Pilnacek-U-Ausschuss mit "neun Millionen Super-Tatort-Spezialisten"
Der suspendierte Sektionschef des Justizministeriums ist in der Nacht auf Freitag im Alter von 60 Jahren gestorben.
Er trägt ein grauschwarz kariertes Sakko, dazu Manschettenknöpfe, und wenn man über Harald M. eines sagen kann, dann das: Der Mann hat Selbstvertrauen. Wenn den IT-Techniker spricht, wirkt er selbstbewusst und -gewiss. Und das ist in seiner Lage nicht selbstverständlich. Immerhin wird er gerade im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Tod von Christian Pilnacek befragt. Immerhin gilt hier die Wahrheitspflicht, Abgeordnete und Journalisten achten auf jedes Wort. Und vor allem ist die Sache, zu der M. befragt wird, durchaus delikat. Denn IT-Techniker M. hatte als erster Zugang zu Pilnaceks privatem Laptop - und er hat davon Sicherheitskopien gezogen.
Um verstehen zu können, warum Harald M. von den Freiheitlichen ins Parlament geladen wurde, muss man wissen: Nachdem Pilnacek am 20. Oktober 2023 tot in der Donau bei Rossatz (NÖ) gefunden wurde, waren zwei seiner Freundinnen, Anna P. und Karin Wurm, auf der Suche nach jemandem, der ihnen Dokumente vom Laptop sichert. P.s Mutter kannte M., sie wusste, dass er sich mit Computern auskennt. Und so kam es, dass die Wohnungskolleginnen P. und Wurm den IT-Techniker baten, für sie wichtige Unterlagen vom Computer zu sichern.
Warum tut M. das? Warum greift er auf einen Laptop zu, der weder ihm noch den Personen gehört, die ihm das Gerät überlassen?
Es war eine Art Freundschaftsdienst, so erklärt er es. Fünf Stunden maximal hat der Mann mit dem Kopieren und dem Sichern der Festplatte verbracht, Geld hat er keines bekommen, wie er im U-Ausschuss erzählt.
Gleich zu Beginn seiner Aussage fragt Verfahrensrichterin Christa Edwards den Techniker, ob er sich die ethisch zentrale Frage gestellt hat, nämlich: Darf er das?
„Ich hatte keinen Zweifel, dass Frau Wurm und Frau P. auf den Computer zugreifen durften.“
Dafür spricht: Der Laptop war nicht nur im Besitz der Frauen, er war nicht einmal mit einem Passwort gesichert. Und das Argument bzw. die Bitte der Frauen war folgende: Nach Pilnaceks überraschendem Tod hatte vor allem Wurm ein Problem: „Sie hat das Haus gekündigt, weil sie ein neues kaufen wollte“, erzählt M. Die Vertragsentwürfe seien auf dem Laptop gewesen. Und weiters hätten sich auf Pilnaceks Computer „Daten für die Übernahme des Geschäfts (von Wurm, Anm.) in Krems befunden.“
Darum, und nur darum ist es ihm gegangen, sagt M. „Ich habe keine Veränderungen am Datenbestand des Laptops vorgenommen. Ich habe nur Daten kopiert.“
Dass Christian Pilnacek verheiratet war, das wusste der Wahl-Rossatzer damals nicht, sagt er.
Nicht wirklich geklärt werden kann ein Vorgang, der sich am 7. November 2023 zugetragen hat. Laut Aufzeichnungen der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft, die den Laptop nun in Verwahrung hat, wurde an diesem Tag die so genannte Power Shell gelöscht. Im U-Ausschuss wird sie als „Gehirn“ des Laptops beschrieben, das alle Veränderungen und Eingriffe dokumentiert. Laut M.s eigenen Aufzeichnungen hatte er den Laptop bis 11. November zur Auswertung. Gelöscht hat er dabei aber nichts. Und er wisse auch nicht, wer es sonst gemacht haben könnte.
Wars also ein Fern-Zugriff? Ein mysteriöser Dritter? M. kann sich die Sache nicht erklären. „Ich weiß nur: Ich war das nicht.“ Verschwörungstheoretiker hätten an dieser Stelle ihre blanke Freude. Doch auch dem begegnet M. durchaus einschränkend. Denn soweit er das wisse, „taggt“ in dem Laptop nicht nur die Power Shell alle Veränderungen. Wollte man Dinge verschleiern, dann hätte man viel mehr machen müssen, als nur die Power Shell zu löschen.
Nach M. ist am Mittwoch noch jener hochrangige Polizist geladen, der die Einsatzleiterin an den Leichenfundort entsandt hat. Der Oberstleutnant machte von Beginn an klar, dass er, seine Mitarbeiter und die gesamte Polizei Schaden durch die Berichterstattung in der Causa genommen haben. Er spielt darauf an, dass der Sicherheitsapparat bisweilen als inkompetent bzw. unwillig beschrieben wurde.
Er selbst, so erzählt der Oberstleutnant, sei anonym angerufen und als „Trottel“ beschimpft worden. Es kränkt und grämt den Polizisten, was alles über den Sicherheitsapparat an Falschem erzählt wird. Und um es klarzumachen, bemüht er eine Analogie zum Fußball: „So wie es neun Millionen Nationaltrainer gibt, gibt es (in der Causa Pilnacek, Anm.) auch neun Millionen Super-Tatort-Spezialisten.“
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