Kurier.at zu Besuch im Gymnasium "Auf der Schmelz"

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Politik | Inland
12/14/2016

Medienkompetenz in der Schule: Es bewegt sich was

Weg von der reinen Wissensvermittlung, hin zur Vermittlung des richtigen Umgangs mit Wissen, fordert Medienpädagogoe Christian Swertz im Interview mit kurier.at und sieht dafür auch ein Unterrichtsfach "Medienpädagogik" als wichtige Voraussetzung. Anzeichen dafür, dass hier auch in der Politik ein Umdenken stattfindet, gibt es bereits.

Kurier.at: Was ist Medienkompetenz?

Christian Swertz: Dazu gibt es, wie das in der Wissenschaft eben so ist, unterschiedliche Vorstellungen. Häufig verwendet wird die Definition, die Dieter Baacke in den 70er-Jahren entwickelt hat. Demnach gibt es mit Medienkritik, Medienkunde, Mediennutzung und Mediengestaltung verschiedene Dimensionen, die von einer Bedienung bis zur kreativen Gestaltung von Medien reichen. Damit ist schon ausgedrückt, dass es auch darum geht, Medien kreativ in politischer Absicht zu nutzen und sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen.

Ist die derzeitige Regelung, Medienkompetenz als Querschnittsmaterie über verschiedene Fächer hinweg zu lehren, ausreichend?

Das Problem ist, dass die Lehrer im Studium nicht lernen, was Medienkompetenz ist. Das gibt Grund zu der Vermutung, dass Medienkompetenzvermittlung im Unterricht so gut wie nie vorkommt. Dazu gibt es allerdings keine Daten. Was gelehrt wird, sind digitale Kompetenzen. Da mag es in gewissen Bereichen Überschneidungen geben, aber gerade in Hinblick auf Politik und die Teilnahme am politischen System bleiben die digitalen Kompetenzen hinter dem, was mit Medienkompetenz beabsichtigt ist, zurück.

Wie ist hier der Stand in der wissenschaftlichen Diskussion?

Es gibt Argumente, die dafür sprechen, Medienkompetenz als Querschnittsmaterie zu unterrichten. Medienkompetenz ist ein Problem, das unser ganzes Leben und alle Fächer betrifft, und sollte also in allen Fächern vorkommen. . Aber das ist jetzt seit 20 Jahren probiert worden – und es hat nicht funktioniert. Das sollten wir zur Kenntnis nehmen und es mit einer anderen Strategie versuchen. Eine Alternative ist es, Medienkompetenz in einem eigenen Unterrichtsfach zu vermitteln. Dafür gibt es jetzt Chancen. Der Gesetzgeber hat bei der Einführung des „Lehramtsstudiums Neu“ die Möglichkeit geschaffen, im Lehramtsstudium ein Unterrichtsfach durch einen Schwerpunkt zu ersetzen. Wir könnten Medienpädagogik also im Lehramtsstudium wie ein Unterrichtsfach anbieten, sodass zukünftige Lehrer also etwa Deutsch und Medienpädagogik oder Sport und Medienpädagogik studieren können. Die Kollegen in Innsbruck starten damit im Wintersemester 2017, die Uni Wien ist noch auf dem Weg. In vier Jahren werden also Lehrer da sein, die Medienkompetenz unterrichten können.

Aber es wird kein Fach dafür geben.

Aber es wird kein Fach dafür geben – es gibt aber andere Funktionen in Schulen, in denen die Leute eingesetzt werden könnten. Also didaktischer Berater, e-Learning-Berater, zum Beispiel. Das ist aber keine saubere Lösung.

Und ein eigenes Fach wäre so eine saubere Lösung?

Das würde ich für eine ausgezeichnete Idee halten. Am besten als Wahlbereich, als Freifach oder als verbindliche Übung –mit dem Titel „Medienkunde“. Das kann mit wenig Aufwand eingerichtet werden.

Gibt es dazu internationale Beispiele, wo das so gehandhabt wird?

Wir brauchen nicht unbedingt ins Ausland zu gehen, um Beispiele zu finden. Im Rahmen von Schulversuchen hat es entsprechende Experimente in Österreich gegeben. Es gibt also praktische Erfahrungen. In Deutschland ist die Situation ähnlich – flächendeckend eingeführt worden ist Medienkunde nicht, aber es gibt Schulen, die entsprechende Schwerpunkte anbieten. In Großbritannien wurde „Media Studies“ lange als Freifach unterrichtet. Das ist durch die konservative Regierung in den letzten Jahren zurückgedreht worden, weil die mehr Wert darauf legt, dass Schüler Fakten lernen; dass sie wissen, wann Shakespeare geboren ist – und nicht unbedingt, wie man mit politischen Äußerungen, die Schüler in der Zeitung lesen, kritisch umgehen kann.

Dabei wäre genau das eine zunehmend wichtige Kompetenz?

So ist es. Da sehe ich allerdings einen gewissen Zwiespalt für konservative Regierungen. Auf der einen Seite stehen ökonomische Interessen. Aber in einer Wirtschaft, die nicht wesentlich auf natürlichen Ressourcen basiert, brauchen Sie vor allem Leute, die nicht nur vorgegebene Probleme lösen, also konservativ arbeiten, sondern mit Wissen verantwortlich und kreativ umgehen können, also progressiv arbeiten. Und der geschulte kreative Umgang mit Medien ist zugleich eine Voraussetzung für politische Partizipation – und politische Willensäußerung. Das zu vermitteln ist auch Aufgabe von Schule. Ich muss Schülern zeigen, wie sie sich im politischen Prozess äußern können.

In diesem Sinne ist die Kommentar-Funktion bei Online- und Sozialen Medien ein durchaus wünschenswertes Asset?

Jugendliche sind tatsächlich stark am politischen Austausch interessiert. Es scheint jedoch so zu sein, dass viele Jugendliche – aber nicht nur die – keine Vorstellung davon haben, wie Willensbildung in Demokratien funktioniert. Es reicht ja nicht, seine Meinung öffentlich zu äußern - und damit ist das dann „Wahrheit“. Ich muss mich schon der Mühe eines Aushandlungsprozesses unterziehen. Das impliziert, dass ich die Meinung der anderen zur Kenntnis nehmen muss; dass ich bereit sein muss, mich auf Kompromisse zu einigen. Das scheint nicht immer so geläufig. Und es gibt natürlich durchaus Prinzipien, wie die allgemeine Erklärung der Menschenrecht, die man auch in der Onlinekommunikation nicht mutwillig unterlaufen sollte.

Ich muss mir die Frage stellen, wie ich gerne diskutieren würde. Möchte ich meinem Gesprächspartner so begegnen, dass ich eine Chance habe, ihn zu überzeugen oder mich auf einen Kompromiss zu einigen? Eine beleidigende Kommunikation erscheint da nicht besonders vielversprechend. Es ist merkwürdig, wie viele Personen in der politischen Debatte glauben, dass eine beleidigende Argumentation zum Durchsetzen der eigenen Interessen beitragen kann.

Stichwort Diskursfähigkeit – welchen Einfluss hat hier der Facebook-Algorithmus, der vor allem jene Ansichten und Artikel anzeigt, die den eigenen Einstellungen entsprechen?

Wenn ich vielleicht an dieser Stelle etwas weiter ausholen darf. Es gibt eine Metapher, die ich ganz spannend finde: Auf Facebook sind sie Herrscher über ihre eigene Seite, ihre eigene Identität. Sie sind damit in der Position eines Machthabers, ein König. Und Sie versammeln in der Freundesliste einen Hofstaat, der Ihren Worten lauscht. Die Algorithmen fungieren als Ihre Vasallen, die Ihnen nach dem Mund reden – und Ihnen das erzählen, was Sie immer schon hören wollten. Das trägt nicht unbedingt zur Meinungsbildung bei. Was Ihnen fehlt, ist ein Hofnarr, der auch einmal von den unliebsamen Sachen erzählt. Facebook scheint anzunehmen, dass unliebsame Nachrichten die Wohlfühlatmosphäre stören und die Einschaltquote sinken würde, was schlecht für das Geschäft ist.

Mit der königlichen Macht über den eigenen Facebook-Account vernünftig umgehen zu können, ist eine große Herausforderung, die sich für die meisten in ihrem Leben noch nicht gestellt hat. Jetzt haben wir aber eine solche Macht. Das bringt die Notwendigkeit mit sich, damit vernünftig umzugehen. Aber viele gebärden sich als Tyrannen und Despoten und tolerieren keine abweichende Meinung.

Also informiere Dich über mehrere Quellen, nur so entgehst Du dieser Filterblase und triffst vielleicht auch einmal einen Hofnarr?

Ja, nur so kann ich mir eine fundierte Meinung bilden. Und dann muss ich meine Meinung testen, indem ich mich an der Debatte beteilige. Wenn ich diese Art der Auseinandersetzung einmal gelernt habe, kann ich das in jedwedem Medium machen. Eine Übung, die ich dafür ganz interessant finde, ist es, Trollkompetenzen zu vermitteln. Wenn ich versuche, in einem Forum mit vielen Trollen einen Troll zu trollen , ist das vermutlich eine perfekte Schule für den politischen Diskurs.

Gibt es da nicht noch einen erheblichen Unterschied zwischen der Kommunikation online und der Face-To-Face-Kommunikation? Wer sich anonym äußern kann, hat weniger Hemmungen dabei über die Stränge zu schlagen.

Wenn sie wirklich glauben, dass Sie sich im Internet anonym äußern können, haben Sie ein Problem mit der Medienkompetenz. Sie können sich im Netz nicht anonym äußern – das sollte man wissen.

Durch die Zentralmatura müssen die Schüler in der Oberstufe jetzt zielgerichteter auf gewisse Inhalte vorbereitet werden. Wieviel Platz bleibt da noch für ein Engagement der Lehrer, das inhaltlich und methodisch über den Lehrplan hinausgeht?

In dieser Hinsicht ist die Zentralmatura ein erhebliches Problem. Ein kreativer Umgang mit einem vorhandenem Wissensbestand kann bei einem standardisierten Verfahren gar nicht in den Mittelpunkt rücken. Gleichzeitig richten Sie mit der Zentralmatura Schule an Effektivität und Effizienz aus. Das sind aber für pädagogische Prozesse die falschen Kriterien. Es geht doch nicht darum, dass der Durchschnitt eines Jahrgangs besser abschneidet, sondern dass jeder einzelne die Möglichkeit hat, seine Kräfte bestmöglich zu entfalten. Eine Standardisierung kann individuellen Unterschieden nicht gerecht werden.

Und die Diskursfähigkeit bleibt auch auf der Strecke?

Sie müssen bei standardisierten Inhalten reproduzieren, was vorgegeben ist. In Fächern, die einen fixen Basiswissensbestand haben, kann das ganz gut funktionieren. Grundwissen Physik, Mathematik und so weiter. Wenn Sie aber beispielsweise Geschichte unterrichten, haben sie es mit einem sich ändernden Wissensstand zu tun – allein schon deswegen, weil das Fach immer auch auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert. Standardisierte Inhalte können aber nicht so schnell geändert werden.

Viele Menschen sind mit der Vielzahl an Informationen im Internet überfordert, heißt es oft – kann Medienpädagogik auch hier Abhilfe schaffen?

Wissenschaft lebt von einer Vielzahl unterschiedlicher Positionen, das ist nicht neu. Ein Umgang mit Pluralität, wie er in der Wissenschaft normal ist, wird in der Schule aber nicht vermittelt. Hier müsste sich die Schule generell umstellen und von der Vermittlung des richtigen Wissens zu einem wissenschaftlichen Umgang mit Wissen übergehen. Das betrifft alle Fächer. In Finnland wurde deshalb der „phänomenorientierter Unterricht“ eingeführt – also exemplarischer, fächerübergreifender Unterricht. Das gibt es in Österreich – und viele Lehrer sind hier sehr engagiert. Es ist nur noch nicht Standard geworden.

Dieser Gedanke geht doch auch davon aus, dass reflektierte Schüler automatisch zu reflektierten Erwachsenen heranwachsen...

Meiner Erfahrung nach kann man mit dem Denken nicht mehr aufhören, wenn man einmal damit angefangen hat. Aber es liegt eben auch im Wesen der Pädagogik, dass wir nie garantieren können, dass es mit der Bildung klappt. Es klappt nur, wenn Menschen dazu bereit sind, sich bilden zu lassen und einem Bildungsanspruch zustimmen. Man kann Menschen nicht dazu zwingen, ihre Vernunft zu gebrauchen.


Zur Person

Christian Swertz lehrt am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien mit Schwerpunkt Medienpädagogik. Er ist einer jener Experten, die vom Bundesministerium für Bildung eingeladen wurden, an der Erarbeitung eines neues Konzepts für den Medien-Unterricht an Schulen zu arbeiten.