Politik | Inland 30.11.2016

Wahlaufruf: "Plädiere für Menschlichkeit – was ich bekomme, ist Hass"

Karl Michael wird nach Videobotschaft bedroht. © Bild: /Screenshot

Nach Frau Gertrude wird jetzt auch ein 26-jähriger Wiener, der Wahl-Video postete, im Netz diffamiert – und mit Mord bedroht.

3,2 Millionen Mal wurde die Videobotschaft von Frau Gertrude innerhalb einer Woche angeschaut. Die meisten zollen der 89-Jährigen, die als einzige in ihrer Familie den Holocaust überlebt hat, Respekt. Andere zeigen genau das Verhalten, vor dem sie warnt: Dass in diesem Wahlkampf "das Niedrigste aus dem Volk herausgeholt" werde.

Aktuell bekommt das ein 26-jähriger Wiener zu spüren. Karl Michael ist homosexuell. Warum das eine Rolle spielt? Kommentare wie "Die Schwuchtel gehört verbrannt", und "Der Zwitter muss hängen" fluten seine Facebook-Seite. Immer wieder sind Morddrohungen dabei, die der Modedesigner bei der Polizei anzeigen wird. Anlass war eine Videobotschaft, in der er dazu aufruft, sich bei der Wahl am Sonntag "für Menschlichkeit und gegen Hass" zu entscheiden. Er sagt weder "wählt Alexander Van der Bellen", noch "wählt Norbert Hofer nicht". Darauf, dass er zum VdB-Lager neigt, weist ein Sticker am Bildrand hin.

Video bleibt demonstrativ stehen

Das Video wurde fast 500 Mal geteilt – unter anderem von der FPÖ Kitzbühel, die es spöttisch als "Entscheidungserleichterer" für Hofer deklariert. Auch eine Landesgruppe der deutschen rechtspopulisten AfD hat das Video mit verächtlichem Hinweis gepostet. Die Hasspostings schockieren Karl Michael zwar, löschen werde er das Video aber demonstrativ nicht: "Ich lasse es bis zum Wahltag stehen. Die Leute sollen sehen, welche verabscheuungswürdigen Kommentare sich da ansammeln. Dann fangen sie hoffentlich an, nachzudenken."

Wie bei Frau Gertrude macht ihn der Umkehreffekt seiner Botschaft nachdenklich: "Ich habe für Menschlichkeit plädiert, und was ich bekomme, ist Hass."

Fake-Accounts und Diffamierungen

Auch die 89-Jährige Ausschwitz-Überlebende wurde von Hasspostings nicht verschont. Man zweifelt ihre Lebensgeschichte an, witzelt über ihr Alter. Das VdB-Team wurde zudem mit eMails bombardiert – offenbar von einem Fake-Account. Der Absender, der auch den KURIER kontaktierte, drängte darauf, den vollen Namen der Frau zu erfahren. Im VdB-Team riet man Frau Gertrude, sich sofort an die Polizei zu wenden, wenn sie sich bedroht fühle. "Das alles ist bisher strafrechtlich nicht relevant, nur traurig", sagt eine Sprecherin.

Am Donnerstag wird das VdB-Team die Videobotschaft eines ehemaligen FPÖ-Wählers veröffentlichen. Michael S. erklärt darin, dass der Wahlslogan Hofers "So wahr mir Gott helfe" bei ihm ein Umdenken bewirkt habe – diesmal wähle er Van der Bellen. "Er ist sich der Gefahr bewusst, jetzt auch zur Zielscheibe zu werden. Wir unterstützen ihn juristisch, sollte es notwendig werden", heißt es aus dem VdB-Team.

( kurier.at ) Erstellt am 30.11.2016