Politik | Inland
13.01.2018

Löger: "Ich strebe weiter das Nulldefizit an"

Der Finanzminister wollte eigentlich Pilot werden und ist Kenner des Philosophen Seneca.

Eigentlich hätte es ein entspannter Spaziergang im Prater mit Terrier Emil werden sollen. Doch es kam anders. Ein Telefonat mit einer schneller Entscheidung riss Claudia Löger aus ihrem Alltagsrhythmus. "Bist du einverstanden, wenn ich Finanzminister werde?", fragte ihr Ehemann Hartwig überraschend.

Was folgte, war eine Funkstille, die einige Sekunden dauerte. Dann gab Claudia Löger grünes Licht. "Ohne Zustimmung meiner Frau hätte ich es nicht gemacht. Dazu stehe ich", so der neue Finanzminister im KURIER-Interview. Der ehemalige UNIQA-Vorstand hat so wie alle Regierungsmitglieder – mit Ausnahme von Kanzler Sebastian Kurz – noch keine Regierungserfahrung. Er ist ein unbeschriebenes Blatt. In einer neuen KURIER-Serie werden die neuen und noch unbekannten Minister porträtiert. Den Anfang macht Hartwig Löger.

KURIER: Herr Löger, diese Woche absolvierten Sie mit der Einführung des neuen Familienbonus Ihre Feuertaufe. Das Modell begünstigt einkommensschwache Familien nicht. Ist es fair, das hier zwischen Kindern differenziert wird? Kein Kind sucht sich aus, in welche Familie es geboren wird. Hartwig Löger: In Österreich werden über 50 Prozent des Jahresbudgets von rund 80 Milliarden für soziale Sicherung verwendet. Knapp neun Milliarden gehen direkt in die Familienpolitik. Das heißt, wir haben eine extrem breite und starke Unterstützung für Familien, die eine Förderung benötigen. Deswegen sehe ich nicht den Bedarf, noch mehr über denselben Ansatz in das System zu pumpen. Gleichzeitig ist die Belastung für all jene, die das System erhalten, extrem hoch. Diesen Familien wollten wir mehr Luft geben, damit sie den Alltag wieder besser stemmen können. Gerade der Familienbonus ist ein gutes Beispiel, dass wir nicht die Spitzenverdiener entlasten, sondern die kleinen und mittleren Einkommen.

Sie kennen Sebastian Kurz, seit er bei der UNIQA tätig war. Wann entdeckten Sie beide, dass Sie ein gutes Team sein könnten?

Wir haben uns schon vor seiner Zeit bei der UNIQA kennengelernt. Schon damals, vor zehn Jahren, war ich von ihm beeindruckt, weil sein Engagement und seine schnelle Auffassungsgabe auffällig waren. Auch unsere Experten haben mir bestätigt, dass es ungewöhnlich ist, wie schnell jemand in diesem Alter mit derart komplexen Themen umgehen kann. Da hatte ich einen Wow-Effekt, was Sebastians Persönlichkeit betrifft. Über die Jahre haben wir erkannt, dass wir in vielen Bereichen sehr ähnlich ticken und gleiche Ideen sehen.

Sie kommen aus einer Eisenbahner-Familie. Ist da nicht eher eine Karriere in der SPÖ vorprogrammiert?

Ich verleugne nicht, dass ich ein Sohn eines Eisenbahners in der dritten Generation bin. Meine ganze Kindheit hat sich in Eisenbahner-Vereinen im Selzthal abgespielt, deswegen bin ich noch heute zahlendes Mitglied des Eisenbahnersportvereines. Aber mein Vater hat nie eine politische Funktion gelebt. Deswegen habe ich keine sozialdemokratische Prägung. Meine humanistische Ausbildung im Stiftsgymnasium in Admont hat mich in meinen Werten mehr beeinflusst als meine Herkunft.

Wo steckt der Eisenbahner noch in Ihnen?

Mein erstes Foto von mir als Kleinkind gibt es auf einer Dampflok. Mein Vater war damals Heizer und noch gar nicht Lok-Führer. Meine Eisenbahner-Tradition lebe ich bei Modelleisenbahnen aus. Weil so viele Erinnerungen an den Bahnhof im Selzthal existieren, habe ich jemanden gefunden, der mit mir ein Modell vom Bahnhof nachbaut. Ich habe jetzt die Gleisanlagepläne beschafft, weil ich alles ident nachbauen will.

Sie wollten ursprünglich Berufspilot werden, mussten die Ausbildung wegen eines Unfalls aber abbrechen. Wie sattelt man erfolgreich in ein anderes Lebensmodell um?

Meine Idee war, dass ich mich beim Bundesheer zum Piloten ausbilden lasse, weil meine Familie sich eine private Ausbildung nie hätte leisten können. Nach neun Jahren beim Heer hätte ich dann zu einer Fluglinie wechseln wollen. Die Aufnahmeprüfung schaffte ich, dann hatte ich Pech bei einer Nachtübung, wo ich in eine Grube stürzte, die es eigentlich nicht hätte geben dürfen. Damit war mein linkes Knie so lädiert, dass meine Karriere beendet war. Zwei Wochen lag ich im Spital. Es waren keine angenehmen Nächte, weil meine Lebensplanung weg war. Mein Vater sah nur den einen Ausweg, dass ich Eisenbahner in der vierten Generation werde. Das wollte ich nicht. Also "floh" ich nach Wien und suchte nach einem Job. Eher zufällig landete ich in der Versicherungsbranche.

Sie wurden vor drei Monaten Großvater. Wo liegt für sie der Unterschied zwischen Großvater- und Vatersein?

Ein Kollege von mir, der ähnlich alt ist wie ich, wurde im Sommer erstmals Vater. Hier habe ich den direkten Vergleich. Wir haben beide eine große Freude. Aber ich sehe, wie groß die Umstellung für ihn ist, auch wenn die finanziellen Rahmenbedingungen bei ihm um vieles besser sind im Vergleich zu mir, als ich zum ersten Mal Vater wurde. Meine Situation erlebe ich als doppelt positiv. Da ist die Freude über das erste Enkelkind, aber es ist eine riesige Freude zu sehen, wenn die nächste Generation in die Elternrolle schlüpft und auch die nötige Reife dafür hat.

Sie sind im Vorstand "Wirtschaft für Integration". Ihr Regierungspartner will keine Integration, weil die Asylwerber ohnehin das Land wieder verlassen sollen. Passt das zu Ihrem Integrationsverständnis?

In meinem Verständnis muss bei der Integration das Erlernen der Sprache der Schwerpunkt sein. Und genau diesen Schwerpunkt unterstützt der Verein sehr stark. Nur wer die Sprache beherrscht, wird einen Beruf bekommen und sich beheimatet fühlen können. Zu diesem Aspekt stehe ich voll und ganz. Aber das lässt sich auch gut mit dem Regierungsprogramm vereinen. Ich deute es so: Dem Regierungspartner geht es aber vor allem auch darum, aus welcher Motivation die Menschen zu uns drängen. Kommen sie zu uns, um die wirtschaftliche Situation zu verbessern oder weil sie wirklich Schutz suchen?

Weltberühmt ist die Bibliothek von Admont. Welches Buch hat Sie geprägt?

Es waren damals weniger die Bücher als die humanistisch-philosophische Ebene, die bei mir stark ausgeprägt ist. Da habe ich viel mitgenommen. Ich habe mich nach der Schulzeit entsprechend viel mit altphilologischen Themen beschäftigt. Ein Wunsch von mir ist es, vielleicht einmal ein Buch über den Stoiker Seneca zu schreiben. Man bezeichnet mich oft als Seneca, weil ich ihn auch oft zitiere.

Welche Zitate sind das?

Einer meiner Lieblingszitate ist: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." Oder: "Ein Zwerg wird nicht größer, auch wenn er auf einen Berg steigt."

Hannes Androsch bezeichnete es vor wenigen Tagen als "mutlos" von Ihnen, wenn man in der Phase der Hochkonjunktur nicht versucht, ein Nulldefizit anzustreben. Warum wollen Sie nicht Mister Nulldefizit werden?

Ich strebe das Nulldefizit auch weiterhin an. Ich schätze Hannes Androsch noch aus der Zeit, als ich ihn als Finanzminister erleben durfte. Aber man kann die Bedingungen von damals nicht auf heute übertragen. Wir setzen Maßnahmen, da wir den EU-Zielen entsprechen wollen. Wir haben den Beschäftigungsbonus und die Aktion 20.000 redimensioniert. Wir senken die Kostendynamik im Bund durch Einsparungen bei der Verwaltung und den Förderungen. WIFO-Chef Christoph Badelt findet es sogar mutig, ein Budgetdefizit von 0,5 Prozent für 2018/’19 zu setzen. Er weiß, wie schwer es ist, auch in konjunkturell guten Zeiten, wo die Begehrlichkeiten nach Mehrausgaben groß sind, sorgsam zu haushalten.

Ein Stoiker als Finanzminister

Der Steirer stammt aus einfachen Verhältnissen. Sein Vater war Heizer und später Lok-Führer bei den ÖBB. Trotz der knappen Ressourcen ermöglichten die Eltern eine Ausbildung am Stiftsgymnasium Admont. Lögers Traumjob Pilot zerplatzte wegen einer Knieverletzung. Durch Zufall landete der zweifache Vater in der Versicherungsbranche und schaffte es bis in den UNIQA-Vorstand.

Der Finanzminister ist ein Kenner des Philosophen Seneca, der Berater des römischen Kaiser Nero war. Später befahl ihm Nero die Selbsttötung.