ÖBB-Chef Andreas Matthä: "100 Prozent schaffst du nicht"

Der längstdienende Bahnchef verrät einen neuen Fahrgastrekord, wer seinen "heißen Atem" zu spüren bekommt und warum alle Politiker zu loben sind.
Andreas Matthä, ÖBB-Chef

KURIER: Sie sind gelernter Brückenbauer, seit 2016 an der Spitze der ÖBB und damit der längstdienende Bahnchef. Wem oder was haben Sie das zu verdanken?

Andreas Matthä: Es ist ein stückweit die Kunst, Brücken zwischen unterschiedlichen Menschen und Meinungen zu bauen, um eher zu verbinden als zu trennen. Ich glaube, das liegt mir.

Die ÖBB sollen laut SPÖ-Infrastrukturminister Peter Hanke reformiert werden. Woran würde ich als Kunde oder Mitarbeiter in ein paar Jahren merken, dass die Reform gelungen ist?

Sie würden es daran erkennen, dass Sie als Österreicherinnen und Österreicher, denen die Bahn letztendlich gehört, noch stolzer sind als Sie es hoffentlich nicht ohnedies schon sind, weil wir bereits jetzt einen Spitzenplatz in Europa haben. Wir wollen im Wettbewerb weiterkommen, den Bürgern den Wunsch nach Konnektivität in andere Länder bestmöglich erfüllen. Und, wir wollen den Güterverkehr in unserem Markt – also alles östlich des Rheins bis Shanghai – weiter ausbauen.

"DER NEUE ÖBB-RAHMENPLAN 2025-2030": HANKE / MATTHÄ

Aber es geht letztlich um die Bereinigung interner Strukturen?

Wir sind in einer Struktur gefangen, die bis in die dritte Ebene des Konzerns geht. Hier brauchen wir mehr Freiheiten und natürlich achtet man darauf, wo man Doppelgleisigkeiten bereinigen kann, um flotter zu werden. 

Die Politik spricht jüngst immer wieder über KPIs, Key Performance Indicators. Gibt es einen Faktor, der für Sie erfolgsentscheidend ist? 

Der erste und schnellste Indikator ist die Pünktlichkeit. Das Erste, was ich nach dem Aufstehen in der Früh mache, das ist mir die Statistik über die Pünktlichkeit des vorigen Tages anzuschauen. Das bedeutet manchmal, dass der ein oder andere Manager nicht den besten Morgen hat, weil wir diskutieren, was da passiert ist. Es braucht manchmal den heißen Atem des Chefs, dass jeder im Konzern versteht, was zentral ist. 

Bei welcher Prozentzahl wird Ihr Atem besonders heiß?

Im Fernverkehr alles, was unter 80 Prozent ist. Im Nahverkehr werde ich bei allem, was unter 92 Prozent ist, grantig. Der Faktor Pünktlichkeit ist deshalb so zentral, weil die Menschen ihren Tag mit uns planen. Wenn wir eine halbe Stunde zu spät sind, dann erzeugen wir nicht nur Stress, sondern dann haben wir unser Versprechen nicht gehalten: „Pünktlich wie die Eisenbahn!“ Wissen Sie, als Chef ist man nie zufrieden, aber ich muss schon oft lächeln, wenn ich meine deutschen Kollegen höre, die bei erst ab einer Pünktlichkeit ab 80 Prozent ein Thema haben, die Schweizer erst ab 90 Prozent. Überall hat man dieselbe Diskussion, aber 100 Prozent schaffst du natürlich nicht. Das muss aber der Anspruch sein! 

Ein roter Railjet-Zug steht an einem Bahnhof.

Ist aufgrund des Irankriegs, der Energiepreise davon auszugehen, dass mehr Menschen auf die Bahn umsteigen und wenn ja, sind die ÖBB dafür gerüstet?

Wir bekommen laufend neue Züge herein – heuer allein 80, aber Sie müssen rechnen, dass ein Zug von der Bestellung bis er am Gleis steht, ungefähr 10 Jahre braucht. Was wir bis jetzt beobachten, dürfte die Nachfrage seit dem Iran-Krieg im März noch einmal einen Sprung nach oben gemacht haben. Wir haben demnächst unsere Bilanzpressekonferenz, bei der wir das etwas detaillierter sagen können. Was ich jetzt schon verraten kann: Wir haben 2025 einen Fahrgastrekord von 559 Millionen Fahrgästen.

Ein ICE-Zug der Deutschen Bahn steht an einem Bahnsteig.

Die Energiepreise haben auch Auswirkungen auf Investitionen. Zudem muss die Republik sparen, deren Eigentum die ÖBB sind. Wo wird gespart werden müssen?

Wir haben natürlich für die Budgetkonsolidierung unsere Beiträge zu liefern! Es ist ein wenig wie im Privaten: Wenn man gerne eine neue Eingangstür hätte, sie sich aber nicht leisten kann, dann wird man mit der Investition noch ein Jahr warten. Die Mittel, damit unser Bestandsnetz auf der hohen Qualität bleibt, sind jedenfalls da und haben Priorität AAA, weil sonst geht’s uns wie in den Nachbarländern. Wenn Du nicht regelmäßig darauf schaust, dass die Infrastruktur intakt ist, dann beginnt sie zu verfallen und irgendwann hast du den point of no return und eine Kettenreaktion. 

Also Deutschland ist nicht das Vorbild, sondern?

Die Schweiz ist unsere Benchmark! Deutschland ist ein gutes Beispiel, was passiert, wenn ein Staat nicht auf seine Infrastruktur schaut und damit meine ich nicht nur die Schieneninfrastruktur. Wenn Sie in Salzburg über die Grenze fahren und telefonieren wollen, dann ist das eine Zeit des Ruhens und der Entspannung, weil es keinen Empfang gibt. Da hat Österreich wirklich viel richtig gemacht und damit meine ich alle Parteien, die im Parlament vertreten sind. Da muss man die Politik wirklich loben!

ÖBB-Logo beim Hauptbahnhof in Wien

Der Güterverkehr, die Rail Cargo, ist defizitär. Muss eine Staatsbahn überhaupt einen Güterverkehr betreiben?

Ich bin felsenfest überzeugt, dass ein Staat ein Mobilitätsrückgrat braucht, das er im Krisenfall sofort und unvermittelt einsetzen kann. Seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine bin ich zu 10.000 Prozent überzeugt davon, denn was wir von unseren Kollegen aus der Ukraine lernen durften ist: Sie werden eine Stadt mit 10.000 Einwohnern nur mit einem Zug entfluchten können. Sie werden Verwundete nicht transportieren können ohne Zug, weil sie die logistische Leistung mit dem Auto nicht erbringen. Und reden wir nicht vom Kriegsfall, sondern vom Krisenfall wie beim Hochwasser, das wir hatten: Die Bahn ist Teil der Krisenresilienz eines Staates. 

Ohne staatliche Subvention gäbe es das Bahnticket wie das Burgtheaterticket nur um einen weit höheren Preis. Können Sie uns einen Kostenschlüssel nennen?

Im Nahverkehr sind die Ticketpreise staatlich subventioniert. Der Anteil liegt bei ungefähr 20 Prozent. Viele  Fernstrecken werden eigenwirtschaftlich bzw. ohne Zuschuss betrieben.

Der Fernzug nach Paris wurde eingestellt, andere Fernzüge werden nicht wirklich als Alternative zum Flieger angenommen…

… also ich fühle mich hinlänglich provoziert mit der Frage, denn was ich nicht mag, das sind Verbote. Mit Verlaub: Die Nachtzüge sind voll, wenn wir sie fahren können. Aber wenn man unbedingt diesen Konkurrenzkampf zwischen Flug und Zug machen will: Alles, was Du innerhalb von vier, maximal fünf Stunden erreichst, das mag man normal nicht fliegen. Nicht, weil Du es nicht darfst, sondern weil Du es nicht willst. 

Andreas Matthä, ÖBB-Chef

Warum?

Weil man bei einer Stunde Flugzeit in etwa mit einer Gesamtzeit, bis man am Reiseziel ist, von vier Stunden zu rechnen hat. Also kann ich die vier Stunden Fahrzeit auch nutzen, um im Zug zu lesen, zu schlafen, zu essen, aus dem Fenster zu schauen oder vielleicht – was ganz Perverses – mit Menschen, die ich vorher noch nie gesehen haben, zu reden, anstatt aufs Handy zu schauen. Das ist ein spannendes Erlebnis und kann ich nur empfehlen. Ich mag auch nicht nach Lissabon mit dem Zug, weil mir das zu lange dauert, also werde ich hinfliegen. Ich glaube, wir sollten einen unverkrampfteren Zugang zu all dem haben. 

Wie sehr belastet die Baustelle Deutsches Eck den Fernverkehr?

Aktuell ist es die Sperre Passau-Regensburg für ein ganzes Jahr, aber das Deutsche Eck schmerzt uns extremst. Jeder Zug, der bei Salzburg rausfährt und in Richtung Innsbruck und Zürich weitergeht, ist de facto verspätet.  Wir kommen an die deutsche Grenze mit einer Pünktlichkeit von 80 Prozent und kommen heraus mit 60 Prozent. Das verhagelt unsere Pünktlichkeitsstatistik, aber es nutzt nichts mit dem Finger auf die deutsche Bahn zu zeigen. Wir brauchen dort einfach eine stabilere Infrastruktur. 

FESTAKT ÖBB "ERÖFFNUNG KORALMBAHN": VON BRESKA / SCHEIDER / KAHR / KUNASEK / MATTHÄ; VAN DER BELLEN; STOCKER / KAISER / BABLER / HANKE

Die ÖBB sind immer auf der Suche nach Mitarbeitern. Im Gegensatz zu anderen Berufen gibt es bei Ihnen aber weniger Homeoffice-Möglichkeiten, sondern mehr körperliche Arbeit zu verrichten, richtig?

Damit Sie eine Vorstellung haben: Wir haben im letzten Jahr 140.000 Bewerbungen bearbeitet und von diesen rund 5.000 im Unternehmen aufgenommen. Ich weiß, es klingt altmodisch, aber man kann in unserem Konzern sein ganzes Berufsleben verbringen, aber fix nicht am selben Arbeitsplatz und schon gar nicht mit denselben Arbeitsbedingungen. Das gehört zum mittlerweile in Vergessenheit geratenen lebenslangen Lernen. Die Bahn war früher eine körperlich extrem anstrengende Arbeit, das ist sie zunehmend nicht mehr. Früher war der Weichenheber so schwer, den habe ich fast nicht runtergebracht – heute ist das ein Mausklick. Dadurch erschließen sich aber andere Arbeitskraftpotenziale. Man muss nur offenbleiben – open minded –  wie das so schön heißt.

Sie sind gebürtiger Villacher und haben vor wenigen Monaten den Koralmtunnel eröffnet. Wie historisch war dieser Moment für Sie?

Ich muss aufpassen, dass ich nicht ins Pathetische abgleite. Es ist die erste Bahnstrecke, die seit 100 Jahren, gänzlich neu gebaut wurde! Ich durfte als Bahnchef am Ende der ganzen Geschichte diese Strecke eröffnen. Ich bin als Kärntner mit steirischen Wurzeln felsenfest überzeugt davon, dass diese Strecke die Lebensrealität der Menschen zum Positiven verändern wird und, ich würde mich freuen, wenn ich noch so alt werde, dass ich erlebe, wenn Kärnten nicht nur zum Tourismus-, sondern auch zum Wirtschafts-Hotspot wird. 

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