Die Unterzeichnung der Verträge im Palazzo dei Conservatori am Kapitolshügel

© APA/AFP/-

60 Jahre Römische Verträge
03/19/2017

Nie wieder Krieg!

60 Jahre Römische Verträge: Ziel war eine Wirtschaftsgemeinschaft, vor allem aber die Verhinderung von Kriegen.

von Helmut Brandstätter

25. März 1957, im römischen Palazzo dei Conservatori treffen Staatsmänner aus sechs europäischen Ländern zusammen. Sie haben nicht weniger vor, als ein Europa zu bauen, wo es keine Kriege mehr geben kann, wo alle Staaten fair miteinander umgehen, wo geredet wird und nicht geschossen, wo Grenzen beseitigt und Gemeinsamkeiten gesucht werden. Die Unterzeichner der Römischen Verträge kommen aus Italien, Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg. Ihre Biografien, nicht zu trennen von ihren politischen Überzeugungen, haben sie hierher gebracht.

Gerade einmal zwölf Jahre sind vergangen seit dem 2. Weltkrieg, zwölf Jahre, in denen die (west-)europäischen Nationen sich erstaunlich schnell wieder gefunden hatten. Europa war geteilt, die Deutschen noch nicht durch Mauer, Stacheldraht und Todeszonen, aber sie waren formal getrennt durch zwei Militärbündnisse und materiell durch wachsenden Wohlstand im Westen und viel Propaganda in der kommunistischen DDR. Die neue Gemeinschaft soll allen offenstehen, nach dem Ende des Kommunismus kamen die Osteuropäer dankbar dazu.

Wunder oder Vernunft?

Für die Nachgeborenen wirkt es noch heute wie ein Wunder, dass auf diesem Kontinent mit seinen überfüllten Friedhöfen, zerstörten Städten und gebrochenen Lebensläufen in so kurzer Zeit plötzlich die Vernunft regierte. Haben die Europäer wirklich die mehr als 60 Millionen Toten des 2. Weltkriegs und den Holocaust gebraucht, um zur Vernunft zu kommen? Und haben wir diese Erfahrungen schon vergessen?

Die Römischen Verträge, die Grundlage der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), konnten auf eine Zusammenarbeit aufbauen, die schon am 18. April 1951 im Vertrag von Paris durch die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) festgelegt worden war. Diese auch Montanunion genannte Gemeinschaft war die erste supranationale Organisation, also eine Einrichtung, die Entscheidungen über staatliche Regierungen treffen konnte. Eben noch hatten sie einen Krieg von Nationalstaaten geführt, jetzt waren sie bereit, auf nationale Souveränität zu verzichten, zum Vorteil aller.

Wirtschaftlich war das Ziel klar: Die Kohle- und Stahlproduktion, insbesondere in Deutschland und Frankreich, sollte aufeinander abgestimmt werden. Der politische Zweck war noch eindeutiger: Die deutsche Rüstungsproduktion war in der Montanunion unter internationaler Aufsicht. Gerade Bundeskanzler Adenauer wollte das als Eintrittskarte der Deutschen in den Kreis der Demokratien: Die politische Akzeptanz durch die Überfallenen von gestern.

Vielfältige Biografien

Gegner, nein Feinde im blutigsten Krieg aller Zeiten, genau das waren die Staatsmänner – Frauen waren damals nicht dabei – , die die europäischen Nationen zusammenführten. Viele Facetten gab es da, aktive Soldaten, Täter, Opfer und Mitläufer. Und heute stellt sich die Frage: Müssen Menschen das alles erleben und erleiden, um zur Vernunft zu kommen? Kann es Frieden und Vernunft nur nach Kriegen geben? Und wie lange dauert es, bis eine neue Generation die Erfahrungen der Vergangenheit vergisst, verdrängt oder gar verachtet?

Beginnen wir bei Konrad Adenauer: Seine Vita war untadelig. Als Oberbürgermeister von Köln und Präsident des preußischen Staatsrats war der Katholik für die Nazis untragbar, wurde abgesetzt und zeitweise eingesperrt. Walter Hallstein, Adenauers Staatssekretär und Mitunterzeichner der Römischen Verträge, war als Universitätsprofessor aktiv in Nazi-Organisationen und ab 1942 Offizier der Wehrmacht. Aus den anderen Ländern kamen überwiegend Kriegsteilnehmer, die von Deutschen überfallen worden waren. Viele waren im Widerstand aktiv wie der Franzose Christian Pineau. Der Sozialist wurde dafür im KZ Buchenwald interniert. Der Luxemburger Christdemokrat Lambert Schaus war als Zwangsarbeiter in Deutschland beim Bau der Autobahn eingesetzt, sein Landsmann Joseph Bech war Teil der Exilregierung in London. Die Karriere des Holländers Joseph Luns wurde später Thema: Er war während des 2. Weltkriegs Diplomat, später NATO-Generalsekretär. 1979 gab es Berichte, wonach Luns zwischen 1933 und 1936 Mitglied der Nazi-Partei Hollands gewesen sei. Sein Bruder habe ihn damals ohne sein Wissen eingetragen, so Luns dazu.

Die Vergangenheit muss jeder der Unterzeichner der Römischen Verträge im Kopf gehabt haben, nicht nur die eigene, aber damals, vor 60 Jahren, ging es um die Zukunft. Und um die Illusion, dass es ein "Nie wieder" geben könnte.

Symbole des Krieges

Auf dieses "Nie wieder" ist die europäische Einigung aufgebaut. Das Konzept vom einigen Europa war so lange erfolgreich und von den Bevölkerungen akzeptiert, so lange die Vergangenheit präsent war und der Wohlstand rasant wuchs.

So sind die Symbole der europäischen Einigung zwangsweise rückwärts gewandt. Die Rede von Charles de Gaulle am Bonner Hauptplatz etwa, als der Staatspräsident und ehemalige Anführer des Freien Frankreich auf Deutsch rief, dass er "Vertrauen in das große deutsche Volk hegt." Oder der Händedruck von Bundeskanzler Helmut Kohl und Staatspräsident Francois Mitterrand über den Gräbern von Verdun im September 1984. Das war nicht abgesprochen, so Kohl, die große Geste sei von Mitterrand ausgegangen. Spontan war auch der Kniefall von Kanzler Willy Brandt am 7. Dezember 1970 vor dem Denkmal der Ermordeten im Warschauer Ghetto. Die Symbole und ikonografischen Bilder gehen in Europa immer in die Vergangenheit. Das ist wichtig, dieses "Nie wieder", aber das wird nicht reichen.

Heute suchen wir Staatsfrauen und -männer mit Überzeugungen. Wo sind sie? Wir haben Politiker, die über die Bürokratie der EU klagen, sich auf "Brüssel" ausreden, Grenzen hochziehen. Schuld sind immer andere. Nur leise hört man, dass wir einander brauchen, einzelne Nationalstaaten in der Globalisierung keine Chancen haben. Genau das beschäftigt im Moment die Briten, die nach dem Brexit ja möglichst viele Vorteile der EU erhalten wollen. Eine Lügenkampagne hat den Briten erzählt, dass das möglich wäre, jetzt wachen sie auf.

Aber jenseits der ängstlichen Staatskanzleien, wo Spin-Doktoren mit zittrigen Händen Umfragen analysieren, beginnt plötzlich eine Bewegung von unten: Bei Pulse of Europe engagieren sich vorwiegend junge Leute, die sich ihr Europa nicht kaputtmachen lassen wollen, Frieden und Freiheit erhalten wollen und die Mehrheit in Europa hinter sich haben.

Das wird nicht reichen. Vieles im EU-Alltag und in den Verträgen muss erneuert werden. Das ist die Aufgabe der Politik. Aber vielleicht geben die wöchentlichen Demonstrationen der Pulse of Europe, die jetzt auch in Österreich beginnen, den Politikern den vermissten Mut. Sie zeigen jedenfalls Bilder der Gemeinsamkeit, die an die Symbole von früher anschließen, ohne Krieg.

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