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Politik Inland
02/03/2020

FPÖ-Historikerbericht: „Ein wortreiches Ausweichmanöver“

Urteil von Zeithistorikern rund um Oliver Rathkolb fällt vernichtend aus. Kickl lässt das kalt.

von Elisabeth Hofer

Am 23. Dezember hat die FPÖ ihren Historikerbericht präsentiert - eineinhalb Monate später haben heute führende Zeithistoriker Österreichs dazu Stellung genommen. Man habe den Bericht zunächst ausführlich lesen und analysieren wollen, erklärte Oliver Rathkolb, Professor an der Universität Wien.

Das Urteil der Wissenschafter ist vernichtend. Bei dem Papier handle es sich, verglichen mit anderen Historikerberichten, um einen Sammelband, "aber sicher keinen Kommissionsbericht", hielt Rathkolb fest.

Hier lesen Sie die Einschätzung der FPÖ zum Historikerbericht:

Laut den Wissenschaftern sei im Wesentlichen nämlich nur Bekanntes reproduziert worden, vor allem zur Verbindung zwischen der FPÖ und Rechtsextremismus in der jüngeren Vergangenheit finde sich nur wenig.

"Relativieren statt Leugnen ist neue Strategie"

So gebe es etwa keine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Verbindungen zur Identitären Bewegung, die neonazistischen Aktivitäten von Ex-FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache, oder die Verbindungen zur deutschen NPD.

Und das, obwohl der Bericht ganze 700 Seiten umfasst. "Quantität ist nicht Qualität", urteilte Margit Reiter von der Universität Salzburg. "Relativierung statt Leugnung ist wohl die neue Strategie der FPÖ". Der Bericht sei ein wortreiches Ausweichmanöver, das von den inhaltlichen Leerstellen in den Beiträgen ablenken möchte.

"Psychogramm der heutigen Führung der FPÖ"

Vor allem bei den Beiträgen des Historikers Lothar Höbelt im Bericht erkenne Reiter wenig Neues. Sie würden auf älteren Arbeiten basieren und seien für die vorgesehene Fragestellung nicht relevant, wenngleich sie "quellenmäßig fundiert" seien. Als Beispiel nennt Reiter, dass der Mythos von Anton Reinthaller als "guter Nazi" wiederum reproduziert worden sei. 

Die jüngere Geschichte der FPÖ werde in dem Bericht gar nicht beleuchtet, finden die Historiker. So könne man nichts zur Einstellung der einstigen FPÖ-Chefs Friedrich Peter und Jörg Haider zum Nationalsozialismus lesen. Ebenso wenig über dahin gehende Aktivitäten von Heinz-Christian Strache. Völlig negiert werde zudem der aus der "völkischen" Tradition stammende und nach 1945 im Wesentlichen ungebrochene Antisemitismus.

NSDAP als "Volkstanzgruppe mit weißen Strümpfen"

Als "ziemlich oberflächliche Arbeit" qualifiziert auch Gerhard Baumgartner vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) den FPÖ-Historikerbericht. So habe es oft den Anschein, die NSDAP werde als "Volkstanzgruppe mit weißen Strümpfen" wahrgenommen, aber "es war eine Terrorgruppe".

Sein Resümee: "Dieser Bericht ist eigentlich ein Psychogramm eines Teils der heutigen Führung der FPÖ."

Anlassfall für den Bericht war das Auftauchen antisemitischer Texte im Leiderbuch der Burschenschaft des nunmehrigen niederösterreichischen FPÖ-Chefs Udo Landbauer. Auf anhaltende Kritik beauftragten die Freiheitlichen ihren früheren Funktionär Wilhelm Brauneder, der eine "Historikerkommission" mit der Aufarbeitung "brauner Flecken" in der Partei sowie der Vorgängerorganisation VdU einsetzte. Präsentiert wurde der Bericht im Dezember.

FPÖ nimmt Kritik gelassen

Die offizielle FPÖ nimmt die Kritik namhafter Zeithistoriker an ihrem "Historikerbericht" gelassen. "Jedem Menschen recht getan, ist eine Kunst, die keiner kann", meinte Klubchef Herbert Kickl bei einer Pressekonferenz am Montag. Teilweise sei schon vor Fertigstellung des Berichts Kritik geübt worden. Inhaltlich ging Kickl auf die Kritik nicht ein.

"Wir hätten uns das sparen können", erinnerte Kickl daran, dass die FPÖ den Historiker Oliver Rathkolb im Vorjahr zu einer Diskussion über den Bericht eingeladen hatte. "Wir haben die Herrschaften schon einmal eingeladen und sie haben gekniffen."

Stattdessen hätten die Historiker mehrere Wochen gebraucht, um den Bericht zu analysieren. Man habe wohl von Anfang an möglichst wenig Gutes im Bericht der FPÖ finden wollen. Auf die inhaltliche Kritik - etwa an der Ausklammerung der freiheitlichen Kontakte zu den rechtsradikalen "Identitären" - ging Kickl nicht ein.
 

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