Markus Hengstschläger

© Kurier / Jeff Mangione

Politik Inland
10/11/2020

Genetiker Hengstschläger: "Menschen sollen Ermöglicher werden"

Genetiker Markus Hengstschläger setzt auf „Lösungsbegabung“ und warnt vor der „Mitmachkrise“.

von Martina Salomon

KURIER: Sie sprechen in Ihrem neuen Buch von „Lösungsbegabung“. Wo lernt man das denn?

Markus Hengstschläger: Jeder Mensch kommt mit bestimmten Potenzialen zur Welt. Dazu kommt sehr viel frühkindliche Prägung. Aber Lösungsbegabung muss auch entdeckt, entwickelt und ein Leben lang am Blühen gehalten werden.

Ist es ein Naturtalent wie Singen?

Ich strapaziere immer den Satz: Der Mensch ist nicht auf seine Gene reduzierbar. Die sind maximal Bleistift und Papier. Die Geschichte schreibt jeder selbst. Im Bildungssystem müssen wir natürlich Wissen entwickeln für vorhersehbare Anteile der Zukunft. Aber für die Lösung unerwarteter Probleme brauchen wir zusätzlich ein ganzes Set anderer Dinge: soziale Kompetenz, kritisches Denken, Kreativität, Kommunikation, Ethik, Resilienz ... Diese Themen müssen Eltern und Schule von Anfang an helfen, mitzuentwickeln. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Lösungsbegabung erblüht.

Jetzt leben wir mitten einer Pandemie – einerseits unerwartet, andererseits erwartet. Diese wurde ja von vielen Experten vorausgesagt. Wirkt es nicht so, als hätte die Lösungsbegabung von Politik und Wissenschaft international geschwächelt?

Da ist auf jeden Fall Luft nach oben – was grundsätzlich erstaunlich ist, weil der Homo sapiens das auf diesem Planeten vernunftbegabteste und sozialste Wesen ist. Und die jetzige Pandemie ist kein „schwarzer“, sondern ein „weißer“ Schwan. Ein schwarzer Schwan ist ein höchst unwahrscheinliches Ereignis. Dass Pandemien die Welt mit einer bestimmten Regelmäßigkeit heimsuchen ist aber völlig klar.

Es gab 2012 mit MERS-CoV bereits ein erstmals identifiziertes Virus aus der Corona-Familie. Man hat daran dann aber nicht weitergeforscht. Die Wissenschaft hat sich da wohl auch nicht mit ganz großem Ruhm bekleckert.

Es war nicht so, dass nicht weitergeforscht wurde. Erfreulicherweise sind es gerade auch Erkenntnisse aus der Grundlagenwissenschaft, die jetzt bei der Entwicklung von Medikamenten und neuen Impfstofftypen helfen. Die Wissenschaft ist also schon der richtige Ratgeber für die Zukunft.

Was stört Sie dann?

Was mir überhaupt nicht passt, ist, dass die Gesellschaft, was die Pandemie betrifft, in Gruppen zu unterteilen ist: Da sind die blauäugigen Optimisten, die meinen: „Das ist sich immer ausgegangen, das wird sich diesmal auch ausgehen. Ich bring mich nicht ein, die werden das schon richten.“ Mit „die“ ist meist die Wissenschaft gemeint. Dann gibt es die eingefleischten Pessimisten, die sagen: „Das geht sich nicht aus, ich habe es immer schon gewusst, dass der Mensch im Grunde schlecht ist.“ Die Biologie sagt dazu übrigens: Der Mensch ist weder im Grunde schlecht noch gut, sondern die Wechselwirkung aus seinen genetischen Anlagen, seinen Umweltkomponenten und das, was wir heute immer besser verstehen, nämlich „Epigenetik“, die Verwendung der Gene. Wir haben also viel selbst in der Hand.

Sie plädieren in Ihrem Buch für die „Mitmachgesellschaft“: Jeder kann und soll einen Beitrag leisten.

Genau, ich will die dritte Gruppe stärken: Menschen sollen Ermöglicher werden. In der Pandemie gibt es große Beiträge: Impfstoffe, Medikamente, politisches, wirtschaftliches Handeln. Aber auch kleinere, wie Klopapier für die Nachbarn besorgen, sind in so einer Situation wichtig. Der Mensch hat ja als eines seiner wesentlichsten Bedürfnisse auch seine Persönlichkeitsentfaltung. Und was gibt es Cooleres, als eine gute Idee, was gibt es Lässigeres, als ein Problem zu lösen?

Wir leben in einer Gesellschaft, wo man gerne alles an den Staat delegiert im Gegensatz zum liberaleren angelsächsischen Modell. Haben wir epigenetisch schon verlernt, Dinge selbst in die Hand zu nehmen?

In diesem Gefühl befinden wir uns tatsächlich ein wenig. Ich habe sogar einen Begriff dafür: die Mitmachkrise. Wenn wir uns aber der Lösungsbegabung besinnen, können wir verstehen, was es für einen Unterschied macht, wenn sich jeder und jede einbringt. Wir tragen ja auch Verantwortung der nächsten Generation gegenüber.

Die Gesellschaft in Österreich wie auch in Deutschland wird tendenziell immer technikskeptischer. Sie plädieren zwar, obwohl selbst Naturwissenschafter, vehement auch für sogenannte Orchideenfächer, um eben auch unerwartete Probleme lösen zu können. Aber ist das nicht dennoch ein Problem, wenn wir zukunftsfit sein wollen?

Wenn wir darüber nachdenken, was wir brauchen, dann sind Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, ’Technik, digitale Bildung sehr, sehr wichtig. Aber man braucht ein vielfältigeres Bildungskonzept, weil das vielleicht Antworten für Fragen ergibt, die wir heute noch gar nicht kennen. Erst die Kombination aus dem technischen und dem mehr geisteswissenschaftlichen Teil macht den Menschen wirklich lösungsbegabt.

Sie sind auch Mitglied der Bioethikkommission, und Corona hat einige ethische Fragen aufgeworfen.

Ich bin zwar nicht so weit, dieser Pandemie auch etwas Gutes abzugewinnen, dennoch war es ein Glück, dass dieses SARS-Cov2-Virus in Zeiten einer digitalen Transformation auf den Menschen getroffen ist.

....die durch das Virus auch noch beschleunigt wurde.

Ja, das muss man klar sagen. Was wäre gewesen, wenn wir nicht im Internet einkaufen oder nicht „zoomen“ hätten können, um miteinander zu kommunizieren? Natürlich muss man Schaden und Nutzen gegeneinander abwägen. Denken Sie nur an die Diskussion über die „Stopp-Corona-App“.

Sind Sie dafür, dass das alle am Smartphone haben?

Ich bin grundsätzlich dafür, aber man muss dabei ein paar ganz wichtige Aspekte mitbedenken: Ist es temporär, transparent, klar verständlich? Und der Mensch muss bei diesen Entscheidungen im Mittelpunkt bleiben.

War es schlecht erklärt?

Wenn jemand auch nur annähernd das Gefühl hat, das war nicht gut erklärt, dann muss man es noch einmal tun. Das ist für jemanden wie mich, der 30 Jahre an einer Uni arbeitet, etwas, das ich kenne (lacht). Und Ängste muss man ernst nehmen. Biologisch machen Ängste sehr viel Sinn. Dass der Homo sapiens heute so ist, wie er ist, ist auch Teil seiner Angst. Er ist zu einer „fight-or-flight“-Reaktion fähig. Auf der anderen Seite muss unserer Gesellschaft und der Politik klar sein: Zu viel Angst bremst, zu wenig Angst macht tollkühn und dumm. Daher braucht es diese Gratwanderung. Wobei die Freiheit des Einzelnen dort endet, wo die Freiheit des anderen beginnt. Wir haben beim Rauchergesetz auch nicht darüber diskutiert, ob das Individuum rauchen darf, sondern, ob das Individuum jemanden anderen anrauchen darf. Auch in einer Pandemie muss man genauso diskutieren.

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