Die Schule gibt genug Stoff für mehrere Bücher. Am Freitag erschien Niki Glattauers neuestes Buch

© KURIER/Jeff Mangione

Interview
08/30/2015

Niki Glattauer: "Die Schule wird überschätzt"

Da Schule für den Autor nur mit Satire ertragbar ist, gibt es ein 2. Buch über Problemschüler Lukas.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Glattauer, mit Ihrem Buch "Mitteilungsheft: Leider hat Lukas..." ist Ihnen im Vorjahr eine witzige Satire auf die Schule gelungen, die über 30.000 Exemplare verkaufte. Diese Woche ist nun das zweite Buch über den Problemschüler Lukas erschienen. Was ist die Botschaft Ihres neuen Werkes?

Niki Glattauer: Meine zentrale Botschaft ist: Die Bedeutung von Schule wird überschätzt und die Leistung der Eltern mit Schulkindern wird in der Gesellschaft unterschätzt. Als Vater und Lehrer möchte ich aufzeigen, dass es in der öffentlichen Diskussion nicht nur darum gehen kann, dass wir in der Schule Verwaltungsreformen brauchen. Dieses Hickhack zwischen Bund und Ländern nervt die Eltern massiv. Die Eltern wollen, dass endlich Entspannung im Schulalltag eintritt. Die Lehrer sollen in Ruhe ihre Arbeit erledigen können, und die Eltern sollen keine Angst haben müssen, dass aus ihren Kindern nichts wird, wenn sie keine guten Leistungen bringen. Im Moment schaut die Situation so aus: Eltern gegen Lehrer, Lehrer gegen Lehrer, die Gewerkschaft gegen die einen Lehrer, aber für die anderen. Jeder gegen jeden. Das ist nicht mehr tragbar.

Meinen Sie jetzt konkret, dass Schule überschätzt wird, oder auch Bildung?

Ich meine die Schule. Das Wissen, das jeder für sein Leben benötigt, lernt man teilweise in der Schule, vieles aber auch später. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass Schule per se noch immer das sein soll, was sie vor 200 Jahren war. Die Schule ist nicht mehr der einzige Ort der Wissensvermittlung. Da gibt es Smartphones, Internet, Videostreams, die die Kinder konsumieren und sich weiterbilden. Deswegen mein Aufruf: Gemach, Gemach! Es handelt sich nur um Schule.

Sie behaupten, die Arbeit der Eltern mit Schulkindern wird unterschätzt: Wie viel Zeit investieren Sie in lernen und Hausübungen erledigen mit Ihren Kindern?

Eine Familie mit ein oder zwei Schulkindern und berufstätigen Eltern ist fast eine contradictio in se (Widerspruch in sich). Ich kenne keine Mutter und keinen engagierten Vater, der sagt: "Ja, das geht sich alles locker aus." Nicht einmal die gut betuchten Eltern schaffen trotz Nachhilfelehrer den Spagat, und schon gar nicht jene mit geringen finanziellen Mitteln.

Welche Maßnahmen fordern Sie konkret?

Ein wesentlicher Punkt ist, dass die Schule auch während der Sommerzeit geöffnet haben muss – im Übrigen auch für unbegleitete Flüchtlingskinder. Die Sommermonate wären der ideale Zeitpunkt, um die Flüchtlingskinder für die Schulzeit vorzubereiten. Der nächste Punkt: Lehrer sollten endlich akzeptieren, dass Eltern gewisse Leistungen, wie etwa das Kontrollieren der Hausübungen, nicht erbringen können.

Ein Umdenken muss es auch bei den starren Schulzeiten geben. Es sollte möglich sein, dass Schulen autonom verschiedene Beginnzeiten einführen könnten. So lässt sich die Schulzeit besser auf die Arbeitszeit der Eltern abstimmen. Hier sollte die Politik der Schule mehr Flexibilität und Mobilität ermöglichen.

Alles läuft auf das Modell Ganztagsschule hinaus – für die es aber derzeit kein Geld gibt...

Alle seriösen Schulexperten fordern, dass Hausübungen reduziert und nicht mehr zu Hause erledigt werden müssen. In einigen europäischen Ländern wurden die Hausübungen zuletzt auf 75 Minuten pro Tag für alle Gegenstände beschränkt. An Tagen, wo Nachmittagsunterricht stattfindet, gibt es ein Hausübungsverbot. Das macht Sinn, denn Hausübungen sollen Spaß machen.

Sollte man in der Schule aber nicht auch lernen, Hürden zu überwinden? Das Leben ist ja nicht nur ein Spaziergang.

Selbstverständlich muss man auch Hürden überwinden können. Aber zur Überwindung gehört auch dazu, dass es in einer spaßhaften Form passiert. Das Schulkind muss mit Freude das Ziel erreichen wollen.

Wie sollte das moderne Lehrerbild nun aussehen?

Lehrpläne gehören überdacht und entrümpelt. Diese Forderung gibt es schon lange, aber bis jetzt ist nichts passiert. Detto muss die Bestrafung für zu wenig Lernen durch schlechte Noten Vergangenheit sein. Natürlich wollen Lehrer, dass Kinder lernen, was sie ihnen anbieten. Doch das werden wir nicht schaffen, wenn wir mit schlechten Noten drohen. Der Fokus muss auch von den sozial schwachen Schülern weggenommen werden. Warum? Ganz einfach. Die Welt, wie wir sie heute haben – der Egoismus, die vielen Ungerechtigkeiten, das Profitdenken. Diese Welt, mit der wir heute unzufrieden sind, wird nicht von den Schülern der Gettoschulen gemacht, sondern von jenen, die aus den besten Schulen kommen. Die CEOs in den Unternehmen sind nicht die sozial schwachen Schüler, die mit 15 eine Lehre starten. Wenn die Schule Anforderungen verlangt, die vor 100 Jahren en vogue waren, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Welt noch immer ausschaut, wie sie sich derzeit präsentiert.

Was halten Sie von der Zentralmatura?

Ich finde es gut, dass sie nicht zu schwer angesetzt wurde. Denn die Universitäten wählen sich ihre Studenten durch die Aufnahmetests ohnehin selbst aus. Prinzipiell bin ich gegen jede Art von zentral vorgegebener Leistungsüberprüfungen. Doch leider weiß ich aus der Expertengruppe rund um die Unterrichtsministerin, dass eine Art Mittelstufenmatura nach der achten Schulstufe angedacht ist. Hier wird wieder eine Barriere eingebaut, die nur unnötigen Druck schafft. Gerade Kinder in diesem Alter entwickeln sich sehr unterschiedlich, weil sie mitten in der Pubertät sind. Da geht es in erster Linie darum, dass die Lehrer nicht das Vertrauen zu den Kindern verlieren. Mit 14 oder 15 Jahren sind soziale Kompetenzen wesentlich wichtiger als ein bestimmtes Bildungsniveau.

Warum lehnen Sie jede Art von Leistungsvergleich ab?

Alle sollten den Leistungsvergleich an Schulen ablehnen. Wenn Kinder nur noch eingetrichtert bekommen, es geht um Leistung – koste es was es wolle. Sei es auf Kosten der Mitschüler, sei es durch einen unfairen Wettbewerbsvorteil wie Nachhilfe, prägt das auch die Zukunft unserer Umwelt. In der Schule lernt man so die Tricks, die "Geiz ist geil"-Gesellschaften und Egoisten produzieren. Das ist doch ein Wahnsinn!

Lukas rebelliert wieder: Fortsetzung des Bestsellers

Niki Glattauer kämpft an beiden Fronten. Er ist Lehrer an einer Schule mit hohem Migrantenanteil in Wien und Vater von zwei Kindern. Wer, wenn nicht er, weiß, wie sehr Schulkinder die Lehrer, aber auch Lehrer die Eltern nerven können. Diesen Nervenkrieg arbeitet Glattauer in seinem neuen Buch „Leider hat Lukas schon wieder“ (um 24 Euro, K&S-Verlag) auf. Glattauer schildert in satirischer Art, wie die Eltern von Schüler Lukas mit seinen Teenager-Problemen umgehen. Der erste Buch über Lukas mit dem Titel „Das Mitteilungsheft: Leider hat Lukas …“ wurde zum „Buchliebling 2014“ gewählt.

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