Antisemitismus sei oft in Ohnmachtsgefühlen begründet, so Schmid-Heher

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Politik Inland
03/12/2021

Der Antisemitismusbericht 2020 im Detail

Neigung zu Verschwörungstheorien geht mit Antisemitismus einher. Erinnerungskultur soll ausgebaut werden.

von Johanna Hager

2018 wurde erstmals im Auftrag des Parlaments eine Untersuchung über Antisemitismus in Österreich durchgeführt. Die Daten belegten damals einen manifesten Antisemitismus von rund 10 Prozent der Bevölkerung, der sich vor allem im Bereich des rassistischen Antisemitismus und der Holocaustleugnung zeigte.

Zur Situation 2020 nahmen Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka, Eva Zeglovits (IFES) und Thomas Stern (Braintrust) Stellung. Alle Ergebnisse finden sich unter www.antisemitismus2020.at.

Ohne ihn namentlich zu nennen, übt Sobotka bei der Präsentation auch Kritik an FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl, der in seiner Rede bei den Corona-Demos Israel "Gesundheitsapartheid“ vorgeworfen hat: Man verwende diese Vergleiche, "weil diese antisemitischen Grundmuster noch in einer ungeheuren Dichte und Breite vorhanden sind“, so Sobotka.

"Antisemitismus", also "Judenhass", ist ein jahrhunderte altes Phänomen, schickt Sobotka voraus. "Aus der religiösen Abgrenzung scheint ein Weltbild geworden zu sein." Es gehe bei der Beschreibung von Juden, insbesondere auch in Social Media, um Stereotype, die faktenfrei sind, so Sobotka. Es gehe immer um "Hass und den Juden als Inbegriff des Bösen", mittlerweile werde das Judentum oftmals mit Israel gleichgesetzt. Es gelte zwischen "berechtigter Kritik" und Antisemitismus klar zu unterscheiden. Das Phänomen komme aus der Mitte der Gesellschaft und werde an den Rändern sichtbar.

"Je grauslicher es an den Rändern wird, desto mehr grenzt sich die Mitte ab", erklärt Stern.

2.000 Befragte

Seit dem ersten Bericht 2018 sei viel getan worden und passiert, sagt Eva Zeglovits. "2020 ist viel passiert. Graz und der Terroranschlag in Wien haben Auswirkungen auf. Antisemitismus wird lauter, nicht unbedingt mehr."

Von 10.11. bis 14.12. wurde die Umfrage durchgeführt. 2.000 Menschen wurden telefonisch und online befragt. "Die zeitliche Lage der Feldforschung unmittelbar nach diesem traumatisierenden Ereignis dürfte die Tendenz sozial erwünschten Antwortverhaltens verstärkt haben", gibt Zeglovits zu bedenken.

Affektiver Antisemitismus, wo Juden als "die anderen" dargestellt werden. Die große Mehrheit sagt, dass Aussagen wie "von Juden kann man nicht erwarten, dass er anständig ist" für nicht zutreffend. "Juden haben wenig Interesse sich zu integrieren" halten 13 Prozent für zutreffend. 9 Prozent halten für zutreffend, dass Juden den Tod von Jesus Christus verantwortlich ist.

Menschen mit höheren formalen Bildungsabschlüssen erkennen besser, was sozial erwünscht ist, so Zeglovits. "Juden haben zu viel Einfluss auf Österreich" glauben zwei Prozent der Befragten. "Die meisten Menschen sind außergewöhnlich wohlhabend und intelligent" halten fünf Prozent für zutreffend.

Soziale Medien vs. Klassische Medien

"In den Berichten über Konzentrationslager und Judenverfolgung im 2. Weltkrieg wird vieles übertrieben dargestellt“ (affektiver Antisemitismus). Diese extreme Position nehmen in Österreich nur sechs Prozent der Menschen ein - aber  24 Prozent jener, die TikTok vertrauen.

In Bezug auf Facebook und YouTube sind die Vergleichszahlen je 16 Prozent, bei Twitter 15 Prozent und bei Instagram 12 Prozent, in Bezug auf alternative Plattformen im Internet 12 Prozent.

Von jenen, die traditionellen Zeitungen und Zeitschriften (egal ob im Print oder online) bzw. Nachrichten im Fernsehen oder Radio vertrauen, sind nur 4 Prozent der Ansicht, dass die Aussage zutrifft.

"Unsere Zahlen belegen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Vertrauen in Soziale Medien, Verschwörungsmythen und Antisemitismus. Den Gegenpol bilden traditionelle Medien, die weiter ein hohes Maß an Vertrauen genießen und deren Leserinnen und Leser deutlich weniger antisemitischen Einstellungen zustimmen", so Zeglovits.

Am 12.3.1421 wurden hunderte Juden verbrannt, erklärt Thomas Stern das historisch bedeutsame Datum der Pressekonferenz. "Heute jährt sich etwa die planmäßige Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Wien, die als 'Wiener Gesera' bezeichnet wird, zum 600. Mal. Krisenzeiten sind nicht nur in der Geschichte, sondern auch heute Hochkonjunktur für Verschwörungsmythen, die auch aktuell in einem eindeutigen Zusammenhang zu Antisemitismus stehen."

13 Prozent haben hohen Hang zu Verschwörungstheorien

32 Prozent haben einen niedrigen Hang zu Verschwörung, 13 Prozent haben einen hohen. Das klingt nach nicht viel, entspreche aber einer Million in Österreich lebender Menschen. Diese Gruppe ist "deutlich antisemitischer als der Rest der Bevölkerung", erläutert Stern weiter.

Das zeige sich am deutlichsten bei den Aussagen des pseudorationalen Antisemitismus, die negative Einstellungen zu Jüdinnen und Juden stets mit vermeintlich rationalen Erklärungen aus dem verschwörungsmythischen Spektrum versehen. Dasselbe treffe auf die zwei Aussagen mit Bezug auf die Corona-Pandemie zu. Da Verschwörungsmythen in der Pandemie regen Zulauf haben, ist dieser Aspekt in Hinblick auf Antisemitismus besonders relevant. Verschwörungsmythen, die aus der Pandemie entstehen, können so leicht auf Jüdinnen und Juden projiziert werden, so Zeglovits und Stern in ihrem Bericht.

Ein Drittel der Befragten (34 %) hält die Aussage "Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben“ für sehr oder eher zutreffend.

Weitere 23 Prozent zeigen sich hierbei unentschlossen und wiederum etwas mehr als ein Drittel (35 %) finden diese Aussage nicht zutreffend. Ungefähr jeder bzw. jede Zwölfte (8 %) hat dazu keine Meinung oder wollte sie nicht kundtun.

Die Behauptung "Die Medien und die Politik stecken unter einer Decke“ findet in der Bevölkerung etwa gleich hohe Zustimmung (32 %), Unentschlossenheit (32 %) und Ablehnung (33 %).

Stern zieht aus dem Bericht, dass sich die Jugend für mehr Erinnerungskultur ausspricht und: Bildung, Medien und Politik wirken gegen Antisemitismus. Alle Ergebnisse finden sich unter www.antisemitismus2020.at.

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