© Kurier/Jeff Mangione

Reportage
05/01/2020

Maiaufmarsch im Netz: "Wo ist Rendi?" und "Norbert, du musst härter werden"

SPÖ und FPÖ verlegten ihre Feiern zum 1. Mai ins Internet. Wie das ankam? Eine Reportage.

von Raffaela Lindorfer

"40 Jahre hab ich mir gedacht, oje, ich muss aufstehen", schreibt Tanja auf Facebook. "Und heute könnt ich heulen, weil wir nicht zusammen sind."

Der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig steht da gerade in seinem Büro, sagt ein paar letzte, aufmunternde Worte, zwinkert zum Abschied in die Kamera. "Freundschaft!" Ein paar historische Bilder noch, eine Kamerafahrt durch Wien bei Sonnenuntergang. Abspann.

Es war das Ende eines eineinhalbstündigen Films, den die SPÖ Wien vorab gedreht hat. Gezeigt wurde er auf drei TV-Sendern (u.a. am Wiener Stadtsender W24) und im Rahmen eines Live-Events auf Facebook, wo sich im Schnitt 1.600 User beteiligt haben. Mit Herzerln und Daumen hoch, aber auch mit weinenden Emojis - unter anderem von dieser Tanja.

Fast 600.000 Arbeitslose, mehr als eine Million Österreicher in Kurzarbeit. Und kein Maiaufmarsch der Wiener SPÖ - wegen der Corona-Lage haben alle Parteien ihre traditionellen Veranstaltungen abgesagt.

Der heutige "Tag der Arbeit" ist für die Sozialdemokratie eher ein Trauertag, möchte man da sagen. Das lassen die Roten aber nicht gelten. "1. Mai - heute mehr denn je" hieß das Live-Event, das um 10.30 Uhr startete.

Warten auf die Parteichefin

Den Anfang macht ein Herr Finster. "Freundschaft", schrieb er.

Es folgen "Freundschaft aus Tirol", "Freundschaft aus Simmering", "große Freundschaft" und sogar "Freundschaft aus Deutschland".

Der traditionelle Gruß der Sozialdemokraten füllt einige Zeilen, während Bürgermeister Ludwig im Film die Gesichtsmaske abnimmt und von seinem Büro aus auf den leeren Rathausplatz schaut.

AK-Chefin Renate Anderl spricht, dann Gewerkschaftsboss Wolfgang Katzian und Wiens Frauenvorsitzende Marina Hanke.

"Wo ist Pamela Rendi-Wagner?" erkundigt sich jemand um 10.38 Uhr. Nur Geduld.

Eine Rettungssanitäterin und ein Polizist erzählen von ihrem Arbeitsalltag in Zeiten von Corona.

"Kurz und Strache, gehts doch sch*** in Wien werdets ihr nix reißen", reimt ein Facebook-User, der den britischen Schauspieler Daniel Craig als Profilbild gewählt hat. Er bekommt zwei Likes.

Und wird ermahnt: Solche Äußerungen seien einer sozialistischen Partei nicht würdig, schreibt eine Userin. Auch für sie zwei Likes.

Bier vorm Bildschirm statt im Festzelt

Es ist mittlerweile 11 Uhr, und auch die FPÖ startet ihr Live-Event auf Facebook. "Bier hab ich schon in der Hand", schreibt ein Steirer. Die Blauen feiern den Tag der Arbeit üblicherweise in einem vollen Festzelt am Urfahraner Markt in Linz.

Jetzt wird aus einer Druckerei in Niederösterreich eine Sendung von FPÖ-TV übertragen. Der Chef der Druckerei schreit  - angesichts des Maschinenlärms im Hintergrund - dass er bald wieder normal seinen Geschäften nachgehen will.

Thema der blauen Live-Show ist: "Wir fordern die Rückkehr zur Normalität".

Es werden blaue Herzerln gepostet - en masse. Grüße aus Tirol, aus Wien, aus Ried im Innkreis. 1.800 Zuschauer zählt die Sendung zu Beginn. Man hat die SPÖ, die zeitgleich Bilder vom Zweiten Weltkrieg und vom zerbombten Wien zeigt, zumindest auf Facebook locker übertrumpft (die Einschaltquoten der drei TV-Sender liegen aktuell nicht vor).

"Nie wieder Faschismus", postet drüben bei den Sozialdemokraten jemand. Es ist 11.14 Uhr. Immer noch keine Rendi-Wagner.

Störaktion bei den Roten

ÖGB-Chef Katzian erzählt, wie es über die Jahre nach dem Krieg gelungen sei, das Land gegen neoliberale Strömungen zu verteidigen. Und wie wichtig Solidarität sei. Auf Facebook pflichtet man ihm bei.

Dann, plötzlich: eine Störaktion. "DIE SPÖ WILL UNSERE KINDER TÖTEN", schreibt ein User (oder eine Userin?) der/die Greta Thunberg als Profilbild hat. Er hält der Wiener SPÖ vor, dass sie für die dritte Piste am Wiener Flughafen sei. Das sei klimaschädlich und deshalb tödlich, wie er später erklärt.

Die FPÖ wirbt derweil auf einem anderen Kanal für ihre Petition "gegen den Coronawahnsinn". Solidarität gibt's auch bei den Blauen. Sie posten: "Hab schon unterschrieben!" - "Ich auch!"

"Wann öffnen Solarien?"

Eine Wienerin will wissen: "Wann öffnen Solarien?" Auch eine Störaktion, wenn man so will.

Bei der SPÖ läuft die Doku mittlerweile seit fast einer Stunde. Noch immer keine Rendi. Jener User, der sich nach ihr erkundigt hatte, erhielt nie eine Antwort.

Wieder spricht Katzian. Sagt - mit kämpferischer, starker Stimme - dass jetzt, in der Corona-Krise deutlich geworden sei, dass eine Parole der Wirtschaftsliberalen nicht stimme: "Der Markt regelt gar nichts!" ruft er in die Kamera, so wie er sonst am Rathausplatz in die Menge ruft. "Sondern der Sozialstaat!" 

Emotionaler Auftritt Rendis

11.27 Uhr, die SPÖ bringt den Kreisky-Sager mit den Schulden, die ihm weniger schlaflose Nächte bereiten als Arbeitslose. Es schauen nur noch 1.000 User zu.

Und dann: Auftritt Rendi-Wagner. Sie spricht über die Werte Kreiskys. "Viele davon haben wir in den vielen Jahrzehnten der Regierungsverantwortung auch umsetzen können."

Quittiert wird das aus der virtuellen Zuschauermenge mit einem "Vielen Dank!"

Einige Minuten später wird die SPÖ-Bundesparteiobfrau emotional: In der Coronakrise sei vielen "die Lebensgrundlage weggerissen worden", sagt sie. "Der Shutdown hat die Menschen niedergeworfen. Und wir, wir müssen ihnen wieder aufhelfen und dürfen niemanden zurücklassen." Diese leisen Töne wirken über den Bildschirm - aber nicht bei allen.

Im Forum des SPÖ-Live-Events ärgert man sich noch immer über den Störer von vorhin, diskutiert wird über den Flughafen Wien und Kapitalismus, während Rendi-Wagner den Sozialstaat hervorhebt.

"Das sind Werte, die als verstaubt bezeichnet wurden. Das Ende des sozialdemokratischen Zeitalters wurde verlautbart. Aber: Das neoliberale System ist gescheitert", sagt die SPÖ-Chefin.

Kickl: Paletten als Rednerpult

Drüben bei der FPÖ sitzt Klubchef Herbert Kickl vor einem Stapel Paletten - das ist sein Rednerpult. Man sieht ihm an, dass er sich auf die Wiedereröffnung der Friseure am morgigen Tag freut.

Seine Haare zur Seite gekämmt, legt er los, kritisiert die Regierung. Was sonst.

"Die Bundesregierung hat offenbar auf die falschen Experten gehört", sagt Kickl. Deren düstere Prognosen seien nicht eingetroffen. Türkis-Grün habe "ganz bewusst auf eine Strategie der Angst und Verunsicherung gesetzt".

Der Schaden, der durch den Schutz vor Corona entstanden ist, sei viel größer als jener durch Corona selbst, so der FPÖ-Klubchef, der dann auch noch Kreisky zitiert: Er bittet die Zuseher, die Anti-Corona-Petition zu unterschreiben und "ein Stück des Weges mit ihm gemeinsam zu gehen".

An Hofer: "Hab keine Angst!"

Bei der SPÖ neigt sich die hochwertig produzierte Sendung mit mittlerweile nur noch knapp 1.000 Zusehern auf Facebook dem Ende zu.

Kickl hinter dem Palettenstapel hat gerade 3.300 Zuseher, dann kommt FPÖ-Chef Norbert Hofer. Sein Stapel wirkt ein wenig höher, die Zuseherzahl aber sinkt auf 3.100.

Hofer kritisiert ebenfalls die Corona-Maßnahmen der Regierung, die teils nicht auf dem Boden der Rechtsstaatlichkeit getroffen worden seien, wie er sagt.

"Norbert, du musst härter und schärfer werden", schreibt eine Babsi, die zuletzt ein Foto von ihrem Hund mit einer Österreichfahne im Maul gepostet hat. "Wir stehen hinter dir und der FPÖ, hab keine Angst“, schreibt die Frau, die auf ihrem Profil betont, sie sei "keine Rassistin!", nein, sie sei eine "Patriotin".

FPÖ will keine "neue Normalität"

Hofer bleibt von solchen Zurufen unbeirrt, vielleicht liest er sie später nach. Die Regierung jedenfalls, die habe "Angst und Schrecken verbreitet", sagt er. Und "die Bevölkerung gefügig gemacht". Man habe den Begriff der "neuen Normalität erfunden" und festgelegt, dass die Einschnitte nun zum Alltag gehören.

"Das können und wollen wir uns nicht so einfach gefallen lassen", sagt Hofer - kämpferisch, aber immer noch zu sanft für den Geschmack seiner Facebook-Community, die im Forum deutlich härter argumentiert.

„Was nützt uns eine gültige Verfassung die eine Öko Anarchismus Regierung außer Kraft setzen kann, die selbst vor Menschenleben nicht Halt macht. Wir brauchen jemanden, der diese Regierung stürzt“, schreibt ein Mann, der laut seinem Profil einen eigenen Newsticker betreibt. 

Hofer bedankt sich inzwischen bei den systemerhaltenden Berufsgruppen - und bei seiner Frau, die Pflegerin ist. 

John Otti ist zurück

Am Schluss noch eine Überraschung: Die John-Otti-Band, die FPÖ-Hausband, tritt auf. Werner Otti singt "Immer wieder Österreich", im Hintergrund wippt Kickl mit dem Bein mit. Fast so wie in früheren Tagen.

Was macht eigentlich HC Strache?

Der hat heute auch ein Video auf Facebook gepostet. Er spricht - im Anzug, vor einer Österreich-Fahne stehend - den Österreichern Mut zu und ist vermutlich auch ein bisschen traurig. Der 1. Mai sei "einfach zum Nachdenken".

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