Group of students studying on laptop

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Politik Inland
09/26/2019

Wie man die Schule zukunftsfit macht

Wer Burn-out bei Lehrern und Schülern verhindern will, muss Schule neu denken, fordert die Reformpädagogin Margret Rasfeld.

von Ute Brühl

Unser Bildungssystem rüstet Schüler nicht für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, sagt Margret Rasfeld. Die pensionierte Berliner Lehrerin gilt als Ikone der Reformpädagogik, die sich nun mit dem auch in Österreich erfolgreichen Netzwerk „Schule im Aufbruch“ für eine „nachhaltige Entwicklung“ der Bildung starkmacht. Mehr als 50 Schulen aller Schultypen sind schon dabei (schule-im-aufbruch.at).

Dienstagabend präsentierte sie auf Einladung der ehemaligen Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) ihre Ideen an der Fachhochschule St. Pölten. Der KURIER sprach vorab mit einem Betreuer ihrer ehemaligen Schule, der Evangelischen Schule Berlin Zentrum. Der verriet, dass er anfangs erstaunt war über das scheinbare Chaos an der Schule. „Ich war aber fasziniert und erstaunt, wie selbstbewusst, eigenständig und lebensfähig die Schüler an dieser Schule sind.“

Starre Systeme

„Ja, ohne Chaos keine Transformation“, sagt Rasfeld. „Haben Sie schon einmal echte Veränderungen in einem starren System erlebt? Ich nicht“, schmunzelt die Pädagogin. „Wobei wir weniger chaotisch sind, sondern einfach lebendig.“

Lebendig fühlen sich viele Lehrer aber schon lange nicht mehr:

„Die gehen am Stock“, weiß Rasfeld. Das Gleiche gelte für die Schüler: „Wir haben Neunjährige mit einem Burn-out. In Deutschland sind vierzig Prozent der Kinder durch das System krank – in Österreich ist die Situation wohl ähnlich. Die Erwachsenen rufen dann nach Psychologen.“

Als Ursache ortet sie die Ökonomisierung, die alle Lebensbereiche erfasst habe – von der Gesundheit über die Landwirtschaft bis zur Bildung. Dabei sei die OECD in der Frage, was Kinder gelehrt werden soll, schon weiter: Achtung voreinander und Empathie etwa. „Natürlich sagen alle, dass unsere Kinder Teamfähigkeit und Kreativität lernen müssen. Doch in Wahrheit geht es um Konkurrenz.“

 

Wie müsse ein Schulsystem daher aussehen? „Es braucht die Neuausrichtung auf humanistische Werte“, sagt Rasfeld. Und sie beruft sich auf die Unesco, die schon 1996 beschlossen hat, dass es einen gesellschaftlichen Umbau brauche, um die großen Probleme unserer Zeit in Angriff nehmen zu dürfen: „Da ist Bildung der Schlüssel.“ Die Schule müsse ganz anders aussehen – weg vom Frontalunterricht hin zu reiner Projektarbeit.

Rasfeld brachte ihre ehemalige Schülerin Jamila Tressl mit zu dem Termin. Die 20-Jährige wirkte sehr selbstbewusst und artikuliert, geduldig beschreibt sie den Schulalltag (Kasten links unten) – und was ihr so gut gefallen hat. „Dass wir mit den Lehrern auf Augenhöhe arbeiten können. Dass den Schülern alles zugetraut wird, macht so viel für das eigene Bewusstsein und für das Selbstwertgefühl. Das ist nicht nur in der Schule wichtig, sondern im ganzen Leben.“

Rasfeld wünscht sich natürlich, dass ihre Ideen immer mehr Platz greifen. „Wie oft höre ich aus anderen Schulen, wie langweilig alles ist. Schon nach kurzer Zeit schafft es das System, die Neugier der Kinder bereits in der Volksschule zu erdrücken.“ Aber, glaubt sie: „Wenn Eltern, Schüler, Lehrer entdecken, dass es anders sein kann, werden sie dafür kämpfen.“

 

Hammerschmid zeigt sich eines Sinnes mit der radikalen Reformpädagogin: „Da müssen wir Schule ganz neu denken und den Fächerkanon aufmachen, und das muss aus der Ministerposition heraus gesteuert werden.“ Es gehe darum, Kinder zu ermächtigen, den kommenden Herausforderungen zu begegnen, gibt Hammerschmid der Ex-Schülerin recht, die erklärt: „Es geht um Selbstwirksamkeit, Kreativität, Selbstorganisation, und Teamfähigkeit. Die Kreativität wird so nicht zunichtegemacht.“

Es gehe um Problemlösungskompetenz – die Fähigkeit, die Jugendliche im 21. Jahrhundert brauchen, sagt Rasfeld. Besonders viel Unterstützung, erzählt sie stolz, komme aus der Wirtschaft – die immer weniger mit den Absolventen „normaler“ Schulen anfangen könnten.

Wie wird bei Rasfeld gelernt?„Morgens“, erklärt die ehemalige Schülerin Jamila Tressel, kommen die Schüler in die „Lernbüros“ und entscheiden, was sie lernen wollen.  Dort gebe es alle nötigen Lernmaterialien, ebenfalls anwesende  Fachlehrer oder ältere Schüler helfen beim Erarbeiten und bei Unklarheiten.   „Und man lernt, wie schön es ist, sich Wissen zu erarbeiten, in gemischten Altersgruppen und voneinander. Die Schüler verstehen den Sinn,  also warum sie einen bestimmten  Stoff lernen sollen. Kein Kind kommt auf die Welt, und hasst Mathe.“ Noten gibt es keine: „Wir bekommen Zertifikate, in denen steht,  was gut war und was nicht, also ein konstruktives Feedback.“ Ein Lehrer ist verantwortlich für 13 Schüler, in einem Logbuch werden Lernziele und Lernerfolge protokolliert.

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