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Politik Inland
04/03/2022

Ökospaß statt Putingas - Wie kommen wir da wieder raus?

Die Energie- und Wärmewende ist in aller Munde – aber worum geht es eigentlich, was ist zu beachten und was wird es kosten? Der KURIER beleuchtet das brandaktuelle Thema in einer neuen Serie

von Bernhard Gaul, Bernhard Hanisch

Es ist eine fossile Inflation, die wir erleben. Teuerungen treffen Familien und Betriebe gleichermaßen. Jedenfalls jene rund 1.500.000 Haushalte, die derzeit noch mit Erdgas oder Öl heizen und denen nun Horrorrechnungen ins Haus flattern.

Dabei ist seit 30 Jahren klar, dass wegen des Klimaschutzes alle fossilen Energieträger verschwinden müssen, da diese beim Verbrennen das Treibhausgas Kohlendioxid erzeugen. Doch das von der Regierung beworbene und geförderte Aus für Öl und Gas geht nur schleppend vor sich – bis vor wenigen Wochen: Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine und den daraus resultierenden Energiepreis-Explosionen, überlegen immer mehr Menschen, sich von einst billigen fossilen Energieträgern loszusagen. Alternative Heizungssysteme sind gefragt.

Reich ist das Angebot: Wärmepumpen stehen ganz oben auf der Liste, die aus der Luft oder aus dem Boden Wärme generieren können. Photovoltaikmodule können Strom, Solarmodule Wärme aus Sonnenlicht liefern. Holz- oder Pelletsöfen taugen ebenso als guter Ersatz. Selbst Elektrothermen machen Sinn. Es gibt aber nicht die eine Lösung für ein sauberes Heizsystem, weil es auf die jeweilige Situation ankommt: Eignet sich das Dach für Solar- oder PV-Module, der Boden für Tiefenbohrungen? Wie schaut es mit Förderungen aus? Wann rechnet sich was? Wer berät wirklich unabhängig in Energiefragen? Muss zuerst thermisch saniert werden? Fragen, die wir im KURIER in den kommenden Wochen beantworten wollen.

Den Anfang der Serie machen Projekte mit erfolgreichen Aus- und Umstiegen. Kommenden Dienstag: Warum der Ökostrom-Ausbau so schleppend läuft.

Schon im Jahr 1938 sei in Zürich eine Wärmepumpenheizung in Betrieb genommen worden, weiß Ingenieur Gerhard Miltner.  Vor 35 Jahren kam es unter seiner Leitung in Bregenz/Lochau   in Zusammenarbeit mit der Vorarlberger Landesregierung und der Uni Innsbruck  zu Österreichs Pilotprojekt: Zwei Wohnhäuser (Wohnflächen 1038 und 882 ) wurden mit Erdsonden ausgestattet. Der Techniker stellt fest: „Die Anlage läuft noch heute einwandfrei.“ Miltner sagt, Felsboden sei wegen der hohen Leitfähigkeit am besten geeignet. „Darum haben wir Mitte der 1980er Jahre in Lech am Arlberg in 1.400 Metern Höhe  zwei Apartmenthäuser mit Wärmepumpen auch zur Warmwasseraufbereitung ausgerüstet.“

2006 wurde in der Linzer Markartstraße ein  Wohnhaus (50 Wohnungen) aus dem Jahr 1957 von allen    Gasthermen befreit, thermisch saniert und an die Fernwärme angeschlossen.   Die erste Sanierung (Bauträger GIWOG) eines Mehrfamilienhauses in Österreich senkte den Energieverbrauch um  90 Prozent.

Nur knapp 350 Euro Stromkosten pro Jahr

Vor mehr als 15 Jahren hatte Familie L. eine klare Vorstellung, wie sie wohnen möchte. Herr L. hat Holztechnik studiert, so wurde ihr Haus in gekoppelter Bauweise im Nordwesten Wiens aus Vollholz errichtet. Mit einem Heizwert von  unter 10 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr war es ein Passivhaus,  mittlerweile ist es sogar ein Plusenergiehaus, mit Strom als einzigem Energieträger. Aussehen tut es aber wie jedes andere Haus in seiner Straße, mit großen Fenstern und gläsernen Türen: „Wir haben das Haus damals nach dem Stand der Technik  gebaut, was energetisch natürlich deutlich effizienter war, als es die Bauvorschrift verlangt hat. Diese Vorgaben wurden weit unterboten“.

Die Mehrkosten beim Hausbau konnten durch die damaligen Förderungen ausgeglichen werden. Dabei hatte L., der mit einem Partner ein technisches Büro namens „Interwood“ betreibt, das in der Energieberatung tätig ist, auch einen Lernprozess: Anfangs, erzählt er, hatte das Haus eine sehr große Fläche Solarkollektoren am Dach, das zum Glück direkt Richtung Süden ausgerichtet ist.  „Aber wir mussten bereits im ersten Sommer feststellen, dass  die Anlage einerseits viel zu groß war, im Sommer hatten wir viel zu viel Wärme, und wussten eigentlich nicht, wohin damit. Andererseits waren die Flachkollektoren im Winter  nicht effizient genug, vor allem bei bedecktem Himmel produzierten sie nur sehr wenig Wärme.“

Familie L. hat dann ihr Energiesystem noch einmal umgebaut und die Solaranlage  durch eine kleinere Anlage mit Vakuumröhren ersetzt. „Diese haben den Vorteil, dass sie auch bei diffusem Licht effektiv Wärme erzeugen“, sagt der Experte. Zudem hat er dann auch eine 5-Kilowatt-Photovoltaik-Anlage auf sein Dach montiert, die Strom erzeugt. Sehr viel Strom. In der Bilanz deutlich mehr, als in einem Jahr im Haus verbraucht wird. Anders als bei überschüssiger Wärme, kann man überschüssigen Strom für gutes Geld ins Netz speisen. Als Heizung hat das Haus nur eine  kleine 1 kW-Wärmepumpe,  die über Grabenkollektoren, die im Garten verlegt sind, Wärme auch in kalten Wintern erzeugen kann.

Ganz zufrieden ist der Energieberater dennoch  nicht, noch nicht. Die Familie hat nämlich auch ein Elektroauto, ein kleines, französisches, das rund 400 Kilometer Reichweite hat. Der Akku des E-Autos hat eine Kapazität von 52 Kilowattstunden (was circa dem 10-fachen eines gängigen Hausakkus entspricht), und diesen hätte er gern in sein Stromnetz daheim integriert: Bidirektionales Laden, nennt sich das, wenn Elektroautos auch Strom  abgeben können.  Denn Photovoltaik-Anlagen produzieren keinen Strom, wenn keine Sonne scheint. Batterien können das ausgleichen, und den während eines sonnigen Tages gespeicherten Strom nach Bedarf  abgeben. Doch leider ist diese Möglichkeit bei seinem Auto standardmäßig nicht vorgesehen, das biete im Moment nur die asiatische Konkurrenz.  „Dies sollte aber bei jedem Auto  möglich sein, wie Feldversuche auch unseres Herstellers zeigen. Vielleicht gibt es ja diesbezüglich einmal ein Upgrade.“

Zufrieden zeigt er zum Schluss seine Stromrechnung: Rund 650 Euro kostet ihn der Strom jährlich samt Gebühren und Steuern. Abzüglich der 300 Euro, die er für seinen ins Stromnetz eingespeisten PV-Strom bekommt, bleiben  rund 350 Euro Kosten übrig –  für‘s ganze Jahr.

Ein Berghof als Energiespender

Es war ein Akt der Weitsichtigkeit, die Erkenntnis, der immer konkreter werdenden Bedrohung durch den Klimawandel entgegenzuwirken. Und es steigerte sich das Bedürfnis, unabhängig zu werden. Strikte Abkehr von der fossilen, Hinwendung zu erneuerbaren Energie. Den „bioökonomischen Weg einschlagen“, nennt es Thomas Zöchling.

Der 32-Jährige erklärt, warum er sich vor ungefähr  zehn Jahren mit seinem Vater  zur intensiven Nutzung der Photovoltaik im Familienbetrieb entschlossen hatte. Damals begann eine Entwicklung, die zwei positive Effekte mit sich zog: Die Produktionssicherung des Milchviehbetriebs und – gewissermaßen als zweites Standbein – der nachhaltige Beitrag zur Energieförderung einer Region.

In St. Veit an der Gölsen (NÖ) befindet sich der Hof, der aufgrund seiner Höhenlage den Status eines bergbäuerlichen Unternehmens einnimmt. Bedeckt sind die Gebäude fast lückenlos mit Sonnenkollektoren. Der aus der Photovoltaik gewonnene Strom erzeugt eine Leistung von 270 kW. Nicht nur die Fütterungsanlage für 40 Kühe erhält damit ihren Antrieb.

Auf dem Holz-WegDie Idee von der Unabhängigkeit fand damit noch kein praktisches Ende. Minimal wurde der Einsatz von fossilen Treibstoffen, Gas war ohnehin tabu. Möglich macht dies neben der Sonnenenergie der unterstützende Einsatz eines Wasserkraftwerks (Husarenmühle) und vor allem die Nutzung von Brennholz. Thomas Zöchling bewirtschaftet 70 Hektar Wald. Buchenholz (600 Raummeter pro Jahr), das in der „Energiehalle“ von Maschinen zerkleinert wird, die wiederum mit dem selbst erzeugten Strom funktionieren.

„Geerntet“ wird nur jene Menge, die pro Jahr auch nachwächst. Vereint haben sich mittlerweile mehrere Waldbauern aus Nieder- und Oberösterreich zur gemeinschaftlichen Vermarktung (www.ofenholz.at).

Der Ertrag aus all diesen Energiequellen wird ins Netz gespeist, Ungefähr 200 Haushalte in der Region profitieren davon. „Mir ist aufgefallen, dass in letzter Zeit viele Kunden Brennholz nachbestellen. Eine Frau hat sogar gesagt, sie hätte ihre Gastherme abgedreht, um aus finanziellen Gründen nur mehr mit regionalem Holz zu heizen“, erzählt Zöchling. Vergisst dabei nicht, noch einmal auf die kurzen, deshalb umweltschonenden Transportwege und die damit niedrigeren Kosten hinzuweisen.

Alternative Wärme für 160 Wohnungen

Andreas Pelikan steht auf seinem Balkon, erzählt vom frischen Schnittlauch, den er jederzeit von den als Gemeinschaftsgarten genützten Grünflächen schneiden kann. Ein Garten für alle ist Teil des Konzepts. Und auch sonst ist der 58-Jährige ziemlich zufrieden mit der Lebensqualität in der Wohnanlage.

Diese heißt MGG22, wurde 2019 fertiggestellt, ist von der U-Bahn-Station Stadlau im 22. Wiener Gemeindebezirk in drei Gehminuten erreichbar und täuscht nicht nur vor, mit der Umwelt einen verträglichen Kompromiss geschlossen zu haben.

Das Besondere daran: MGG ist das Kürzel für die Mühlgrundgasse und ist ein im Wiener Großraum errichtetes gasfreies, mit erneuerbarer Energie versorgtes Wohnprojekt größeren Stils. Die spezielle Technik versorgt sieben Häuser, insgesamt 160 Wohneinheiten, mit Warmwasser und Heizung.

Wie das funktioniert? Überschussstrom aus der Windenergie betreibt die Erdwärmepumpen. Die Wärme wird in die Raumdecken der Häuser („Bauteilaktivierung“) gepumpt, dort gespeichert und ist in jedem Raum mittels Thermostat regulierbar. Vergleichbar  sei  das System mit jenem einer aufgeladenen Batterie.

„Das Gute daran ist, dass wir eine gewisse Unabhängigkeit genießen. Für die verbrauchte Energie  zahle ich zirka 70 Euro im Monat. Meine Kosten haben sich gegenüber meiner früheren Wohnung um ein Drittel verringert“, sagt Pelikan, ein Bewohner der ersten Stunde.

Und weil das System einen Umkehreffekt  erlaubt, wird im Sommer die erzeugte Wärme in kühlende Temperaturen umgewandelt. Als passive  Klimaanlage –  Hitzewellen werden für die hier lebenden Menschen erträglich. „Es ist eine Erleichterung, alleine wenn ich die Haustüre hinter mir zumache.“

Positive Urteile überwiegen zwar in den Gesprächen mit einigen Bewohnern. Aber ein paar Nachteile hat das innovative Wohnmodell doch. So äußern sich  manche skeptisch über  die Betonwände, die zwar  in Sachen Temperatur ihre dämmende Wirkung haben,  aber den Handyempfang  stören. Auch sei es gewöhnungsbedürftig, oft ein paar Minuten  warten zu müssen, bis warmes Wasser aus der Leitung kommt. „Das ist wiederum schlecht  für den den Wasserverbrauch“, meint ein junger Mann. Ein Kritikpunkt, aber jedenfalls einer, der Umweltbewusstsein beweist.

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