Zur Automatik, die ÖVP-Vizekanzler Mitterlehner will, sagt SPÖ-Sozialminister Hundstorfer (re.) Nein: "Jetzige Pensionsreformen wirken".

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Vergleich
02/22/2015

Pensionsantrittsalter: Wie machen das die Schweden?

Laut Studie würden Junge von Pensionsautomatik nach schwedischem Vorbild massiv profitieren.

von Karin Leitner

Nicht nur bei der Steuerreform haben Rot und Schwarz noch keinen Konsens gefunden. Auch darin, wie mit dem Pensionssystem weiter verfahren werden soll, sind sie uneins.

Die ÖVP möchte eine Automatik: Das Antrittsalter wird anhand bestimmter Parameter, vor allem der Lebenserwartung, ohne Zutun der Politik angepasst. Die SPÖ ist dagegen. "Das ist eiskalt. Wir brauchen keine Automaten, sondern Menschen, die sich für andere einsetzen", befindet Kanzler Werner Faymann. Schon im November vergangenen Jahres tat er kund: "Ich bin froh, dass ich mit Rudi Hundstorfer (Sozialminister, in dessen Ressort die Pensionsagenden sind) hier stehe – und nicht mit einem Automaten."

"Kostenwahrheit"

Die Agenda Austria, ein Thinktank mit marktwirtschaftlicher Ausrichtung, hat untersucht, wie sich eine Pensionsautomatik auswirken würde, wer davon profitierte, wer verlöre – mit dem Vorbild Schweden: Dort werden die auf das individuelle Pensionskonto eingezahlten Beträge durch die offizielle statistische Lebenserwartung dividiert; daraus ergibt sich die Pensionshöhe. Der Vorteil laut Agenda Austria: "Mehr Kostenwahrheit, weil kein Zuschuss aus dem Budget mehr nötig ist" (in Österreich 2014: acht Milliarden Euro; knapp ein Viertel der Gesamtausgaben für das Pensionssystem; jeder Erwerbstätige steuert monatlich 151 Euro bei). Eine Mindestpension gibt es in Schweden aber. Die Bürger entscheiden selbst, wann sie in Rente gehen: zwischen 61 und 69 Jahren.

In einer KURIER-OGM-Umfrage sprach sich im November eine große Mehrheit der Österreicher gegen eine Pensionsautomatik aus; gar 77 Prozent der bis 30-Jährigen wollen eine solche nicht. Ist der Widerstand gerechtfertigt? In der Agenda Austria-Studie heißt es: "Die Verlierer einer Umstellung auf das schwedische Modell wären Arbeitnehmer, die schon länger im Erwerbsleben sind – und Pensionisten." Das sind 72,3 Prozent der Wähler. Sie bekämen weniger als beim jetzigen Modus. Ergo: "Je älter ein Arbeitnehmer ist, desto geringeren Anreiz hat er, für eine Reform zu stimmen."

Bei Jüngeren, also den restlichen 27,7 Prozent, müsste es anders sein. Unter 34-Jährige wären Gewinner, sagen die Studienverfasser, die Volkswirte Michael Christl und Denes Kucsera: "Die steigenden Kosten des aktuellen Pensionssystems verursachen höhere indirekte Beiträge durch Verschuldung oder Steuern, die vor allem von Jüngeren getragen werden müssen." Beim schwedischen System bekämen sie "zwar vermutlich weniger Pension, die Höhe der gesamten Einzahlungen würde jedoch ebenfalls geringer ausfallen. Verluste würden also eingedämmt."

Ein 30-Jähriger mit einem durchschnittlichen Einkommen von 30.000 Euro würde von der Pensionsautomatik mit rund 12.000 Euro profitieren – sofern sich Löhne und Inflation wie in den vergangenen zehn Jahren entwickeln, erläutern die Verfasser der umfang- und detailreichen Untersuchung.

Unpopuläre Neuerung

Ihre Conclusio, die der ÖVP behagen und der SPÖ missfallen wird: "Entscheidungsträger, die eher das Wählerinteresse vor Augen haben als Generationenfairness, würden sich aus rein egoistischen Motiven gegen eine Reform aussprechen, da diese wenig populär ist." Und so mahnen sie: "Je länger die Politik eine nachhaltige Reform nach schwedischem Muster aufschiebt, desto kleiner wird die Zahl jener, in deren Interesse sie ist. Ein Grund dafür, sie möglichst rasch umzusetzen." Und: "Dass bereits jetzt nur ein gutes Viertel der Wähler ein faires und finanziell nachhaltiges Pensionssystem bevorzugen würde, ist warnendes Indiz dafür, dass das Antrittsalter für ein funktionierendes System zu niedrig angesetzt ist – und die Anhebung nicht schnell genug erfolgt."

Altersprüfung

Derzeit treten die Österreicher im Schnitt mit 59 Jahren in den Ruhestand. SPÖ und ÖVP wollen das Antrittsalter bis 2030 auf 61,1 Jahre heben. Es gibt ein "Pensionsmonitoring": Halbjährlich wird geprüft, ob sich das Antrittsalter (getrennt nach Geschlecht, Altersgruppe und Pensionsart) wie gewollt entwickelt. Auf 60,1 Jahre soll es bis 2018 steigen. Wird der Etappenplan verfehlt, soll es "Korrekturen" geben.

Was in Österreich Sache ist

Gesetzeslage Antrittsalter von Frauen: 60, von Männern: 65. Tatsächlich geht das Gros früher in Rente (Grafik; für Schweden Zahlen nur bis 2012 verfügbar). Rot und Schwarz wollen das faktische Ruhestandsalter bis 2030 schrittweise auf 61,1 Jahre heben.

Finanzierung 22,8 % des Bruttolohns fließen in das Pensionssystem. Weil das die Kosten nicht deckt, ist ein Bundeszuschuss nötig: mehr als 8 Milliarden Euro waren es 2014. Der Steuerzuschuss könnte von 2,5 % des BIP auf 4,8 % im Jahr 2060 steigen.

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