Politik | Inland
13.01.2018

Größte Demo seit Jahren: Über 20.000 protestierten gegen neue Regierung

Mit einem Lichtermeer am Heldenplatz endete die Kundgebung kurz nach 18.00 Uhr friedlich.

Samstagnachmittag wurde am Heldenplatz ein Bild gezeichnet, das es schon lange nicht mehr zu sehen gab. Mehr als 20.000 Demo-Teilnehmer versammelten sich auf dem geschichtsträchtigen Platz, um gegen die Regierung zu protestieren und selbst Geschichte zu schreiben. Im Vorfeld erwarteten die Organisatoren 10.000 Teilnehmer, laut Wiener Polizei dürften es schlussendlich doppelt so viele gewesen sein. Die Veranstalter sprachen sogar von bis zu 80.000 Personen.

Die letzte Demonstration mit einer so hohen Teilnehmerzahl liegt bereits einige Jahre zurück – genau genommen fast acht. 2009 kam es zu landesweiten Studentenprotesten, im Zuge derer 20.000 bis 50.000 Teilnehmer durch Wien marschierten. Im Jahr 2000 versammelten sich mehr als 150.000 Menschen am Heldenplatz, um ebenfalls gegen die schwarz-blaue Regierung zu demonstrieren.

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Großer Andrang

Auch am Samstag gab es skandierende Massen, wütende Sprechchöre und den Schwarzen Block. Zehntausende Teilnehmer trotzten dem schlechten Wetter und marschierten beim "Neujahrsempfang" durch die Mariahilfer Straße Richtung Heldenplatz. Die Polizei rückte mit einem Großaufgebot an und war mit rund 1000 Beamten im Einsatz.

Polizeilich relevante Vorfälle gab es nicht, lediglich im rund 200 Personen umfassenden schwarzen Block wurden einzelne pyrotechnische Gegenstände gezündet und Eier geworfen. Am Heldenplatz angekommen löste sich der schwarze Block rasch auf. Unmittelbar vor dem schwarzen Block marschierte übrigens eine Gruppe "Omas gegen Rechts".

Rücktrittsforderungen an Kickl

Organisiert wurde die Demonstration von der Plattform für eine menschliche Asylpolitik, der Offensive gegen Rechts und der Plattform Radikale Linke. Gemeinsam wirft man Schwarz-Blau rassistische, rechtsextreme und neofaschistische Tendenzen vor. Auch Flüchtlingsinitiativen sowie zahlreiche Schüler und Studenten waren vertreten. "Hoch die internationale Solidarität" skandierten die Teilnehmer und forderten den Rücktritt von FPÖ-Innenminister Herbert Kickl. Daneben wurde mit Transparenten und Pfeifen gegen die neue Regierung protestiert.

Bei der Schlusskundgebung am Heldenplatz sprach sich der sozialdemokratische Gewerkschafter Axel Magnus "gegen den erzreaktionären Umbau unserer Gesellschaft" aus. Magnus bezeichnete die geplante Wirtschaftspolitik von ÖVP und FPÖ als "Frontalangriff gegen die ArbeiterInnenklasse". Die frühere ORF-Korrespondentin Susanne Scholl von den "Omas gegen Rechts" erklärte die Motivation der Großmütter mit dem Ableben der letzten Zeitzeugen des Nationalsozialismus. Es sei nun die Pflicht der nachfolgenden Generation, dass die Lehren aus der Geschichte nicht vergessen werden.

"Widerstand" gegen neue Regierung

Michael Genner von der Plattform für eine menschliche Asylpolitik erinnerte daran, dass Christian Broda, Namensgeber des Versammlungsortes, nicht nur Justizminister, sondern auch Widerstandskämpfer war. Genner gab sich kämpferisch: "Dieses unser Land wird nicht von den neuen Faschisten erobert werden."

Im Zuge der Veranstaltung wurde auch eine Grußbotschaft von Daniela Kickl verlesen. Darin kritisierte die Cousine des Innenministers die "billigen Sprüche" der Regierung. Man solle "nicht dulden, dass der kleine Mann noch kleiner gemacht wird".

Wie bei der ersten Auflage einer ÖVP-FPÖ-Regierung im Februar 2000 skandierten die Demonstranten am Heldenplatz "Widerstand" gegen die nunmehrige schwarz-türkis-blaue Regierung. Erste Teilnehmer strömten - wohl auch wegen des ungünstigen Wetters und der niedrigen Temperaturen - bald wieder ab. Dabei kam es zu einigen Verkehrsbehinderungen am Ring. Gegen Ende der Kundgebung erleuchteten zahlreiche Handy den Heldenplatz.