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Interview
10/26/2019

Marlene Streeruwitz: "Fühle mich für das Land verantwortlich“

Die Autorin über Verfehlungen der türkis-blauen Regierung, den Nobelpreis und die Situation österreichischer Frauen.

von Anna-Maria Bauer

Marlene Streeruwitz zählt zu den feministisch engagiertesten Autorinnen der Gegenwartsliteratur. Sie verwendet in ihren Romanen eine rein weibliche Sprache. Mit Antritt der türkis-blauen Regierung startete sie den YouTube-Kanal „Frag Marlene, Feministische Gebrauchsanweisungen“, in der sie sich wöchentlich kritisch mit der Regierung auseinandersetzte. Ein Gespräch über den Kampf zur Gleichberechtigung.

KURIER: Frau Streeruwitz, wenn Sie an Österreich denken, welches Gefühl überwiegt derzeit?

Marlene Streeruwitz: Ach. (Sie seufzt.) Ach, überwiegt. Und Sorge.

Im vergangenen Jahr haben sich die politischen Ereignisse überschlagen. Hat das etwas an Ihrer Einstellung geändert?

Es ist ja nichts entschieden. Und die vergangenen zwei Jahre sind ja möglich gewesen. Jetzt muss man erst einmal sehen, ob die Zerstörung, die stattgefunden hat, wieder repariert wird. Ob die Arbeit zurück auf ein demokratisches Gleis gebracht wird. Es ist ja vieles verschärft worden ...

In ihrem jüngsten Roman „Flammenwand“ gehen sie stark auf die Ereignisse der türkis-blauen Regierung ein. In 83 Fußnoten verweisen Sie etwa auf die BVT-Affäre, rassistische Ausfälle der FPÖ oder frauenfeindliche Maßnahmen. Wie politisch muss Kunst sein?

Ich sehe es als die vorrangige Aufgabe von Kunst. Das schlägt gleich die Brücke zum Nobelpreis. Da wird jetzt so getan, als gäbe es ein Werk, das nichts mit der Welt zu tun hat. Als würde das freistehen. Aber es ist lächerlich zu glauben, dass es Texte gibt, die losgelöst sind. Hier ist bei jeder Veröffentlichung Verantwortung zu übernehmen.

Braucht es überhaupt noch einen Literaturnobelpreis?

Meinetwegen kann man ihn gerne abschaffen. Er ist eine elitäre Lüge. Denn es gibt so viele wunderbare Personen, die so viele wichtige Texte verfassen. Zu sagen, einer davon ist der Wichtigste, das ist doch lächerlich. Das ist gegen jede Form der Vielfalt.

Stichwort Heimat bist du großer Töchter. Wie sehen Sie die Situation für die Frauen in diesem Land?

Die Frauen leben in einem sozialen Negativkatalog. Österreichische Frauen müssen zu Hause bleiben, sie müssen auf die Kinder aufpassen, sie müssen die Hälfte weniger Pension erhalten, um als Frauen zu gelten. Sie machen mit, weil sie nur dann in dem System Frauen sind. Die Benachteiligung ist Teil ihrer Identifikation als Frauen. Und wenn eine Frau Kinder hat oder haben will, ist sie von denen auf diesen Weg gezwungen.

Wen meinen Sie mit „denen“?

Die Burschen? Die Gruppen von Männern, die bestimmen. Das sind nicht alle Männer und das geht ja alles nebenbei. Die Gewalt dieser Macht ist nur in schlimmen Einzelfällen sichtbar.  Normalerweise ist das eine Schattenveranstaltung. Es geht immer um Macht und die Ausverhandlungen für die einzelnen Leben.

Aber erhalten nicht mittlerweile oft Frauen den Vorzug – bei gleicher Qualifikation? Werden hier nicht sogar junge Männer benachteiligt?

Wenn es so wäre, dass junge Männer durch die Veränderungen nicht mehr die gleichen Möglichkeiten haben wie bisher, wäre das doch eine gute Gelegenheit, mit den Frauen die Neuverteilung auszuverhandeln. Und zwar so, dass es fair für alle ist.

Ihr Roman „Flammenwand“ spielt in Schweden, einem Land, das als Vorzeigeland in puncto Gleichberechtigung gilt. Warum, denken Sie, ist die Situation dort anders?

Dort hat die Sozialdemokratie länger durchgehalten. Dort gibt es eine Basispension, die Verhandlung für ein gerechtes Leben ist nicht so vom Schicksal abhängig. Bei uns hat die Reform für ein gerechtes Leben in den 70er-Jahren aufgehört. Aber Gerechtigkeit ist doch kein Schwammerlwald, in dem das von alleine wächst. Das muss vorangetrieben werden.

Gibt es eigentlich etwas, auf das Sie in Österreich stolz sind?

Stolz ist für mich nicht das passende Gefühl einer Sache  gegenüber. Es gibt natürlich auch Dinge, die sympathisch oder erfreulich sind.  Vor allem ist Österreich aber mein Los; ich bin hier geboren. Es geht nicht darum, etwas aufzugeben. Sondern sich dafür einzusetzen, die Dinge in die richtige Richtung voranzutreiben. In gewisser Weise fühle ich mich verantwortlich. Und ich will nicht mehr, als die Verfassung umgesetzt sehen. Also eine demokratische Politik, die Geschlechterpolitik demokratisch ernst nimmt.

Die 69-jährige Marlene Streeruwitz ist Schriftstellerin und Regisseurin. Seit 1986 veröffentlicht sie Bücher und Theaterstücke.  Ihr erster Roman „Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre“ wurde unter anderem mit dem Mara-Cassens-Preis des Literaturhaus Hamburg ausgezeichnet. 2019 ist ihr neuer Roman „Flammenwand. Roman mit  Anmerkungen“ (Fischer, 416 S., 22,70 Euro) erschienen. Auf Ihrer Homepage  www.marlenestreeruwitz.at   beschäftigt sie sich mit Neoliberalismus  und „Austrianness“.

Haben Sie je überlegt zu gehen?

Es gibt keinen Grund in die Migration zu gehen, solange es Möglichkeiten des Verhandelns gibt. Das wäre ein Hohn all jenen gegenüber, die fliehen  müssen.  Ich würde es als Davonrennen empfinden.

Noch einmal zu den großen Töchtern. Wer war Ihr größtes Vorbild?

Ich habe viel über Bertha von Suttner gelernt, eine beeindruckende Schriftstellerin, die mir in der chauvinistischen Alltagskultur nicht als solche vorgestellt worden ist. Ihr Buch „Die Waffen nieder!“ sei kein guter Roman, sie sei einem Mann nachgelaufen, das wurde mir gelehrt. Aber es ist ein großartiger Roman, eine tolle Frau. Diese Rückeroberung finde ich wichtig. Hier gibt es noch viel zu entdecken.

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