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Politik Inland
12/04/2021

NS-Vergleiche auf Corona-Demos: "Sie spucken den Opfern ins Gesicht"

Auf Demos werden Corona-Maßnahmen mit NS-Terror gleichgesetzt. Für Wiens Oberrabbiner Jaron Engelmayer kommt das Shoah-Verleugnung gleich. Er vermisst den öffentlichen Aufschrei.

von Valerie Krb

Sie sprechen von Diktatur, fühlen sich als Opfer und tragen gelbe „Judensterne“: Die Corona-Maßnahmengegner schrecken nicht davor zurück, ihre Situation mit der Judenverfolgung der Nazis gleichzusetzen. Wiens Oberrabbiner Jaron Engelmayer betrachtet diese Form des Antisemitismus mit großer Sorge und warnt vor der Verharmlosung der NS-Gräueltaten.

KURIER: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie Demonstrierende mit „Judenstern“ sehen und hören, sie würden sich wie die „neuen Juden“ fühlen?

Jaron Engelmayer: Es macht mir große Sorgen. Es handelt sich um eine gefährliche Umdeutung der Shoah. Das sind Tendenzen, die nicht verharmlost werden dürfen. Solche Vergleiche haben nichts mit der Realität zu tun und können schlimm ausgehen.

Welche Emotionen lösen die NS-Vergleiche in der jüdischen Gemeinde aus?

Es verletzt uns und macht uns sehr betroffen. Vor allem jene, die die Shoah miterlebt haben, aber auch die Hinterbliebenen. Wir tragen dieses Geschichtsbewusstsein in uns und wissen, was damals passiert ist.

Werden derlei Verharmlosungen von der Öffentlichkeit genügend beachtet?

Nein. Es gibt noch viel Aufklärungsbedarf. Mir fehlt der öffentliche Aufschrei. Die Gesellschaft muss dagegenhalten. Das ist Geschichtsverdrehung im schlimmsten Sinne. Man spuckt den Opfern damit ins Gesicht.

Die deutsche Justiz kann künftig härter gegen den Missbrauch des „Judensterns“ vorgehen. Wünschen Sie sich das auch in Österreich?

In politische Belange mische ich mich nicht ein. Aber ich wünsche mir, dass derartige Leugnungen der Shoah erfasst werden. Solche Vergleiche sind eine Verharmlosung der Untaten und kommen einer Verleugnung im weiteren Sinne nahe.

Immer wieder hört man, unter den Demonstrierenden seien „normale Bürger“, die mit rechtsextremen Ideologien nichts zu tun hätten. Ist es für Sie vertretbar, bei solchen Demos mitzugehen?

Die Demonstranten sollten sich nicht instrumentalisieren lassen, sonst machen sie sich mitschuldig bei der Verbreitung solcher Ideologien. Das sehen wir in der Geschichte: Wer sich dazu benutzen lässt, gewisse Ideologien zu bestärken, trägt Mitverantwortung. Die Mitläufer solcher Demos sollten wissen, welche Botschaften damit in die Welt hinausgetragen werden. Sie stärken die Aussagen, die dort getätigt werden und die Gruppierungen, die daran teilnehmen. Das ist nicht entschuldbar.

Haben Sie die Sicherheitsmaßnahmen vor jüdischen Einrichtungen erhöht?

Ja, weil es immer wieder Spannung gab. Aber die Maßnahmen sind in Absprache mit den Behörden und unserem Sicherheitsdienst stets auf hohem Niveau. Wir würden uns wünschen, dass das nicht notwendig wäre.

Haben Sie die Gemeindemitglieder dazu aufgerufen, an den Tagen der Demonstrationen zu Hause zu bleiben?

Nein, das wäre ein gefährliches Zeichen. Wenn Demos dazu führen, dass die jüdische Bevölkerung nicht mehr ihrem jüdischen Leben nachgehen kann, wäre das für die gesamte Gesellschaft fatal. Wir wollen und dürfen uns nicht verstecken.

Antisemitische Verschwörungsmythen haben durch die Pandemie Aufwind bekommen. Wie erklären Sie sich das?

Das lässt sich nicht rational erklären, sondern hängt mit Emotionen zusammen. Wir befinden uns in einer Krise und dafür suchen manche Schuldige. Deshalb wirkt die Pandemie wie ein Katalysator für Verschwörungstheorien. Die jüdische Gemeinschaft hat die letzten Jahrtausende schon viele Erfahrungen damit gemacht, wie gefährlich solche Theorien sein können.

Einerseits vergleichen sich viele Ungeimpfte mit den Opfern der Shoah. Andererseits machen sie in antisemitischen Verschwörungsmythen Juden für die Pandemie verantwortlich. Wie ist diese Diskrepanz erklärbar?

Wenn es nicht um rationales Denken geht, wird es oft widersprüchlich. Man missbraucht Emotionen, ohne sie mit der Ratio zu verbinden.

Haben Sie einen Appell an die Mitläufer solcher Demonstrationen?

Hinschauen und sich Gedanken machen, ob man diese Ideologien mitvertreten möchte. Ich glaube, dass die Mehrheit rational auf die derzeitige Lage blickt. Und versteht, dass Maßnahmen nötig sind, um die Pandemie einzudämmen. Das sind die wissenschaftlichen Mittel, die uns zur Verfügung stehen. Das heißt nicht, dass sachliche Diskussionen nicht notwendig sind. Das ist das Recht der Gesellschaft.

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