Politik | Inland
01.04.2017

Michael Ludwig: Mit langem Atem auf dem Weg zur Häupl-Nachfolge

Einst galt Ludwig als Wohnbaustadtrat als Verlegenheitslösung. Nun ist er Favorit für das Bürgermeisteramt. Wie konnte es so weit kommen?

Man kann mit Michael Ludwig lang und ausgiebig über Wohnthemen diskutieren. Spricht man ihn auf seine Favoritenrolle als Häupl-Nachfolger an, erstarren jedoch seine sonst weichen Gesichtszüge. Er setzt ein schmales Grinsen auf und sagt Sätze wie: "Ich bin ein sehr zufriedener Wohnbaustadtrat."

Seit Monaten werden Ludwig Ambitionen auf das Bürgermeister-Amt nachgesagt, nur einer hat das B-Wort tunlichst nie in den Mund genommen: Ludwig selbst. Wer ist jener Mann, der bei Personalfragen stets stumm bleibt, die sanfte Demontage Häupls aber in den letzten Monaten entscheidend vorangetrieben hat?

Michael Ludwig ist ein Arbeiterkind. Geboren 1961 in Wien, wuchs er zuerst in Neubau auf, zog dann mit seiner Mutter und der jüngeren Schwester nach Floridsdorf. "Er war ein ‚Zuagraster‘, so wie ich selbst", erinnert sich Hilde Hawlicek. Die ehemalige Unterrichtsministerin war damals Bildungsobfrau in Floridsdorf und der junge Michael Ludwig sei ihr gleich aufgefallen. Im Arbeiterbezirk gab es anfangs Vorbehalte gegen den Studenten, doch Ludwig war unermüdlich unterwegs. "Wir hatten damals 32 Sektionen, und Michael war in allen stets vor Ort, um den Genossen die Arbeiterzeitung und Literatur nahezubringen", erzählt Hawlicek. Rasch stieg Ludwig in den politischen Ämtern auf, wurde Bildungssekretär, engagierte sich bei den Volkshochschulen und half beim Aufbau der Parteiakademie. 1999 kam er in den Gemeinderat, 2007 wurde er Wohnbaustadtrat.

Sein politisches Vorbild ist wenig überraschend Kreisky. "Er war ein Ermöglicher", sagt Ludwig. Das zweite Vorbild war seine Mutter. Sie war Alleinerzieherin und hat ständig gearbeitet, erinnert sich Ludwig. Unter der Woche in der Fabrik gleich nebenan, danach ging sie putzen, am Abend brachte sie Heimarbeit mit nach Hause. Am Wochenende half sie in einem Wirtshaus aus, um Michael und seiner Schwester ein Leben zu ermöglichen. "Da habe ich gesehen, was es heißt, zu arbeiten", sagt Ludwig. Ganztagsschule gab es damals keine. Die beiden Kinder mussten schnell lernen, selbstständig zu sein. "Wir haben wechselweise auf uns aufgepasst", sagt Ludwig. "Sie war die temperamentvollere von uns beiden, ist auf die Bäume gekraxelt. Ich dagegen war immer eher der Ruhigere und Vorsichtigere."

Social Skills

Ludwig brachte im Wohnbauressort und speziell bei Wiener Wohnen die soziale Komponente ein, indem er etwa die Wohnpartner schuf, die das Zusammenleben in den Wohnbauten verbessern sollten. Ludwig versuchte auch das Ressort selbst zu straffen, ganz gelungen ist es ihm nicht. Vor kurzem wurde bekannt, dass es Vorwürfe der Bestechung gegen 32 Mitarbeiter von Wiener Wohnen gibt. Ludwig selbst sagt, er habe den Skandal erst aufgedeckt und angezeigt. Die halbe Wahrheit, machte doch die Opposition schon länger darauf aufmerksam.

Das Krisenmanagement Ludwigs funktionierte trotzdem halbwegs. Im Gegensatz zum Druckkochtopf Wiener Spitäler, der seiner einstigen Kontrahentin um den Bürgermeistersessel, Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, letztlich den Kopf kostete, hat Ludwig Wiener Wohnen unter Kontrolle.

Ludwig selbst gibt nach außen den sanften Chef. Einer der sich sorgt, dass sich sein Pressesprecher bei offenem Fenster verkühlen könnte und den Gästen gerne Tee anbietet. Er hat den Archetyp eines SPÖ-Politikers bis in die kleinste Pore aufgesogen: Immer unterwegs, Händeschütteln, nett sein und freundlich, immer ein Ohr für jeden haben. Auch für die Vertreter der Außenbezirke, die sich zuletzt in seinem Büro die Klinke in die Hand gaben. Sie waren unzufrieden mit der Willkommenspolitik Häupls, dem Kurs von Rot-Grün und dem Erstarken der FPÖ in ihren Bezirken. Sie sehen in Ludwig den Ermöglicher ihrer Wünsche. In den letzten Monaten ließen sie wenige Möglichkeiten aus, Stadträtinnen aus dem linken Parteispektrum anzugreifen oder gar Michael Häupl zum Rücktritt aufzufordern. Ludwig hielt sich zurück.

Politische Strategien

Schon seine Mutter war Parteimitglied. "Wenn man Arbeiter ist, kann man nur SPÖ wählen", sagte sie damals. Ein Satz, der heute nicht mehr gilt. Ludwig schmerzt, dass gerade jene, die in den Gemeindebauten sitzen und viele Errungenschaften des roten Wien genießen, heute FPÖ wählen. "Sie vergessen, dass unter Schwarzblau die Pensionen empfindlich gekürzt wurden", sagt er trotzig.

Ludwigs Antwort auf die FPÖ war bisher mehr Sicherheit. Mehr Wohnpartner, mehr Videoüberwachung und enge Kooperation mit der Polizei. Aber sich auch um die irrationalen Ängste zu kümmern. Die Flüchtlingspolitik der Wiener SPÖ kritisierte er nie offen. Aber: "All den Erfolg der Aufklärung und Emanzipation werden wir sicher nicht riskieren", sagt Ludwig. "Es ist schon Aufgabe der Neuen, offen auf unsere Gesellschaft zuzugehen. Dabei geht es nicht um ein Kleidungsstück, sondern um die innere Einstellung zu unseren Werten."

Ludwig führte auch eine neue Wohnungsvergabe ein, die länger hier lebende Menschen bevorzugt: "Ich bin als Politiker die Interessensvertretung für die Menschen, die hier leben und arbeiten. Ich würde es nicht richtig finden, wenn diejenigen, die sich etwas aufgebaut haben, ständig neue Konkurrenz fürchten müssen", sagt Ludwig. "Im Supermarkt muss ich mich auch hinten anstellen. " Auch Ludwig hat sich lange angestellt, jetzt will er dran kommen. Laut sagen will er das nicht. Er war schon immer eher der Ruhigere und Vorsichtigere.