Politik | Inland
29.10.2017

Pammesberger: "Bei mir kann Kurz über Wasser gehen"

Michael Pammesberger ist Mitterlehner ans Herz gewachsen, Kurz’ Kanzlerschaft hat er vorhergesehen: Der KURIER-Karikaturist über Straches Brille, das dünne Eis der Satire und den Vorwurf der Parteilichkeit.

Seit 1997 hat er für den KURIER fast täglich die schwarze Feder in der Hand. Noch ehe die Regierung steht und sein neues Buch „Great Again!“ erscheint (ab 7.11.) ist der Karikaturist am Wort.

KURIER: Vermissen Sie Reinhold Mitterlehner?
Michael Pammesberger: Mitterlehner ist mir natürlich sehr ans Herz gewachsen. Ich habe ihn oft und gerne gezeichnet, doch wie es so ist: Plötzlich ist er weg.

Gilt das ans Herz gewachsen sein auch für Erwin Pröll oder Josef Pühringer?
Unbedingt. Je öfter ich jemanden zeichne desto leichter geht er von der Hand. Aber ich freue mich auch auf neue Gesichter.

Wie dankbar sind für Ihre Arbeit die neuen Gesichter, die neuen Politiker in Österreich oder Deutschland?
Das ist schwierig. Natürlich gibt es Charaktergesichter, Profile, Menschen, die mehr oder weniger geeignet sind. Aber ich kann es mir nicht aussuchen, muss jeden nehmen. Je länger ich jemanden beobachte, desto klarer wird auch, dass auch er eine Karikatur werden kann.

Demgemäß müssten sie den längstdienenden Parteiobmann, Heinz-Christian Strache, besonders gut zeichnen können.
Wunderbar! Außerdem ist es schön, auch leichte Veränderungen zu beobachten. Damit meine ich nicht nur die Brille. Karikatur hat viel weniger mit dem Äußeren zu tun, als die Menschen glauben. Ich versuche immer den Blick auf den ganzen Menschen, sein Auftreten, sein Reden und Handeln zu erfassen.

Wie schwierig oder einfach ist es, jemanden wie Donald Trump, der ein außergewöhnliches Erscheinungsbild hat und eine ebensolche Politik macht, zu zeichnen?
Dass er äußerlich so ein Typ ist, das macht es leichter. Schwieriger macht es, dass jeder Witz, jede Variante eines Witzes – ob es der Name, die Frisur oder etwas anderes angeht – im Netz rauf und runter gespielt wird. Ich versuche da immer noch journalistischer an die Sache heranzugehen. Ich verbeiße mir den ersten, flachsten Scherz – und mache lieber den zweiten flachsten.

Der erste, flachste Witz beim Kanzler in spe, Sebastian Kurz, wäre?
Wortspiele mit seinem Namen, seinen optisch vordergründigen Merkmalen wie Ohren und Frisur.

Sie haben bereits lange vor Amtsantritt Kurz als ÖVP-Chef gezeichnet. Man könnte Ihnen hellseherische Fähigkeiten attestieren?
Das war eine Routinehandlung, ein Gedankengang, ein Fantasiespiel. Die Chance der Karikatur ist es auch, nicht an der Realität zu kleben, sondern mit den Dingen zu spielen, sie am Papier entstehen zu lassen, die es auch in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Sebastian Kurz kann nicht über Wasser gehen?
Bei mir schon. Auf Bild drei könnte ihm passieren, dass er untergeht.

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Die Regierungsverhandlungen zwischen ÖVP und FPÖ haben diese Woche begonnen. Sind Koalitionsbildungszeiten gute Karikaturzeiten?
Gerade die Zeiten, in denen sich die Dinge hinter verschlossenen Türen, auch hinter der „Trompetentür des Bundespräsidenten“, wie ich sie nenne, abspielen, sind großartig. Trompetentür nenne ich sie deshalb, weil die Tapetentür mir schon so auf die Nerven geht. Fotografen und Journalisten können nicht hinter die Türe schauen – ich kann mir alles ausmalen.

Apropos ausmalen: Täuscht der Eindruck, dass Sie mehr mit und in Farbe zeichnen als früher?
Ich bin ein Freund des Reduzierten. Die Farbspiele mit Türkis statt Schwarz sind aber politisch ein bisschen wichtiger geworden. Mir gefällt das schnelle, klare Schwarz-Weiße. Die Klaviermusik, wenn man so will, und nicht gleich die ganze Symphonie.

Im Gegensatz zu einigen Ihrer Kollegen ist der Text in der Zeichnung und unter dieser immanenter Bestandteil Ihrer Karikaturen. Geht es nicht ohne?
Texte im und unter dem Bild sind für mich ganz besonders wichtig. Die ganze Karikatur verstehe ich als Meinungselement. Deshalb ist es mir wichtig, dass es quasi Music and Lyric by Michael Pammesberger gibt.

Eingedenk der aktuellen öffentliche Debatte über sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch – ob in den USA mit Harvey Weinstein oder im Europaparlament in Brüssel: Eignen sich derartige Themen für Ihre Arbeit?
Genau diese Themen müssen jedenfalls im Focus stehen. Ich habe eine ebensolche Zeichnung gemacht, die am Freitag erschienen ist. Selbstverständlich muss man sich dieses Themas annehmen, und zwar mit allen Aspekten, die darin vorkommen. Man muss alles zeigen, was zu verurteilen ist, was nicht passieren darf. Man muss aber auch darstellen, wie das die Debatte um Political Correctness entfacht und steuert.

In Ihrem neuen Buch „Great Again!“ steht jedem Kapitel eine Einleitung voran. Im Kapitel „Essen und Trinken“ zitieren Sie sich selbst: „Für mich das Zigeunerschnitzel und der Mohr im Hemd.“ Ist Michael Pammesberger gerne politisch inkorrekt?
Es muss passen. Das gesprochene Wort klingt manchmal viel härter als das geschriebene. Wenn es in der Zeichnung anders betont, weil in einen anderen Kontext gesetzt wird, können solche Worte durchaus satirisch verwendet werden. Satire ist immer dünnes Eis. Es sollte dieses Instrument auch nur jenen Menschen in die Hand gegeben werden, die ein bisschen etwas davon verstehen. Sonst geht es schief.

Was ist zuletzt schief gegangen?
Es hat immer wieder Fälle gegeben, auch solche, in denen Politiker Witze gemacht haben, für die sie sich später bitter entschuldigen mussten.

Mussten Sie sich je für eine Karikatur entschuldigen? Im Vorwort zu Ihrem Buch schreibt KURIER-Herausgeber Helmut Brandstätter: „Nur einmal in über sieben Jahren beim KURIER hat sich ein Politiker beschwert, weil er sich in einer schwierigen Lage unvorteilhaft gezeichnet gesehen hat. Seinen Namen habe ich natürlich vergessen.“
Ganz früh. Das war eine bildtechnische Zufälligkeit. Am selben Tag, an dem ich einen verunglückten Eisenbahnwaggon gezeichnet habe, gab es ein Zugsunglück. Da sind vollkommen falsche Assoziationen entstanden. Man muss immer aufpassen: Es gibt immer die Gefahr, dass man zu weit geht und die, dass man zu vorsichtig ist. Vorsicht und Rücksicht führen zur Erstarrung. Die berühmte Schere im Kopf darf nicht entstehen.

Ebenfalls im Buch sind Sätze wie „Der sonst immer links zeichnende Kurier-Karikaturist…“, „Lohnkarikaturist vom Lagerhaus“, „Hauptsache immer auf den Strache“ oder „Ich finde den Pammesberger eher Kurz-kritisch“ zu lesen. Warum lassen Sie Leser zu Wort kommen?
Die Lesermeinungen habe ich abdrucken lassen, um zu zeigen, dass der Vorwurf der Parteilichkeit von jeder, aber wirklich von jeder Seite kommen kann und kommt.

Antworten Sie auf Unterstellungen oder Atteste wie die vorhin genannten?
Wenn jemand mir persönlich schreibt, bekommt er in der Regel auch eine Antwort.

Nachdem Sie schon vorhergesehen haben, dass Kurz ÖVP-Chef wird: Wann hat Österreich eine neue Regierung?
Rasch. Es wird sein, wenn der Schnee fällt.

Michael Pammesberger: „Great Again!“, Ueberreuter Verlag, 136 Seiten, 19,95 Euro. Ab 7. November im Handel

Zur Person: Michael Pammesberger

Tinte statt Paragrafen Der „Salzkammergutler“ (1965) wuchs in Bad Ischl und Gmunden auf. Nach der Matura studierte Pammesberger Rechtswissenschaften an der Universität Salzburg. Die Juristerei trieb er bis zum Rechtsanwaltsanwärter in der väterlichen Kanzlei. Währenddessen war ihm die schwarze Tinte schon immer näher als die Paragrafen. Ab den frühen 1990er Jahren begann er für die „Oberösterreichischen Nachrichten“ zu zeichnen. Seit 1997 ist Pammesberger Karikaturist des KURIER. Zwischenzeitlich schmückten seine Zeichnungen das Wochenmagazin „News“. Berufsbedingt muss sich der 52-Jährige täglich mit den politischen Hochämtern, Niederungen und Sommerlöchern auseinandersetzen. „Ich verstehe mich nicht als bloßer Illustrator, sondern versuche in den Zeichnungen journalistisch zu kommentieren, das Geschehene zu reflektieren.“

Im Schwammerlwald Der passionierte Museenbesucher („Ich habe Jahreskarten für fast alle Museen in Wien“) fühlt sich in Schwammerlwäldern, bei Fischgründen und auf Flohmärkten am wohlsten. Der Vater zweier Söhne ist mit der Ö1-Informationschefin Gabi Waldner verheiratet und lebt in Wien und im Burgenland.