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Politik Inland
09/10/2019

Risikoschüler: Neun Jahre Schule, aber kein Grundwissen

Ein Viertel der Schulabgänger hat Probleme beim Rechnen, Schreiben, Lesen – und das seit Jahren.

von Johanna Hager, Bernhard Gaul

Ein Viertel der Schüler erreicht die Bildungsstandards nicht oder nur teilweise, kritisieren die NEOS im Wahlkampf lautstark. Tatsächlich ist Bildung kaum ein Thema in diesem Wahlkampf (vom Kopftuch-Verbot abgesehen) – doch die Probleme werden nicht kleiner.

Nach wie vor beenden viel zu viele Schüler ihre Schulpflicht, ohne ausreichend Fähigkeiten in Deutsch und Mathematik, und auch die Umgangsformen (wie Grüßen oder Verabschieden) sind jedenfalls nicht so, wie das Lehrlingsbetriebe gerne sehen würden. „Viele Jugendliche können kaum mehr rechnen, sinnerfassend lesen oder sich gut ausdrücken“, kritisiert Handelsobmann der Wirtschaftskammer, Peter Buchmüller (siehe Interview hier). Ein Blick in Studien spiegelt das wider.

Risikogruppe

Eine extrem geringe Lesekompetenzen weisen in Österreich fast ein Viertel der Jugendlichen (23 %) auf. Das zeigte bereits der PISA-Bericht der OECD 2016 (Ende dieses Jahres gibt es neue Ergebnisse). Durch grobe Mängel beim Leseverständnis zählen die Schüler so zur Risikogruppe.

Die Forscher des Instituts für Höhere Studien zeigen in einer aktuellen Studie auf, dass sich das Niveau auch nicht verbessert hat: „Wie zu erwarten war, haben die in Umsetzung befindlichen Bildungsreformen von 2016 und 2017 in vielen Punkten die Konflikte und Probleme der österreichischen Bildungsorganisation eher offengelegt und variiert, als sie zu lösen.“

 

Neue Mittelschule Gassergasse 44

Wie kann es sein, dass in Österreich Kinder die neunjährige Schulpflicht absolvieren – ohne die Grundkompetenzen Lesen, Schreiben, Rechnen zu beherrschen?

Eine Lehrerin, die sich ihr ganzes Schulleben damit beschäftigt hat und die Probleme gut kennt, ist Andrea Walach, Direktorin einer Mittelschule in Wien 5: „Die Probleme für die Schulen beginnen damit, dass Kinder mit Defiziten in die Schule kommen, etwa, wenn sie unsere Sprache nicht ausreichend beherrschen. Vieles davon sollte eigentlich schon im Kindergarten vermittelt werden, etwa wie man einen Stift hält. Das passiert aber offenbar nicht überall“, sagt Walach.

 

Tatsächlich sagt auch der nationale Bildungsbericht, dass schon bei den Sechsjährigen ein Leistungsunterschied von rund drei Jahren festgestellt werden muss. „Wie sollen die Pädagogen in den Volksschulen unterrichten, um allen Kindern gerecht zu werden?“, verteidigt Walach die Pädagogen.

Und diese Defizite würden dann mitgeschleppt werden, die ganze Schulkarriere lang. „Wenn sie dann in der vierten Klasse Mittelschule sind, konnten viele dieser Defizite nicht aufgeholt werden, auch weil die Kinder daheim keine Unterstützung bekommen haben.“

Walach betont, wie wichtig der Bildungsstart im Kindergarten ist. Diese Einrichtungen seien aber qualitativ sehr unterschiedlich, auch würde zu wenig überprüft, ob und wie Bildung im Kindergarten vermittelt wird. „Was auch fehlt, ist eine ordentliche Ausbildung der Kindergärtner. Es gibt nur wenige Länder wie Österreich, wo eine akademische Ausbildung nicht Pflicht ist.“ Als Problem sieht Walach die Größe der Kindergarten-Gruppen. 20 Kinder wie derzeit seien zu viele.

„Geschenkte“ Noten?

Wie aber können Schüler ihre Schullaufbahn mit positiven Noten abschließen, obwohl sie eben nicht ausreichend Lesen, Rechnen, Schreiben können? „Es gibt eine genaue Definition, wann welche Note gegeben wird. Wenn Schüler die Erfordernisse ,großteils’ beherrschen, ist der Vierer oft schon erfüllt“, erklärt Walach.

Die größten Probleme, zeigt die Bildungsstatistik, haben die Schüler in den Städten, also auch in Wien. Eine einfache Antwort auf das Bildungsproblem hat der Wiener Bildungsdirektor Heinrich Himmer nicht. Er kritisiert die Fülle an Reformen in den vergangenen Jahren, deren Wirkung oft gar nicht überprüft wurde. Seine Antwort: Mehr ganztägige Schulformen und eine gemeinsame Schule bis 14. „Und was wir brauchen, ist eine ehrliche Diskussion über das Schulsystem. Debatten über Kopftücher bringen uns sicher nicht weiter.“

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