Politik | Inland
17.12.2018

Pflege in Österreich steht laut Studie vor dem Kostenkollaps

Das Hilfswerk appelliert – einmal mehr – das Pflegesystem zugunsten der mobilen Hilfe umzubauen.

Othmar Karas sitzt in einem Wiener Kaffeehaus und sagt, was die meisten im Raum, ja überhaupt alle, die sich in der Sache auskennen, seit Jahren wissen: Bei der Pflege muss sich etwas ändern. Und zwar bald, sehr bald.

Der ÖVP-Politiker ist heute nicht als Europaparlamentarier oder Delegationsleiter hier, nein, er spricht in seiner Funktion als Präsident des Hilfswerks. Gemeinsam mit dem Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo präsentiert das Hilfswerk eine Studie, und diese bietet einen schonungslosen Befund zur Ist-Situation im Pflege-Bereich.

Die grundsätzlichen Fakten klingen altbekannt: Wie schon manch andere Studie zuvor kommt das Wifo zu dem Schluss, dass der überwiegende Teil der Pflegegeldbezieher – 84 Prozent – zu Hause betreut wird. Den Großteil der Arbeit leisten Frauen (73 Prozent), 41 Prozent der Helfenden stehen de facto „rund um die Uhr“ zur Verfügung (Grafik).

Doppelte Alterung

Die Herausforderung für Politik und Gesellschaft besteht nun darin, was die Wissenschafter als „doppelte Alterung“ beschreiben: Weil die Österreicher zunehmend älter werden, gleichzeitig aber geburtenschwache Jahrgänge nachrücken, verschiebt sich das Verhältnis zwischen denen, die pflegen können und denen, die gepflegt werden müssen, zu Ungunsten der Pflegenden.

Nur eine Zahl dazu: Während noch im Vorjahr auf 100 50- bis 64-Jährige (das sind die jetzt vielfach Pflegenden) 12 sehr alte Österreicher (85+) kamen, wird diese „Unterstützungsrate“ bis 2030 auf 17,6 und bis 2050 sogar auf 32,5 ansteigen.Nicht nur aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten von den Familien nicht mehr so viel Pflege zu erwarten sein wird wie heute.

Viele Pflegende selbst über 60

Schon jetzt liegt das Durchschnittsalter bei den pflegenden Angehörigen jenseits der 60. „Diese Generation darf man nicht überfordern“, sagt Elisabeth Anselm, Geschäftsführerin des Hilfswerks. „Andernfalls werden diese Menschen zu den Pflegefällen von morgen.“

Damit ist man auch schon beim Ausblick: Das Wifo hat verschiedene Szenarien bis ins Jahr 2050 durchgerechnet und kommt zu folgendem Schluss: Ändert sich an der gegenwärtigen Situation rein gar nichts, dann ist bereits 2030 mit einer Kostensteigerung von fast 81 und bis ins Jahr 2050 von fast 332 Prozent zu rechnen. Anders gesagt: Die jährlich derzeit 2,09 Milliarden Euro Nettoausgaben für die Pflege würden auf 9,05 Milliarden (2050) ansteigen.

Vor diesem Hintergrund haben die Wirtschaftsforscher nun durchgerechnet, was passieren würde, wenn man die stationäre oder aber die mobile Pflege forcieren würde.

Mehr mobile Pflege gefordert

Die Resultate sind nicht im Ergebnis, jedenfalls aber im Ausmaß überraschend: Während es die Allgemeinheit verhältnismäßig teurer käme, würde man Patienten in die stationäre Pflege „verschieben“ (plus zehn Prozent bei den stationären Patienten bedeutet 2030 ein Kosten-Plus von 256 Millionen Euro), ist es bei der mobilen Pflege genau umgekehrt: Würde es die Politik schaffen, den Anteil jener Patienten, die von mobilen Pflegern betreut werden, nur um zehn Prozent zu heben, so würde man sich bei den Betreuungskosten 268 Millionen Euro sparen (Jahr 2030).

„Der Ausbau der stationären Pflege wird aufgrund der demografischen Entwicklung weiter nötig sein. Aber mit dem Ausbau der mobilen Pflege kann man den Kostenpfad zumindest dämpfen“, sagt Wifo-Forscherin Ulrike Famira-Mühlberger.

Konsequenzen

Was also tun? Für Othmar Karas und andere engagierte NGO-Vertreter im Pflege-Bereich ist einmal mehr klar, dass der Ausbau der mobilen Pflege forciert werden muss. Karas: „Die Vorteile der mobilen Dienste stehen außer Zweifel, und sie ermöglichen genau das, was die Menschen ohnehin wollen, nämlich: möglichst lange zu Hause betreut zu werden.“ Mindestens ebenso wichtig ist für Geschäftsführerin Anselm etwas anderes, nämlich: Die Attraktivität des Jobs muss verbesser werden. „Hoch qualifizierten ausländischen Pflegekräften wird vielfach das Arbeiten erschwert, weil die Nostrifizierung (Anerkennung) ihrer Qualifikationen kompliziert ist.“ Zudem müsse man das Angebot an Ausbildungen im Pflegebereich verbreitern. Indem man junge Menschen schon im letzten Pflichtschuljahr „abholt“. Oder indem man Berufstätigen den Umstieg in die Pflege erleichtert und während der Umschulung deren Lebenshaltungskosten übernimmt.