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Politik Inland
11/28/2021

Österreich setzt zu wenig auf gesundheitliche Vorsorge

Die Reparaturmedizin steht hierzulande im Zentrum. Bei der Prävention gibt es viel aufzuholen.

von Christian Böhmer

Ja, die Österreicher werden durchaus alt. Aber: Sie werden nicht besonders gesund alt. Im Vergleich zu anderen EU- und OECD-Staaten erleben heimische Versicherte deutlich weniger gesunde Lebensjahre am Lebensende. Während man hierzulande laut Zahlen von Eurostat im Schnitt rund 57 beschwerdefreie Lebensjahre erreicht, liegt der EU-Schnitt bei Männern jenseits der 63, bei Frauen sogar über 64.

Für das Gesundheitssystem heißt das: Es wird offenkundig großer, vermutlich zu großer Wert auf die sogenannte Reparaturmedizin und zu wenig Wert auf Präventionsgedanken gelegt.

„Der Präventionsbegriff ist breit, im Prinzip gehört alles dazu, was Krankheiten vorab verhindert. Die größte Präventionsmaßnahme sind damit Impfungen“, sagt Kurt Widhalm, der sich als Kinderfacharzt und Präsident des Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin seit Jahrzehnten mit Präventionskonzepten beschäftigt.

Dass Österreich in Sachen Impfbereitschaft noch ganz viel Luft nach oben hat, dokumentiert gerade die Corona-Pandemie.

Doch auch andere Faktoren der gesundheitlichen Vorsorge sind hierzulande eher unterbelichtet. Das Übergewicht gehört dazu. Laut Widhalm ist Übergewicht für bereits sieben von zehn Diabetes-Erkrankungen verantwortlich. „Ich habe erst kürzlich einen Elfjährigen mit 138 Kilogramm behandelt. Allein die Tatsache, dass es unser Gesundheitssystem soweit kommen lässt, dass es so junge Patienten mit derartigen Beschwerden überhaupt gibt – von Kurzatmigkeiten bis hin zu Gelenksbeschwerden – zeigt, dass wir mehr tun müssen.“

Zu wenig Geld

Faktum ist: Im Vergleich mit anderen OECD-Staaten gibt Österreich messbar wenig für die Prävention aus. Nur eine Zahl: Während die Sozialversicherung hierzulande im Schnitt 98 Euro pro Jahr und Versichertem in Präventionsarbeit investiert, sind es in Deutschland 162, in Schweden sogar 185.

Was also tun? Widhalm regt an, eine brachliegende Ressource zu heben. „Wir sind das einzige Land in Europa, in dem Ärzte permanent an Schulen arbeiten und Kinder untersuchen – die Schulärzte. Diese Daten werden aber nicht vernetzt oder genutzt. Das ist fahrlässig.“

Für Thomas Czypionka, Gesundheitsexperte am Institut für Höhere Studien, sind insbesondere die Krankenversicherungen gefordert. „Den Versicherten müssen aktiv Angebote gemacht werden. Derzeit hat man aber fast das Gefühl, die Zahler (die Kassen, Anm.) sind froh, wenn man nicht zu viel Kosten bei der Vorsorge hat.“

Abgesehen vom Leid, das Patienten erspart werden könnte, ist der volkswirtschaftliche Nutzen erwiesen. Widhalm: „Studien zeigen, dass jeder Euro, den man in Prävention investiert, am anderen Ende sechs Euro bei medizinischen Behandlungen einspart.“ 

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