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Interview
10/26/2019

"Die Töchter in der Hymne waren eine Geheimmission"

Ex-ÖVP-Ministerin Rauch-Kallat musste für die Gleichberechtigung in der Hymne Parteikollegen austricksen. Ein Blick zurück.

von Ida Metzger

Sie bezeichnet sich als Feministin. Seit den 80er-Jahren engagiert sich Ex-ÖVP-Ministerin Maria Rauch-Kallat für Gleichberechtigung. 2011 gelang ihr dann der Coup: Rauch-Kallat trickste am letzten Tag ihrer Polit-Karriere ihren Parlamentsklub aus und hievte mithilfe einer überparteilichen Frauenallianz die „Töchter“ in die österreichische Bundeshymne. Wie das gelang, erzählt sie im Interview.

KURIER: Frau Rauch-Kallat, eine Passage in der Bundeshymne lautet: „Heiß umfehdet, wild umstritten“. Das war und ist das Wort „Töchter“ in der Hymne nach wie vor, wenn man an den Widerstand von Andreas Gabalier denkt. Warum empfinden das viele noch immer als Tabubruch?

Maria Rauch-Kallat: Für mich und viele andere Frauen ist diese Haltung vollkommen unverständlich. Denn es wurden nur zwei Wörter geändert. Nämlich: „Heimat bist du großer Söhne“ wurde verwandelt in „Heimat großer Töchter und Söhne“. Dass es darüber noch immer Aufregung gibt, kann ja bitte nicht sein. Was bei dieser bösartigen Diskussion sichtbar wird, ist eine latente Frauenfeindlichkeit. Insofern war es sehr wichtig, diese zwei Worte zu ändern, weil dann sichtbar wird, was in einigen Männern, aber leider auch in manchen Frauen, tief drinnen schlummert.

Alexander Van der Bellen war es wichtig, dass die Übergangsregierung die erste Bundeskanzlerin Österreichs bekommt. Aus seinem Umkreis hört man, dass es dem Bundespräsidenten ein Anliegen war, den Ausdruck KanzlerIN in den Köpfen zu verankern. Warum sind Worte so wichtig?

Diese Botschaft ist enorm wichtig: Denn Sprache bildet Wirklichkeit ab. Sprache bildet Meinung und Bewusstsein. Auch ich habe 2011 geschrieben, dass ich diesen Antrag im Wissen einbringe, dass es wichtigere frauenpolitische Fragen gibt, aber Sprache ist für das Bewusstsein wichtig.

Wann wird es die erste gewählte Bundeskanzlerin geben?

Es braucht eine Parteichefin, die in einer mehrheitsfähigen Partei ist. Das wird noch dauern. Denn Frauen kommen erst zum Zug, wenn Männer kein Interesse an einer Position haben. Auch Pamela Rendi-Wagner ist zu einem Zeitpunkt Parteichefin geworden, als kein Mann mehr hingreifen wollte. Das ist ganz typisch. Auch bei Waltraud Klasnic war das in der Steiermark so, als sie Landeshauptfrau wurde. In einer aussichtslosen Situation haben die Frauen ihre Chance. Das wird dann groß bejubelt. Entweder können sie die Situation umdrehen wie Waltraud Klasnic, oder sie werden zur Masseverwalterin wie jetzt Pamela Rendi-Wagner.

Den ersten Anlauf für die Gleichberechtigung in der Hymne starteten Sie bereits 2005. Warum scheiterte die erste Mission?

2005 hatte ich als damalige Frauenministerin die Änderung in der Hymne lange strategisch in meiner Fraktion und auch mit der FPÖ vorbereitet. Es war geplant, das im Ministerrat am Nationalfeiertag zu beschließen. Der Plan ist durch eine Indiskretion bekannt geworden. Krone-Herausgeber Hans Dichand fuhr regelrecht eine Kampagne gegen diesen Plan. Die FPÖ bekam kalte Füße und zog ihre Zustimmung zurück. Damit war das Projekt gescheitert.

2011 bei ihrer letzten Sitzung als Nationalratsabgeordnete haben Sie es dann durchgezogen. Gegen den Widerstand der ÖVP-Söhne. Sie wurden mit dem Projekt regelrecht von Ihren Parteikollegen boykottiert. Wie haben Sie es dennoch geschafft?

Eigentlich wollte ich gar nicht mehr ins Parlament einziehen, aber meine Nachfolgerin Christine Marek konnte erst im Herbst mein Mandat übernehmen. Damit ihr kein Mann den Platz wegnimmt, habe ich mich quasi als Platzhalterin für vier Tage ins Hohe Haus gesetzt. Ich hatte nichts zu verlieren und bereitete alles geheim mit zwei Juristen im Parlament vor. In den anderen Fraktionen habe ich bei jenen Frauen nachgefragt, zu denen ich ein Vertrauensverhältnis hatte. Denn die oberste Prämisse war eine absolute Nachrichten- und Kommunikationssperre. Die Töchter in der Hymne waren eine Geheimmission, sonst wäre sie gescheitert.

Wer war in diesem Frauen-„Geheimbund“ dabei?

Meine Parteikollegin Dorothea Schittenhelm. Bei der SPÖ waren es Renate Csörgits und die verstorbene Sabine Oberhauser und bei den Grünen Parteichefin Eva Glawischnig, und auch die leider ebenfalls schon verstorbene Gabi Moser, mit der ich mich auf einer Reise 2007 angefreundet hatte. Wir haben einen selbstständigen Antrag fertiggestellt. Das war der eigentliche Trick. Denn Entschließungsanträge kann man nur in einer Rede einbringen und sie erleben in der Regel ein Begräbnis erster Klasse. Selbstständige Anträge müssen behandelt werden. Das war unser Glück.

Ihre Parteikollegen haben mit einem Entschließungsantrag gerechnet, weil sie mit überlangen Reden verhinderten, dass Sie Ihre Abschiedsrede halten konnten ...

Eine Stunde vor meiner Abschiedsrede wurde bekannt, dass ich die Töchter in der Hymne durchsetzen will. Karlheinz Kopf war damals ÖVP-Klubobmann. Er holte mich zur Seite und meinte: „Du hast mir doch versprochen, dass ich keine bösen Überraschungen erleben werde“. Ich antwortete: „Du weißt aber auch, dass ich dir gesagt habe, dass ich für nichts garantieren kann.“ Kopf dachte, ich habe einen Entschließungsantrag und meinte: „Du wirst keine Gelegenheit bekommen, diesen Antrag einzubringen.“ Die vier Redner vor mir wurden angewiesen, die Redezeit zu überziehen, damit ich nicht mehr drankomme.

Da haben sich die ÖVP-Söhne aber verspekuliert ...

Ich wusste, dass das ein schwerer strategischer Fehler war. Denn mit diesem Foul war der mediale Fokus plötzlich da, der über das ganze Wochenende getrommelt wurde. Im Report am Dienstag darauf hat Parteichef Spindelegger auf eine Frage zu den Töchtern geantwortet, dass er damit kein Problem habe. Am Mittwoch gab es eine gemeinsame Pressekonferenz der Frauen mit ÖVP, SPÖ und Grünen, wo verkündet wurde: „Wir werden das durchziehen“. Da konnte keiner mehr zurück. Im Herbst wurde es im Plenum beschlossen und dann im Verfassungsausschuss behandelt und im Dezember beschlossen. Ich war damals in Peking und bekam von einem Parteifreund ein SMS mit der Botschaft: „Du, Hexe du“ (lacht).

Noch heute setzt sich die Ex-ÖVP-Ministerin (Frauen, Familie, Umwelt und Gesundheit)  unermüdlich für mehr Gleichberechtigung ein.  Die Erblindung einer ihrer zwei Töchter war für sie die Motivation, sich politisch zu betätigen. Im Juli 2011 schied sie nach 30 Jahren aus der  Politik aus.  Ihre Abschiedsrede im Parlament konnte  Maria Rauch-Kallat nie halten, weil die ÖVP-Männer verhindern wollten, dass der Antrag zur Änderung der Bundeshymne eingebracht werden konnte.  In den Schlagzeilen war Rauch-Kallat auch öfters, weil sie mit Alfons Mensdorff-Pouilly verheiratet ist. Das Paar lebt seit einigen Jahren getrennt.

Wie ist Ihr Verhältnis zum damaligen Klubchef Kopf?

Ein paar Jahre war das Verhältnis schwierig. Zu seinem 60. Geburtstag bekam ich eine Einladung ins Parlament. Bei dieser Gelegenheit versöhnten wir uns.

Wer sind für Sie die herausragenden politischen Töchter der Nation?

Da gibt es viele etwa Hildegard Burian. Sie war eine herausragende Persönlichkeit in der Anfangsphase des Parlaments. Burian war die erste und einzige Abgeordnete der christlich-sozialen Partei. Eine Frau mit jüdischen Wurzeln, die zum christlichen Glauben konvertiert ist. Sie gründete etwa das erste Mutter-Kind-Heim. Vom politischen Gegner wurde sie das soziale Gewissen des Parlaments genannt. Dann gibt es noch die erste Ministerin Grete Rehor und die Staatssekretärin Franziska Fast, die sich beide aus einfachsten Verhältnissen hochgearbeitet haben. Johanna Dohnal war eine Ikone der Frauenbewegung.

Sie waren lange Ministerin. In Erinnerung werden Sie aber mit der Hymne bleiben. Ehrt Sie das, oder ärgert Sie das, dass nur die eine Aktion von Nachhaltigkeit ist?

Ärgern tut es mich nicht, aber es wäre schön, wenn anderes auch noch im Gedächtnis geblieben wäre. Beispielsweise habe ich die E-Card umgesetzt, obwohl sieben Minister vor mir daran gescheitert sind. Auch die Altstoffrecyclingmaßnahmen bei Papier, Glas und Plastik, die weltweit die Besten sind, gehen auf meine Zeit als Umweltministerin zurück. Damals wurde ich dafür noch beschimpft.

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