Politik | Inland
13.05.2017

GRAS: "Gender Studies müssen finanziert werden"

Marita Gasteiger, Spitzenkandidatin der Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS), im KURIER-Gespräch über die kommende ÖH-Wahl.

Flyer werden verteilt, Hände geschüttelt, das ein oder andere Bier getrunken. Es ist Wahlkampfzeit an den Hochschulen Österreichs. Am 16. startet die Wahl zur Bundesvertretung der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH). Studierende können entscheiden, wer sie auf Bundesebene künftig vertreten soll. Der KURIER hat mit den Spitzenkandidaten der ÖH-Fraktionen gesprochen. Wie lauten ihre Forderungen? Was sind ihre Ziele? Und: Wieso überhaupt ÖH?

Marita Gasteiger, Frontfrau der Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS), will keine Urabstimmung über die ÖH-Mitgliedschaft und fordert mehr Geld für Gender Studies.


Alle Interviews mit den ÖH-Spitzenkandidaten finden Sie hier.

KURIER: Welche Aufgabe hat die ÖH?

Marita Gasteiger: Die ÖH soll die Interessen der Studierenden vertreten, sowohl an den Hochschulen als auch in der Gesellschaft.

Ist es wirklich die Aufgabe der ÖH, gesellschaftspolitisch zu agieren?

Die ÖH, die Hochschulen und Studierende sind Teil der Gesellschaft. Und daher ist es selbstverständlich, dass die ÖH gesellschaftspolitisch einschreitet und Stellung zu gewissen Themen nimmt. Das ist auch ein großes Anliegen der Studierenden.

Aber um das Image der ÖH ist es nicht gut bestellt. Die Wahlbeteiligung ist niedrig, andere Fraktionen sprechen von einer "Zwangsmitgliedschaft".

Zwangsmitgliedschaft, wenn ich das schon höre. Eine starke Interessensvertretung zu haben, ist doch ein Vorteil. Gerade in Zeiten, wo das Versammlungsrecht eingeschränkt wird, die Zahl rechtsextremer Gewalttaten steigt und Zugangsbeschränkungen über Nacht eingeführt werden. Es ist schon gut, eine ÖH zu haben.

Anders gefragt: Sollen Studenten wählen können, ob sie Mitglied bei der ÖH sein wollen?

Ich will die ÖH nicht mit einer Urabstimmung aufs Spiel setzen. Die Entscheidung zum Studium bedeutet auch das Interesse an einer starken Interessensvertretung. Nur gemeinsam können wir zum Beispiel gegen die Studienplatzfinanzierung auftreten.

Dass die Regierung bessere Studienbedingungen mit einer planbaren Studienplatzfinanzierung erreichen will, klingt doch erstrebenswert.

Das Konzept ist überhaupt nicht ausgereift. Wir wissen ja noch gar nicht, was auf uns zukommt. Nicht einmal die Regierung weiß, was sie tut. Uns fehlt überhaupt eine langfristige Strategie zur Hochschulpolitik. In welcher Gesellschaft wollen wir künftig leben? In einer, in der Bildung für alle Menschen zugänglich ist. Oder in einer, in der wir Menschen aufgrund ökonomischer Merkmale vom Studium ausschließen?

Welche Alternative schlägst du vor?

Bevor wir überhaupt über weitere Studienplatzbeschränkungen reden, muss die Regierung ihr Versprechen einlösen und zwei Prozent des BIP in den Hochschulsektor investieren. Die Unis gehören endlich ausfinanziert. Wir haben nicht zu viele Studenten. Es fehlt am Geld.

Das fehlt aber nicht nur im Hochschulsektor.

Die Regierung hat sich im Koalitionspakt darauf verständigt, zwei Prozent des BIP zu investieren. Das muss nun auch endlich umgesetzt werden. Als Gesellschaft müssen uns Menschen, die sich bilden wollen, sehr viel Wert sein.

Ihr fordert neben der Ausfinanzierung der Hochschulen auch ein Grundstipendium in Höhe von 844,46 Euro im Monat.

26 Prozent der Studierenden sind von Armut betroffen, nur zwölf Prozent erhalten eine konventionelle Studienbeihilfe, die im Durchschnitt 300 Euro hoch ist. Dazu kommt, dass 60 Prozent der Studenten neben dem Studium arbeiten müssen.

Laut der GRAS-Rechnung würde dieses Stipendium allein im Jahr 2017 insgesamt 2,8 Milliarden Euro kosten. Wie soll das bezahlt werden?

Langfristig gewinnt der Staat, weil das Grundstipendium Arbeitsplätze schafft. Zum einen wird der Konsum steigen, zum anderen werden Arbeitsplätze, die von Studierenden besetzt waren, wieder frei. Aber klar ist auch, dass jede Brücke, die gebaut wird, sich erst in einigen Jahren rechnet. Nach unseren Berechnungen steigt der Staat nach zwei Jahren sogar mit einem Plus aus.

Ist euch eine Reform der Studienbeihilfe zu wenig?

Mittlerweile bin ich bei Reformen eher skeptisch. Die Studienbeihilfe ist nämlich ein Flickwerk. Immer wieder wird ein bisschen etwas nachgebessert, ein bisserl mehr Geld investiert, aber ich glaube, wir müssen uns Gedanken darüber machen, welche Rolle Studierende in einer Gesellschaft spielen. Sie sollen ohne Barrieren studieren und sich weiterbilden können.

Eine Geld-Forderung habt ihr aber noch: Die Finanzierung von Gender-Lehrveranstaltungen in allen Studienrichtungen. Jetzt werden einige aufschreien.

Wir haben eine massive Ungleichbehandlung von Männern und Frauen am Arbeitsmarkt, an Universitäten und Schulen. Nicht einmal ein Viertel der Professuren an den Hochschulen ist von Frauen besetzt. Wir haben Personen, die wegen ihrer sexuellen Neigungen auf der Straße verprügelt werden. Wollen wir uns nicht damit auseinandersetzen, wie unsere Gesellschaft Personen auf allen Ebenen diskriminiert? Woher kommen diese Verhältnisse? Die Vorurteile? Gender-Vorlesungen geben uns einen Einblick in dieses System. Deshalb müssen Gender Studies besser finanziert werden.

Wie finanziert ihr den Wahlkampf?

Wir sind immer sehr offen damit umgegangen. Die Grünen finanzieren uns, inhaltlich lassen wir uns aber nichts vorschreiben.

Und wie hoch ist das Budget?

Es bewegt sich im Rahmen der vergangenen Jahre. Nach dem Wahlkampf publizieren wir die genauen Zahlen.


Zur Person: Marita Gasteiger ist Spitzenkandidatin der Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS). Sie studiert Interdisziplinäre Osteuropastudien an der Uni Wien.