Bevölkerungsexperte: Zahl der Katholiken und Afrikaner wächst weltweit
Einen Blick in die Zukunft wagt Forscher Rainer Münz. Außerdem: Seit wann er milder gegenüber der Politik geworden ist.
KURIER: Sie waren Hochschullehrer. Ist der Sparplan der Regierung ein Anschlag auf die Universitäten?
Rainer Münz: Die Universitäten sind vom demografischen Wandel betroffen. Es gibt zwar schon länger sinkende Geburtenzahlen, aber eine Bildungsexpansion. Daher stieg die Nachfrage nach Studienplätzen. Seit 2019 nimmt die Zahl der inländischen Maturantinnen und Maturanten aber ab.
Die Zahl der ausländischen Studierenden steigt dafür.
Vor 25 Jahren waren es rund 30.000. Mittlerweile sind es über 100.000 – fast ein Drittel aller Studierenden. Im Studienjahr 2025/26 hatten wir zum ersten Mal mehr ausländische als inländische Studienanfänger. Der größere Teil dieser Bildungszuwanderer bleibt nicht in Österreich, genießt aber eine kostenlose Ausbildung. Für die heimische Nachfrage haben wir also zu viel Ausbildungskapazität. Studienplätze abzubauen würde Forschung und Innovation an Österreichs Universitäten nicht beeinträchtigen. Wir haben 3600 verschiedene Studienrichtungen und 77 Universitäten – 1995 waren es 19. Da gibt es Einsparpotenzial. Denn das System ist teuer. Außer Frankreich gibt kein EU-Land einen so großen Teil seines Bruttoinlandsprodukts für Hochschulen aus. Unsere Nachbarländer, allen voran Deutschland, ersparen sich dadurch viel Geld, weil wir ihren Nachwuchs ausbilden.
EU-rechtlich müssen wir sie aber nehmen – das wissen Sie als jemand, der für die EU gearbeitet hat.
Es muss für alle die gleichen Zugangsmöglichkeiten geben. Man könnte rückzahlbare Stipendien vergeben, die durch spätere Arbeit im Inland getilgt werden. Beim Medizinstudium wird darüber diskutiert.
Themenwechsel zu Ihrem Fachgebiet Demografie. Woher rührt der große Geburtenschwund?
Das ist ein globales Phänomen. Über 70 Prozent der Menschen leben heute in Ländern, wo die durchschnittliche Kinderzahl unter zwei pro Frau bzw. pro Mann liegt. Ohne Zuwanderung bedeutet das Schrumpfung. Hauptursache ist, dass Kinder keinen ökonomischen Nutzen mehr für ihre Eltern haben – im Gegensatz zu früher, als sie Garanten der Altersvorsorge und Arbeitskräfte im Familienbetrieb waren. Heute sind Kinder eher ein Kostenfaktor.
Zur ausführlichen KURIER TV-Sendung "Salon Salomon" mit Rainer Münz
Wir haben eine starke Zuwanderung aus islamisch geprägten Ländern mit viel höheren Geburtenraten. Das schürt Ängste vor einer Islamisierung. Wie realistisch ist eine islamische Mehrheit? Die Mehrzahl der Zuwandernden kommt weiterhin aus anderen EU-Ländern. Aber wir haben Städte und Bezirke mit einem hohen Anteil an Muslimen. Allerdings lehrt die Vergangenheit, dass sich die Kinderzahlen der Zugewanderten mit der Zeit an jene der Einheimischen anpassen. Das ändert aber nichts daran, dass das Christentum in Österreich und anderen europäischen Ländern an Bedeutung verliert. Weltweit ist das nicht so: Die Christen und insbesondere die Katholiken sind die am stärksten wachsende Weltreligion. Denn im geburtenstarken Afrika südlich der Sahara leben überwiegend Christen.
Blond und heller Teint sterben aus?
Blond ist eine genetische Mutation, die es nur bei Menschen in Europa – genauer gesagt in Skandinavien – gab. Von dort aus haben sich blondes Haar und heller Teint durch Auswanderung ins restliche Europa und nach Übersee ausgebreitet. Und in diesen Teilen der Welt werden die Einheimischen in Zukunft schrumpfen.
Auch die Weltbevölkerung, derzeit 8,3 Milliarden, wird schrumpfen?
Noch wächst sie. Es gibt derzeit jährlich um 75 Millionen mehr Geburten als Todesfälle. In den letzten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts wird es bereits mehr Todesfälle geben. Dann beginnt die globale Schrumpfung. Es gibt Langzeitberechnungen, dass es in 175 Jahren vielleicht noch drei bis dreieinhalb Milliarden Menschen geben könnte. Und 100 Jahre später nur noch ein paar Hundert Millionen. Das muss keine Katastrophe sein. In der Zeit der antiken Hochkulturen gab es auch nur 600 Millionen Menschen. Die Frage ist allerdings, wie man eine Infrastruktur rückbauen kann, die für acht bis neun Milliarden Menschen geplant war.
Wir sind auf Wachstum gepolt.
Ausbleibendes Wachstum bei schrumpfender Bevölkerung muss noch nicht weniger individuellen Wohlstand bedeuten. Aber die Stimmung verschlechtert sich, wenn die Nachbarn weniger werden, Geschäfte schließen, Schulen zusammengelegt werden und die Infrastruktur pro Kopf deutlich teurer wird.
Werden am Ende Afrikaner eindeutig die Mehrheit bilden?
Das subsaharische Afrika hatte vor 50 Jahren rund 420 Millionen Einwohner, heute sind wir bei 1,5 Milliarden. Ende des 21. Jahrhunderts werden es an die vier Milliarden sein. Afrikaner werden dann die Hälfte der Menschheit ausmachen. Allerdings sinken auch in Afrika die Kinderzahlen, aber nicht so stark, wie erwartet.
Wird Europa ein Magnet für Migration bleiben?
Wohlhabendere Länder sind Anziehungspunkte. Die USA, Kanada, und Australien noch mehr als Europa. Bei uns wird es Migranten weniger leicht gemacht dazuzugehören.
Diese Länder haben viel restriktivere Aufnahmesysteme als wir.
Europa hat nicht in erster Linie auf Hochqualifizierte, sondern auf Gastarbeiterjobs gesetzt. Man hat erwartet, dass diese Menschen wieder heimkehren, während Kanada gezielt Leute anzieht, die es behalten will. Bei uns wurde erst viel zu spät in Integration investiert. Womit wir wieder beim Budget wären. Am dringendsten brauchen wir Geld für Kindergärten! Dreijährige müssen auf ihre Sprachkenntnisse getestet werden. Und jene, die nur wenig oder gar nicht Deutsch können, sollten wir zum Kindergartenbesuch verpflichten. Ab sechs sollten sie in eine Ganztagsschule gehen.
Sie waren nach Ihrer Forscherkarriere Berater von EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker für Migrations- und Demografiefragen. Was haben Sie dort gelernt?
Ich habe 2015 kurz vor der großen Flüchtlingskrise angefangen. Einerseits hat man in so einer Krisensituation eine steile Lernkurve, andererseits muss man rasch politische Entscheidungen treffen, ohne auf frühere Erfahrungen zurückgreifen zu können. Ich habe gelernt, im Urteil milder zu sein.
Milder gegenüber der Politik?
Ja. Manchmal weiß man es nicht besser. Wenn man es aber besser weiß und es nur wegen der Lobbys, die einem auf den Schoß sitzen, nicht macht, dann endet mein Verständnis.
2015 sind große Fehler passiert, speziell von Angela Merkel.
Damals befürwortete mehr als die Hälfte der Bevölkerung diese Willkommenskultur, auch bei uns. Die Stimmung kippte erst 2016. Am Anfang stand ein Missverständnis: Man wollte ein paar Tausend Menschen aus einer humanitären Notlage befreien. Dann aber kamen mehrere Millionen Asylbewerber.
Und dazu kommt jetzt auch noch der Familiennachzug.
Klassischer Familiennachzug spielt in vielen EU-Staaten eine geringere Rolle als die Heiratsmigration. Dabei heiraten junge, in Europa geborene Erwachsene mit Migrationshintergrund Partnerinnen und Partner aus den Herkunftsländern der Eltern oder Großeltern. Das ist derzeit die wichtigste Form der legalen Zuwanderung nach Europa.
Zur Person:
Der Experte für Migration und Demografie forschte und lehrte an Universitäten in Österreich, Deutschland, der Schweiz und den USA. Er war Leiter der Forschungsabteilung der Erste Group und hat als Berater für EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gearbeitet.
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