Politik | Inland
02.04.2018

Politik und Papamonat: Warum Michael Schickhofer putzt und kocht

Männer und Familien: Der steirische SPÖ-Chef will als Politiker ein Signal an andere senden.

Norwegen ist wieder einmal seiner Zeit voraus. Vor sechs Jahren schon hat dort der Minister für Kinder, Gleichbehandlung und sozialen Zusammenhalt, Audun Lysbakken, ein Zeichen gesetzt: Er ging, als seine Tochter geboren wurde, für vier Monate in Vaterkarenz, während seine Frau an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte. „Ich wollte zeigen, dass es wichtig ist, trotz Arbeit der Familienverantwortung nachzukommen“, sagte der norwegische Minister. Und außerdem wollte er dabei sein, „wenn das Baby das erste Mal lächelt“.

Der 38-jährige Michael Schickhofer, SPÖ-Chef und Vizelandeshauptmann der Steiermark, ging im Februar, als sein drittes Kind geboren wurde, einen Monat in Vaterkarenz. Prompt führte das zu Grollen in seiner Partei. „In der Politik tickt die Welt ein bissl anders“, grummelte ÖGB-Chef Horst Schachner über die Absenz des SPÖ-Chefs.

Ist das so? „Tickt“ die Welt in der Politik zwangsläufig anders? Und wenn ja, muss man das hinnehmen?

Oder wären nicht Politiker zu bevorzugen, die das normale Leben kennen. Die mit Öffis fahren, einkaufen und im Arbeitsalltag die Schlusszeiten von Kindergarten und Hort im Hinterkopf haben.

Immer häufiger ein Thema

Seit nicht mehr nur alte Männer die Spitzenpolitik dominieren, wird Familienpause immer häufiger zum Thema: Deutschlands Ex-Außenminister Sigmar Gabriel ging drei Monate in Babypause. Neuseelands junge Premierministerin Jacinda Ardern erwartet im Juni ein Baby, aus ähnlichen Anlässen wird auch in Kanada und Großbritannien über Politikerkarenz debattiert.

In Österreich haben zwei Bundesländer – das Burgenland und Kärnten – kürzlich eine Karenzregelung für Parlamentarier eingeführt. Landtagsabgeordnete können mindestens drei und maximal zwölf Monate in Karenz gehen. Die Auszeit gilt für Kinderbetreuung und Hospizbegleitung. Spätestens an dem Tag, den der karenzierende Politiker als sein Rückkehrdatum angibt, erlischt das Mandat für seinen Vertreter automatisch. Auf diese Weise wird verhindert, dass Politiker während ihrer Karenz von den lieben Parteifreunden abgesägt werden. „Wir haben ein Rückkehrrecht an den Arbeitsplatz eingeführt. Bezüge gibt es während der Karenz allerdings keine, man verdient ja nicht so schlecht und kann sich für die paar Monate etwas ansparen“, sagt Andreas Scherwitzl, Vizeklubchef der SPÖ-Kärnten.

In einem zweiten Schritt überlegt Kärnten, die Familienkarenz auch auf Bürgermeister und Landesräte auszudehnen. Scherwitzl über die politische Absicht hinter der Maßnahme: „In Sonntagsreden thematisieren Politiker gern den Papamonat – dann sollte er für sie selbst auch gelten.“

Das Burgenland zielt mit seiner Karenzregelung vor allem darauf ab, junge Frauen in die Politik zu bekommen. Die Möglichkeit der Karenzierung gibt es im Burgenland seit der Verfassungsreform 2015, aber seither hat sie noch keiner in Anspruch genommen, weder Mann noch Frau. In Kärnten tritt der Familienurlaub für Politiker demnächst mit der Konstituierung des neuen Landtags in Kraft.

Bei Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger – sie erwartet im Juni ihr Baby – wird der Kindsvater in Karenz gehen. Er ist Kärntner Landesbediensteter.

"Selbstverständlichkeit"

Von eigenen Erfahrungen kann in Österreich vorerst nur Schickhofer berichten. Für ihn war es „eine Selbstverständlichkeit“, den Papamonat zu nehmen. Familienarbeit ist für ihn keine Frage des Müssens, sondern des Wollens. „Ich nehme mir auch jetzt unter der Woche einen Halbtag Zeit für meine Kinder und versuche, am Wochenende möglichst viel mit meiner Familie zusammen zu sein“, sagt Schickhofer.

Junge Leute würden heutzutage Zeit für Familie und Freunde haben wollen, sich im Job im Stress-Radl zu verbrauchen, sei „nicht mehr unbedingt der Weisheit letzter Schluss“. Schickhofer betont, er sei kein Sozialromantiker, sondern Betriebswirt mit „sehr viel Verständnis für die Erfordernisse der Wirtschaft und eines attraktiven Standorts“. Aber: „Nicht die Menschen sind für die Wirtschaft da, sondern die Wirtschaft ist Basis für ein gutes Leben.“ In diesem Sinn sollte man Arbeit besser verteilen. „Derzeit arbeiten Männer 40 Stunden, Frauen 20. Würden beide dreißig Stunden im Job verbringen, könnte man die Familienarbeit besser verteilen“, meint Schickhofer. Auch Männer hätten ein Anrecht auf Familien- und Privatleben. Zentrales Thema müsse sein, „was Menschen glücklich macht“.

Die Reaktionen in der Bevölkerung auf seinen Papamonat seinen durchwegs positiv gewesen, erzählt Schickhofer. Manche fragten ungläubig: „Hast du auch geputzt? Hast du auch Windeln gewechselt? Hast du auch gekocht?“ Andere wiederum fühlten sich ermuntert. Schickhofer: „Viele Dienstgeber – Notare, Tankstellenbetreiber, Tischler – haben mir gesagt, sie würden ihre Angestellten künftig auch dazu ermuntern, in den Papamonat zu gehen.“