Politik | Inland
01.12.2018

Pflege: Was die Regierung lösen soll

Türkis-Blau hat eine „Generallösung“ versprochen. Das Problem dabei: Es geht nicht nur um mehr Geld

Der Weg in die Pflege beginnt für viele mit einer unverdächtigen Frage: „Zeichnen Sie mir eine Uhr auf, die dreiviertel zwölf zeigt.“

Mit dem „Uhrentest“ prüfen Ärzte gern, ob Patienten im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind. Mehr als 130.000 Österreicher bringt der Test in arge Schwierigkeiten – sie haben Demenz, bringen Zeiger und Ziffern durcheinander, sie sind Pflegefälle.

Für sie und jene geschätzten 1,4 Millionen Menschen, die selbst zu pflegen sind oder die in der Familie einen Pflegefall betreuen, will die Bundesregierung in den nächsten Tagen Großes präsentieren.

 

ÖVP und FPÖ haben eine „ Generallösung“ angekündigt, die die „unwürdigen Finanzdebatten“ um das Pflege-Thema beendet, versprach der Bundeskanzler.

Nun ist die Frage der Finanzierung eine wichtige. Aber sie ist längst nicht die einzige. Denn wer mit Experten und Praktikern spricht, lernt schnell: Eine Generallösung müsste am Ende sogar die föderale Struktur hinterfragen. Was sind die größten Herausforderungen im Pflege-Bereich? Ein Überblick:

- Harmonisierung von Kosten und Leistungen

Die Pflege ist Ländersache – und damit entscheidet die Postleitzahl, welche Leistungen man zu welchen Kosten bekommt. Zwar ist das Pflegegeld (Grafik) bundeseinheitlich geregelt. Allerdings ist es von Land zu Land anders, welche Leistung man dafür bekommt und wie viel man in Heimen oder bei der mobilen Betreuung selbst zu tragen hat.

Ab welcher Pflegegeld-Stufe darf man in ein Heim? Übernimmt die öffentliche Hand die Kosten für ein Hospiz-Team zu Hause?

Fragen wie diese werden höchst unterschiedlich beantwortet – aus Sicht der Betroffenen eine Zumutung. „Bei den Steuern werden alle Menschen gleich behandelt. Aber die Pflege, die daraus finanziert wird, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich“, kritisiert Caritas-Präsident Michael Landau.

- Ausbildungsoffensive bei Pflege-Kräften

Josef Pühringer, früherer Landeshauptmann und nun Chef des OÖ-Seniorenbundes, fasst es in einem Satz zusammen: „Wir können Häuser bzw. Heime bauen, aber wenn wir kein Personal haben, hilft uns das nichts.“ Tatsächlich fehlt im Pflege-Bereich massiv das Personal. Hunderte Stellen sind österreichweit unbesetzt.

„Es wurden einfach zu wenige Menschen ausgebildet“, sagt Erich Fenninger, Chef der Volkshilfe. Fenninger plädiert dafür, die Pflege nach dem Vorbild der Kindergarten-Pädagogik bereits im ersten Jahr nach der Pflichtschule als Berufsbildende Höhere Schule anzubieten. „Mit 15 stellen sich viele junge Menschen die Sinnfrage – und die Pflege ist ein wunderbares Berufsfeld mit vielen Aufstiegs- und Spezialisierungsmöglichkeiten.“

- Umstrukturierung der öffentlichen Angebote

Das „klassische Angebot“, also entweder Pflege in einem Heim oder mobile Pflege zu Hause, entspricht längst nicht mehr den Anforderungen des Alltags im Jahr 2018. Angesichts der deutlichen Zunahme an Demenz-Erkrankungen fordern Experten unter anderem den Ausbau von semi-stationären Einrichtungen, sprich: Arbeitende Menschen sollen ihre Angehörigen tagsüber in einer Unterkunft abgeben können, wo sie betreut werden. Dies entlastet die Familien und reduziert im Vergleich zu fixen Heimplätzen die Kosten.

- Nachhaltige Finanzierung

Bund, Länder und Gemeinden geben derzeit 4,7 Milliarden Euro pro Jahr für Pflegeleistungen aus, und glaubt man Szenarien des Fiskalrats, könnten die Kosten für die Sachleistungen bis 2030 um bis zu 82 Prozent steigen. Nicht zuletzt deshalb ist eine nachhaltige Finanzierung gefragt. Die Modelle reichen von zweckgebundenen neuen Steuern (Erbschaft, etc.) bis hin zu einer verpflichtenden privaten Pflegeversicherung.