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Politik Inland
03/10/2019

Othmar Karas: Der notorische Europäer

Unbeirrbar kämpft der ÖVP-Spitzenkandidat für die EU – mitunter gegen die eigene Partei.

von Raffaela Lindorfer

„Ich mach mich einmal locker“, sagt der Mann mit der runden Brille augenzwinkernd und hängt sein Sakko über einen Sessel.

Der Mann heißt Othmar Karas und er kandidiert für die EU-Wahl im Mai, wie die Schülergruppe aus St. Pölten an diesem Vormittag erfährt. Davon, dass sich die versammelten 17- oder 18-Jährigen augenscheinlich nur eingeschränkt für die EU interessieren, lässt sich der altgediente ÖVP-Mandatar nicht beirren. Er hat eine Mission.

Er ist hier, um ihnen zu erklären, dass das, was da in Brüssel entschieden wird, ihr Leben unmittelbar betrifft. Warum sie wählen gehen sollen – und dann bitte nicht die Rechtspopulisten, oder: „Zerstörer“, wie Karas sie nennt.

Der 61-Jährige rückt dabei mit seinem Sessel ganz nahe an die Schüler heran, spricht langsam und mit gesenktem Blick, als wollte er sie zu heimlichen Verbündeten machen. Die Idee Europa, sagt der ÖVP-Mann, stehe über jedem Parteiprogramm. „Für die Idee Europa lebe ich.“

Spannungsverhältnis

Man glaubt ihm das. Alles an Karas wirkt ernst. Der fusselfreie Pullover, der blitzweiße Hemdkragen; die Eigenheit, dass er die Abkürzung „EU“ vermeidet und alles, in dem etwas Europäisches vorkommt, voll ausspricht. Sein Kontrahent Harald Vilimsky (FPÖ) hat ihn jüngst als „EU-Pfarrer“ verhöhnt, ihm den „blauen Fehdehandschuh ins Gesicht“ geworfen.

Karas hat den Fehdehandschuh bis dato nicht aufgenommen, dass die Wahlkonfrontation durchaus eine harte wird, ist aber absehbar. Wenn den sonst so besonnenen Polit-Profi etwas aufregt, dann sind es Rechte und EU-Feinde. „Sie streuen den Menschen Sand in die Augen, spielen mit ihren Ängsten, und schwächen damit die Europäische Union“, sagt er. Sein Gegenentwurf: „Ich will die Menschen zu Beteiligten machen, sie ins Boot holen, um die Dinge gemeinsam zu verbessern.“

Insofern hat er auch keine Skrupel, die eigene Partei zu kritisieren, wenn sie der europäischen Idee zuwiderhandelt – zuletzt etwa beim Regierungsplan, die Familienbeihilfe für Kinder im Ausland zu indexieren.

„Manchmal muss man sich für eine Position entscheiden, die weder sicher, noch diplomatisch, noch populär ist. Die man aber einnehmen muss, weil einem das Gewissen sagt, dass sie richtig ist“, zitiert er Martin Luther King. „In diesem Spannungsverhältnis bewege ich mich täglich.“

Dieses angespannte Verhältnis trug wohl dazu bei, dass lange in der Schwebe war, ob die türkise Volkspartei ihn noch einmal zum EU-Spitzenkandidaten macht. In Brüssel und Wien kursierten Gerüchte, er würde entweder ganz aufhören oder mit eigener Liste bzw. für die Neos kandidieren.

Keine Abstriche bei Kurz

Mitte, Ende Jänner gab es eine Einigung mit Parteichef und Kanzler Sebastian Kurz. War Teil dieser Einigung, dass er sich mit seiner Meinung zur Regierungslinie zurückhält? „Sebastian Kurz weiß, wen er gebeten hat, zu kandidieren“, sagt Karas nach einer Kunstpause und lächelt. „Bei meiner Person, meiner Erfahrung und meiner Tätigkeit hat es da keine Abstriche gegeben. Ich mache das, weil ich die Wahl gewinnen will.“

Ich. Karas ist ein Einzelkämpfer. Die Demütigung, als die ÖVP ihm 2009 Ernst Strasser (der dann wegen einer Lobbying-Affäre zurücktrat) als Spitzenkandidat vor die Nase gesetzt hat, wirkt wohl nach.

Weggefährten erzählen, dass die Bundespartei und er „lange nebeneinanderher gelebt“ hätten – um nicht zu sagen: Karas wurde geschnitten. „Umso mehr zeigte er, dass er seinen eigenen Weg geht und damit erfolgreich ist.“ Am Wahlabend triumphierte er mit fast 113.000 Vorzugsstimmen. 2014 stand dann schon „ÖVP – Liste Karas“ am Wahlzettel. Auch heuer setzt Karas voll auf seine Person. Mit der Nummer zwei auf der ÖVP-Liste, Staatssekretärin Karoline Edtstadler, dürfte es kaum Berührungspunkte geben.

72 Stunden ohne Schlaf

Schon jetzt, eineinhalb Monate vor dem offiziellen Wahlkampfstart, tourt Karas von einem Auftritt zum nächsten, arbeitet nach eigenen Angaben um die 16 Stunden pro Tag. Das war, erzählt man in seinem Umfeld, schon in jungen Jahren so, als er als Obmann der Jungen ÖVP für den damals umstrittenen EU-Beitritt Österreichs warb.

Ist in einem Leben, in dem Politik so raumgreifend scheint, überhaupt Platz für etwas anderes? Leichtigkeit, Spaß? Partys habe es früher genügend gegeben, versichert Karas. Nach durchgemachten Nächten (sein Rekord liege bei 72 Stunden ohne Schlaf) sei er stets pünktlich in der Schule, Uni und zu Terminen erschienen. „Wenn man nicht miteinander feiern kann, sich freuen und weinen kann, dann kann man auch nicht gut miteinander Politik machen. Das gehört dazu“, betont er.

Wenn er heute die Leichtigkeit sucht, zieht er sich mit seiner Frau Christa an den Attersee zurück. Wobei er betont: „Der Othmar Karas, den man privat trifft, ist derselbe wie der in Brüssel.“