ÖBB-Güterverkehr Rail Cargo fährt noch höhere Verluste ein
Clemens Först, einer der drei Vorstände der Rail Cargo Group (RCG), verabschiedet sich nach zehn Jahren schon Ende April. Bei den desaströsen Ergebnissen des Schienengüterverkehrs dürfte ihm die Lust, den Vertrag bis zum Ablauf Ende 2026 durchzustehen, vergangen sein.
Im Vorjahr ist die 6.000 Mitarbeiter große RCG, die seit Jahren grobe Probleme hat, noch tiefer in die roten Zahlen gefahren. Das operative Minus dürfte sich verdoppelt haben und für 2025 in der Größenordnung von rund 45 bis 50 Millionen (Ebit) liegen. Die ÖBB kommentieren derzeit keine Zahlen und verweisen auf ihre Bilanzpressekonferenz in zwei Wochen.
Dazu kommen noch rund 80 Millionen Euro an Wertberichtigungen von Firmen-Beteiligungen. Der Großteil davon dürfte mit 20 Millionen Euro auf die Rail Cargo Hungaria entfallen, die 2008 um 400 Millionen Euro als MAV-Cargo zu teuer erstanden wurde. Weitere Abschreibungen entfallen auf Agrarlogistik-Unternehmen und Terminal-Beteiligungen.
Sodass in der Bilanz des ÖBB-Teilkonzerns insgesamt ein Minus von bis zu 130 Millionen Euro anfallen dürfte. Mit den Wertberichtigungen wurden jetzt angeblich alle Altlasten bereinigt.
Die RCG hat in Österreich immer schlecht performt, das Auslandsgeschäft rettete die Ergebnisse. Doch international läuft’s seit zwei Jahren auch nicht mehr gut. Europas Güterverkehr steht stark unter Druck. „Die industrielle Rezession, der Wettbewerb mit der Straße und hier insbesondere der hohe Strompreis sind die Gründe dafür“, sagt ÖBB-Sprecherin Gabi Zornig. Die RCG ist der zweitgrößte Bahnlogistiker Europas. Die hohen Spritpreise motivieren die Unternehmen derzeit aber noch nicht zum Umstieg von der Straße auf die Schiene.
Die RCG hätte, meinen Insider, schon längst einen starken Partner gebraucht. Auch für heuer lässt der Aufschwung der Industriekonjunktur auf sich warten. Mit dem internen Wettbewerbsprogramm „Phönix“ sollen daher Kosten um 15 Prozent gesenkt und defizitäre Produkte eingestellt werden. Der Vorstand wird auf zwei Mitglieder verkleinert. Mitarbeiter, die ihren Posten verlieren, werden über den internen Jobmarkt auf andere Arbeitsplätze vermittelt. Denn in Summe müssen die ÖBB nach wie vor 5.000 Jobs im Jahr nachbesetzen.
Mit der Gesamtbilanz haben die ÖBB aber noch einmal Glück. Vor allem dank zweier Einmaleffekte sollte das Konzernergebnis nicht ins Minus rutschen.
Schiedsgericht
Rund 100 Millionen Euro werden aus der Auflösung von Rückstellungen im Personenverkehr wirksam. Infrastruktur-Benützungsentgelte und Stationsentgelte wurden zu hoch berechnet, stellte sich heraus. Die Entgelte mussten neu kalkuliert werden. Konkurrent Westbahn erhält übrigens 30 Millionen Euro zurück.
Rund 30 Millionen Euro erhielten die ÖBB im Vorjahr aus einem Vergleich mit Bombardier/Alstom vor einem Schiedsgericht. Die ÖBB hatten 46 Züge der Marke „Talent 3“ noch bei Bombardier bestellt. Die Order wurde storniert, die ÖBB verlangten Vertragsstrafen, weil der Liefertermin nicht eingehalten wurde. Umgekehrt gab es Forderungen von Alstom. „Damit ist unter das Thema ein Schlussstrich gezogen, wir fokussieren uns auf zukünftige Projekte“ (Zornig).
Schlankheitskur
Für Nervosität in der Belegschaft sorgt die von SPÖ-Infrastrukturminister Peter Hanke verordnete Strukturreform, die bis Ende 2027 startklar sein soll. Hanke will, dass die behäbige Staatsbahn wettbewerbsfähiger und effizienter wird.
Die drei mächtigen Teilkonzerne RCG, Personenverkehr und Infrastruktur, die seit der letzten Organisationsreform vor 23 Jahren ein ziemliches Eigenleben führen, sollen von AGs wieder in weisungsgebundene GmbHs umgewandelt werden. Der Holding-Vorstand, derzeit bestehend aus CEO Andreas Matthä und Finanzvorständin Manuela Waldner, wird voraussichtlich personell aufgestockt und soll die Töchter an die Kandare nehmen. Die zahlreichen Doppelstrukturen und Reibungsverluste zwischen den Gesellschaften müssten beseitigt werden. Die Vorstände der Teilkonzerne werden von drei auf zwei Mitglieder abgeschlankt.
Für die Reform braucht Hanke das Parlament, um das Eisenbahngesetz zu ändern.
Matthä-Nachfolge
Die Reform wird das letzte Werk von Matthä, den Hanke um ein Jahr bis 2027 verlängerte. Was Insider positiv beurteilen, Matthä brauche aus karrieretechnischen Interessen keine Rücksichten mehr zu nehmen. Eh klar, dass bereits heftig über seine Nachfolge spekuliert wird.
Der Aufsichtsrat will den CEO-Job im August/September ausschreiben. Die SPÖ-nahe Infrastruktur-Vorständin Silvia Angelo, ehemals AK, hat intern bereits angekündigt, sich zu bewerben. Ihr wird der Job durchaus zugetraut. Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich eine Frau an der Spitze der Bahn?
Als einer der Favoriten wird in Bahn- und SPÖ-Kreisen allerdings Julian Jäger genannt, erfolgreicher Vorstand am Wiener Flughafen. Jäger gilt als unbestrittener Top-Manager. Es könnte aber auch ganz anders kommen. „Was, wenn Ex-ÖBB-Managerin Evelyn Palla, Chefin der Deutschen Bahn, zurück nach Wien will und sich bewirbt?“, feixt ein Insider.
andrea.hodoschek@kurier.at
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