Mindestsicherung-Bezieherin Interview mit Ida Metzger 12.2.2016 11 Uhr_Ströck Feierabend, 3., Landstraßer Hauptstraße 82

© Kurier/Juerg Christandl

Mindestsicherung
02/14/2016

"Ich fühlte mich wie ein Schmarotzer"

Yasmin Rauhofer (39) rutschte vor zehn Jahren in die Arbeitslose und bezieht Mindestsicherung. Im Interview erzählt die gelernte Elektromonteurin über ihr Leben mit 837 Euro pro Monat.

von Ida Metzger, Jürg Christandl

Eigentlich hatte Yasmin Rauhofer (39) die richtige Wahl getroffen. Statt für den weiblichen Paradeberuf Friseurin entschied sie sich als Teenager für Elektromonteurin. "Frauen in technischen Lehrberufen", predigen die Arbeitsmarktexperten seit Jahren, hätten bessere Verdienstmöglichkeiten. Doch gleich nach der Lehre musste die Salzburgerin erkennen, dass die Baubranche ihre eigenen Gesetze hat. Die Insolvenzhäufigkeit ist besonders hoch. Mit 23 war Rauhofer schon drei Mal in der Arbeitslosen, fand aber immer wieder einen Job und verdiente ganz ordentlich. "Rund zweitausend Euro verdiente ich im Monat. Wenn ich auf Montage war, sogar mehr." Mit 29 muss sie nach einem Konkurs ihres Arbeitgebers wieder stempeln gehen. Dieses Mal findet sie nicht den Weg aus der Krise. Seit zehn Jahren ist Rauhofer auf den Sozialstaat Österreich angewiesen, um über die Runden zu kommen. Zuerst lebte sie von der Arbeitslosen, nun von der Notstandshilfe, die mit der Mindestsicherung aufgestockt wird.

KURIER: Frau Rauhofer, die ÖVP, allen voran Klubobmann Reinhold Lopatka, setzt sich dafür ein, die Mindestsicherung zu kürzen. Machen Ihnen diese Pläne Angst?

Yasmin Rauhofer: Sagen wir so: Solche Worte zu hören, fühlt sich nicht gut an. Denn es ist nicht leicht, mit 837 Euro im Monat über die Runden zu kommen. In diesem Monat sind mir 100 Euro übrig geblieben zum Leben. Bei den Armen zu sparen, finde ich nicht richtig. Strengere Kontrollen halte ich für gut, weil es sicher einige gibt, die das System ausnützen. Aber Kürzungen darf es nicht geben. Ich kämpfe jetzt schon um jeden Cent.

Wie schlitterten Sie in die Mindestsicherung?

Ich hatte immer ein schlechtes Händchen bei der Wahl meiner Arbeitgeber und wurde durch Konkurse oft arbeitslos. Als ich mit 29 wieder ohne Job war, hatte ich einen Leistenbruch. Die Operation verlief gut, doch dann brach die Narbe aufgrund einer Bindegewebsschwäche mehrmals auf. Damals landete ich in einem Teufelskreis. Ohne Job, die OPs, die permanenten Schmerzen. Täglich schluckte ich mehrere Schmerztabletten. Als Elektromonteur arbeitet man am Bau, stemmt auch Leitungen. Mit meiner Krankengeschichte nahm mich keine Firma. Ich wurde stark übergewichtig, weil ich mich nicht bewegen konnte, begann ich mit Frustessen. Seither hatte ich jedes Jahr zumindest ein bis zwei Spitalsaufenthalte. In diesem Punkt bin ich wirklich verzweifelt. Mein größter Wunsch: Ein Jahr ohne Komplikationen zu erleben.

Wie fühlten Sie sich, als Sie um Mindestsicherung ansuchen mussten?

Ich fühlte mich wie ein Schmarotzer. Wenn man arbeitslos ist, gehört man doch zu den Außenseitern. Damit fertig zu werden, ist hart. Mit der Zeit entdeckt man dann, dass man kein Einzelschicksal ist. Das hilft, die Situation zu bewältigen.

Wie kommen Sie mit 837 Euro im Monat durch?

An erster Stelle kommt die Wohnung. Ich schaue, dass alle Kosten für die Wohnung abgedeckt sind. Ich wohne in einer Gemeindewohnung, die 43 Quadratmeter groß ist, und bekomme 100 Euro Mietunterstützung. Geräte dürfen in der Wohnung nicht kaputt gehen, sonst kommt mein monatliches Budget aus dem Gleichgewicht. Seit Kurzem läuft meine Waschmaschine nicht mehr. Ein neues Modell kann ich mir nicht leisten. Als ich nach der letzten Operation ein höheres Bett brauchte, hat mir mein Bruder mit 400 Euro ausgeholfen. Kleidung kaufe ich im Sozialmarkt.

Wo kaufen Sie Lebensmittel ein?

Meistens kaufe ich im Sozialmarkt ein. Aber auch bei den anderen Supermarktketten. Ich beobachte sehr genau, wo es eine Aktion gibt. Lebensmittel mit normalen Preisen kann ich mir nicht leisten.

Wie hoch sollte die Mindestsicherung sein?

Für eine Person ungefähr 1000 bis 1100 Euro im Monat.Und welcher Politiker das für zu hoch empfindet, den lade ich gerne ein, ein Monat mit 837 Euro auszukommen.

Was ist für Sie Luxus?

Ein Treffen mit Freundinnen in einem Lokal. Wenn alles gut geht, dann kann ich mir das vielleicht ein Mal im Monat leisten.

Macht ein Leben in Armut einsam? Wie reagieren die Menschen, wenn Sie erzählen, dass Sie Mindestsicherung beziehen?

Ich mache kein großes Geheimnis daraus, dass ich arm bin. Aber bevor die Menschen über mich urteilen, hoffe ich doch immer, dass sie sich meine Geschichte und die Gründe anhören, warum ich in der Mindestsicherung gelandet bin. Nichtsdestotrotz, meine sozialen Kontakte sind natürlich minimiert, weil ich kaum ausgehe und meistens zu Hause bin. Da wird man automatisch einsam. Zum Glück habe ich einen Hund. Ohne ihn wäre die Einsamkeit noch schlimmer zu ertragen.

Sie waren stark übergewichtig. War das eine Folge der Arbeitslosigkeit und des fehlenden Selbstwertgefühls?

Ja, das hat sicher eine Rolle gespielt. Durch die ständigen Schmerzen war ich frustriert. Als Glücksersatz legte ich mich oft mit einer Tafel Schokolade ins Bett. Vor zwei Jahren habe ich mir dann gesagt: "Schluss damit! Ich möchte endlich wieder ein gesundes Leben führen." Im Vorjahr bekam ich einen Magenbypass und habe in den letzten fünf Monaten 40 Kilo abgenommen.

Wenn man am Rand der Gesellschaft lebt, suchen Sie die Schuld dafür bei sich selbst oder bei der Gesellschaft?

Natürlich habe ich mich ständig gefragt: Was habe ich jetzt schon wieder falsch gemacht, dass ich in der Arbeitslosigkeit gelandet bin? Aber wenn ich so nachdenke, hat auch die Politik viele Fehler gemacht.

Welche Fehler hat die Politik gemacht?

Als Österreicher hast du es am Bau schwerer, einen Job zu finden, weil die ausländischen Arbeitskräfte die Arbeit um die Hälfte billiger machen. Aber auch in anderen Branchen wird es immer enger. Eine Freundin von mir wurde durch die Zielpunkt-Pleite arbeitslos. Sie ist 49 und eine echte Fachkraft im Wurstbereich. Aber wenn sie sich bei den großen Handelsketten bewirbt, bevorzugen sie die jüngeren Arbeitskräfte, weil sie billiger sind. Also Qualifikation schützt auch vor Arbeitslosigkeit nicht.

Jetzt, wo Sie 40 Kilo abgenommen haben, schmieden Sie Pläne für ein neues Leben mit einem Job?

Eine Operation habe ich noch vor mir. Wenn es danach keine Komplikationen mehr gibt, würde ich gerne wieder als Elektromonteur arbeiten. Mir hat der Job Spaß gemacht. Auf den Bau kann ich nicht zurück, aber ich kann Netzwerkleitungen für das Internet legen. Das wäre eine Zukunftsvision für mich. Auch wenn ich wenig Optimismus habe. Aber das ist mein Leben, da muss ich durch.

Haben Sie noch Träume?

Ja, dass ich mir einen Urlaub leisten kann. Irgendwo, wo es schön und warm ist.

Streit um Mindestsicherung

Seit 2010 gibt es in Österreich die „bedarfsorientierte Mindestsicherung“. Laut der Statistik Austria haben im Jahr 2013 238.392 Menschen die Mindestsicherung bezogen. 26.000 Euro netto beträgt das jährliche Haushaltseinkommen einer vierköpfigen Familie (Kinder im Alter von zehn und zwölf) in der Mindestsicherung. ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka fordert vehement eine Beschränkung der Mindestsicherung.

Die Caritas kontert wiederum, dass die Armut in Österreich zunimmt. An die 36 Caritas- Sozialberatungsstellen wenden sich jährlich 70.000 Menschen. Ein Drittel der Hilfesuchenden hat nach Abzug der Fixkosten weniger als vier Euro täglich pro Person zur Verfügung.

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