. Auch Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz (√ĖVP) habe da eine Rolle gespielt: "Der zweite Fehler: Jeder wird jemand kennen, der an Corona gestorben ist."

Die Prognose von wom√∂glich 100.000 Todesopfern durch Covid-19 sei faktisch und in ihrer Auswirkung falsch in mehrfacher Hinsicht gewesen, genauso die Aussage zum falschen Zeitpunkt, wonach die Pandemie bereits √ľberwunden worden sei. In Krisen w√ľrde sich die Bev√∂lkerung - egal ob in Demokratien oder in Diktaturen - "um den Fahnentr√§ger" sammeln. "Dieser Effekt ist aber nicht nachhaltig", sagte der Politikwissenschafter. Sein Fazit: Angstmachen wirke schlechter als sachliche Information, konsistente Aussagen und nicht das √úbernehmen inad√§quater Rollen w√ľrden eher Vertrauen schaffen. "Warum sollte ich einem Bundeskanzler etwa Medizinisches glauben?", meinte der Politologe.

Fehlende Transparenz

Transparenz bei der Darstellung der Situation und in der Entscheidungsfindung sei im Pandemie-Krisenfall f√ľr die Kommunikation gefragt, betonte der Experte. Beratergremien sollten auch konsistent und personell m√∂glichst stabil gehalten werden. "Das hat nicht funktioniert", sagte Filzmaier. Einander widersprechende Pressekonferenzen, zum Teil sogar zeitlich parallel, seien eindeutig kontraproduktiv.

Jedenfalls m√ľsse man vorsichtig vorgehen, wenn es beispielsweise um das Umstimmen von Skeptikern f√ľr die Impfung gehe. Filzmaier: "Sie m√ľssen Menschen, von denen Sie eine Meinungs√§nderung erwarten, immer einen Ausweg bieten." Niemand werde sagen: "Bisher war ich der gr√∂√üte Trottel und unsozial - und jetzt bin ich erleuchtet." Hier m√ľsse man ohne Arroganz M√∂glichkeiten zum Wahren des Gesichtes schaffen. Politiker seien darauf getrimmt, sich fast ausschlie√ülich auf jene Menschen zu konzentrieren, die zumindest eventuell noch f√ľr die n√§chsten Wahlen zu gewinnen seien. "In der Pandemie stehen wir aber vor der Herausforderung, mit jenen zu kommunizieren, die uns nicht m√∂gen und uns nicht glauben."

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