Politik | Inland
02.11.2018

Mutige Vorkämpferinnen: Die ersten Frauen im Parlament

Im Februar 1919 durften Frauen das erste Mal wählen und auch kandidieren. Acht Politikerinnen gelang der Einzug.

Frauen und Männer kämpften Seite an Seite für bessere Arbeitsbedingungen in den Fabriken der Monarchie. Gemeinsam organisierten sie Streiks für gerechte Löhne, geregelte Arbeitszeiten und eine Sozialversicherung.

Im Ersten Weltkrieg sorgten Frauen nicht nur für das Überleben der Familien, sie waren auch in der Waffenproduktion tätig. Doch von Gleichberechtigung in Politik und Gesellschaft waren Frauen noch weit entfernt.

Auch wenn bereits im Revolutionsjahr 1848 der Ruf nach einem Frauenwahlrecht laut wurde, dauerte es noch Jahrzehnte, bis Frauen erstmals am 16. Februar 1919 ihre Stimme abgeben durften. Mit dem Recht auf politische Mitbestimmung von Frauen nahm Österreich eine Vorreiterrolle in Europa ein. Im Schweizer Kanton Innerrhoden wurde Frauen das Wahlrecht erst 1999 gegeben.

Bei der Wahl der Konstituierenden Nationalversammlung (die damalige Bezeichnung für den Nationalrat) 1919 hatten die Frauen das aktive und passive Wahlrecht. Die Wahlbeteiligung damals war sehr hoch: 82 Prozent aller wahlberechtigten Frauen gaben ihre Stimme ab, bei den Männern waren es knapp 87 Prozent.

Fünf Prozent

Als die Konstituierende Nationalversammlung am 4. März 1919 zu ihrer ersten Sitzung zusammentrat, zogen die ersten acht weiblichen Abgeordneten ins Parlament ein, sieben Sozialdemokratinnen und eine christlichsoziale Politikerin.

Auch wenn Frauen die Mehrheit der Wähler ausmachten, im Parlament stellten sie nur fünf Prozent der Abgeordneten – ihr Anteil erhöhte sich in der Ersten Republik nur marginal.

Der breiten Öffentlichkeit sind die Namen der acht Mandatarinnen kaum noch in Erinnerung, politisch, historisch und sozial Interessierten hingegen schon.

Auf Seite der Sozialdemokraten waren es Adelheid Popp, Anna Boschek, Emmy Freundlich, Gabriele Proft, Therese Schlesinger, Amalie Seidel und Maria Tusch, die ins Parlament einzogen, bei den Christlichsozialen war es Hildegard Burjan. Sie gilt als Vorkämpferin für soziale Gerechtigkeit. Als verheiratete Frau und Mutter gründete sie die Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis (CS). Noch heute begleiten rund 900 Mitarbeiterinnen und Schwestern der CS in Österreich und in der sogenannten Dritten Welt Menschen vom Anfang bis zum Ende des Lebens: Mütter mit ihren Kindern, Menschen mit Demenz oder Todkranke im Hospiz Rennweg.

Burjan, die 1883 in Görlitz a. d. Neiße in eine liberale jüdische Familie geboren wurde, fand nach einer schweren Erkrankung zum katholischen Glauben. Mit ihrem Mann übersiedelte sie 1909 nach Wien und begann sich hier intensiv für Randgruppen der Gesellschaft zu engagieren. Dafür wurde sie Anfang 2012 seliggesprochen. Eine Porträtbüste im Wiener Stephansdom erinnert an die bedeutende Sozialpionierin.

In sozialdemokratischen Kreisen wird Adelheid Popp als Kämpferin für Frauenrechte hochgehalten. Sie gründete die proletarische Frauenbewegung in Österreich ebenso wie die Arbeiterinnen-Zeitung, in der sie als Redakteurin und ab 1919 Herausgeberin tätig war. „Lebenslanges Lernen“, was heute von der OECD oder der EU-Kommission propagiert wird, war das Motiv von Adelheid Popp, politisch und privat weiterzukommen. In ärmlichsten Verhältnissen in Wien-Inzersdorf aufgewachsen, musste sie nach nur drei Klassen die Volksschule abbrechen, um zwölf Stunden täglich in der Fabrik zu arbeiten. Abends bildete sie sich weiter, ging in den Lese- und Diskutierklub „Libertas“ und wurde in der Partei aktiv. Sie baute gute Beziehungen zu Friedrich Engels und August Bebel auf und lernte Parteiführer Victor Adler kennen. Nach Adelheid Popp sind in Wien ein Park, eine große Wohnhausanlage in Ottakring und eine Straße benannt.

Selbstbewusst werden

Als einzige Frau aus einem der Bundesländer schaffte die Kärntner Fabriksarbeiterin und Gewerkschaftsfunktionärin Maria Tusch den Einzug ins Parlament. Ab dem zwölften Lebensjahr musste sie für sich alleine sorgen, sie begann in einer Klagenfurter Tabakfabrik zu arbeiten. Tusch kämpfte schon ab 1907 für das aktive und passive Frauenwahlrecht, im Parlament setzte sie sich für die Straffreiheit von Abtreibungen ein. Die Kärntnerin beendete alle ihre Vorträge und Reden mit den Worten: „Frauen, Ihr müsst selbstbewusst werden“.

Straßenbezeichnungen in Wien und Klagenfurt erinnern noch heute an Maria Tusch.

Hildegard Burjan: Tat und tiefer Glaube

Als Jüdin geboren fand Hildegard Burjan (1883–1933) ihren Glauben im Katholizismus. Sie studierte Germanistik und Philosophie (Doktortitel 1908) und gründete in Wien die Caritas Socialis. Einrichtungen der CS  sorgen sich noch heute um Kinder und kranke Menschen. Soziales Engagement, karitative Tätigkeit und ein tiefer Glaube zeichnen die Akademikerin aus. Als „Vorkämpferin für soziale Gerechtigkeit“ wurde sie 2012 anlässlich ihrer Seligsprechung im Stephansdom bezeichnet. 

Maria Tusch: Wissen ist Macht

Die Kärntner Abgeordnete (1868–1939) war die einzige Frau eines Bundeslandes im Nationalrat. „Wissen ist Macht – Bildung macht frei“ war das Leitmotiv der aus ärmlichsten Verhältnissen stammenden Gewerkschafterin und Sozialdemokratin. Autodidaktisch eignete sie sich Bildung an. Stenografische Protokolle zeigen, dass sie sich in wichtigen Plenar-Reden Anerkennung und  Respekt des Hohen Hauses erwarb. Unermüdlich forderte sie Schulungen und Weiterbildung für Betriebsräte.