Viva Mexico: Wirtschaftskammer-Boss Christoph Leitl und Walter Koren (re.), „Aussenwirtschaft Austria“-Chef, sehen das Land am Sprung zum neuen Tigerstaat Lateinamerikas

© Josef Votzi

Reportage
02/04/2014

Leitl’s nette Leut-Show: „Average is over“

Bei einer Tour de Force Mexiko/San Francisco/Los Angeles tankt der WKÖ-Chef Kraft für zu Hause.

von Josef Votzi

Gavin Newsom ist der Vorzeigestar der Demokraten. Als Bürgermeister von San Francisco gab er 2004 als erster US-Politiker grünes Licht für die Schwulen-Ehe. 2014 ist er als Vizegouverneur aussichtsreichster Bewerber für den Job der Nummer eins in Kalifornien.

Heute ist der smarte Polit-Entertainer Balsam auf die Wunden von Christoph Leitl. Am Vortag musste sich der Wirtschaftskammerchef einmal mehr am Telefon mit widerspenstigen Geistern in der Heimat herumschlagen – weil sie nicht davon ablassen wollen, an der „GmbH light“, Leitls Herzstück für eine neue Gründerwelle, herumzudoktern. Gavin Newsom bleibt bei seinem Auftritt als „Mister Feelgood“ beim Business-Frühstück in San Francisco dem „Präsidenten von Österreich“ aber nichts schuldig.

Ein paar Dutzend Firmenvertreter und ein halbes Dutzend Spitzenfunktionäre der Kammer sind im Gefolge von Leitl angereist.

„Average is over “ proklamiert der rising star der US-Politik. Unausgesprochen fühlt sich mancher an jenen Sager erinnert, der Leitl in der Hitze des Wahlkampfs entfuhr. Kennedy-Lookalike Gavin Newsom formuliert es amerikanisch positiv und nennt drei Eckpfeiler, warum „abgesandelter“ Durchschnitt in der Bay Area von San Francisco kein Thema mehr ist: Dank des „besten öffentlichen Schulsystems in den USA“; „der besten Infrastruktur“ und – last, but not least – einer offenen Integrationspolitik: „We do not tolerate diversity, we celebrate diversity.“

Start-up-Paradies

Leitls Mission im Herzen von Silicon Valley: Österreichs Unternehmen sollen nicht nur etwas theoretisch lernen, sondern es vor Ort gleich ausprobieren können. Die „Außenwirtschaft Austria“, Dachverband der umtriebigen Wirtschaftsdelegierten der Kammer, sponsert seit 2010 jährlich 20 IT-Firmen einen dreimonatigen Schnupperkurs („Go international“).

Der Tiroler Herbert Praxmarer ist seit dem Jahreswechsel da, um seine Idee technisch und wirtschaftlich marktreif zu machen: Eine Software, die privat produzierte Musiktracks beim Hochladen auf YouTube & Co auf Profi-Niveau hochtuned.

Onur Mete hat seine Idee schon zu einem profitablen Geschäftsmodell gemacht. Sein „Smartassistent“ läuft auf den Homepages von Quelle, Mediamarkt-Saturn und Conrad. Die Software filtert das Angebot für Fernseher, Waschmaschinen oder Kühlschränke nicht nach der Unzahl von technischen Features, die viele Kunden überfordern. „Smartassistent“ fragt nach Kundenwünschen, übersetzt diese in technische Features und bietet die entsprechenden Produkte an.

60 junge Österreicher haben so schon Start-up-Luft in einem der „Inkubatoren“ im Silicon Valley geschnuppert. In lockerer Campus-Atmosphäre treffen hier Ideenbringer, Mentoren und Finanziers aufeinander. Ein halbes Dutzend Österreicher hat bisher den „exit“ in Richtung erfolgreiches Geschäft genommen.

Christoph Leitl kann sich in Tagen wie diesen eine Frage nicht verkneifen, obwohl ihm die Antwort nicht fremd sein dürfte: „Und wie hoch ist das vorgeschriebene Mindestkapital für Start-ups?“ Im Silicon Valley kann jedermann eine Firma starten, ohne auch nur einen Cent zu hinterlegen. Üblich ist aber eine Einlage von 5000 Dollar – nicht einmal die Hälfte dessen, was der Kammerherr der Regierung einst als Anreiz für Unternehmensgründungen abverhandelt hat, aber jetzt wieder vervielfacht werden soll.

Mexican moment

Kalifornien ist die zweite Station einer viereinhalbtägigen Tour de Force Leitls zwischen Mexiko City, San Francisco und Los Angeles. Mexiko galt bisher als entlegener Nischen-Markt. Für den Wirtschaftsdelegierten Fritz Steinecker ist es „das neue China“: Das Lohnniveau in den Fabriken liegt unter jenem in Fernost, gleichzeitig bietet es frische Anreize für Auslandsinvestitionen. Die neue linke, aber pragmatische Regierung hat mit dem Tabu der (Nicht-)Privatisierung von Staatsunternehmen gebrochen.

Nestle, Pepsico und Sisco ließen jüngst in Davos wissen, dass sie allein 7 Milliarden Dollar in jenes Land in Lateinamerika investieren wollen, das viele am Sprung zum neuen Tigerstaat sehen.

Allerorten ist vom „Mexican moment“ die Rede, der sich schon abzeichne: Mexiko – und nicht China oder Korea – ist heute bereits weltgrößter Produzent von Flachbildschirmen, zweitgrößter Erzeuger von US-Kühlschränken und wichtigster Autoproduzent Amerikas.

VW unterhält in Puebla mit 500.000 Autos pro Jahr das größte Werk außerhalb Deutschlands. Audi wird hier ab 2016 seinen Q5 für den Weltmarkt produzieren.

Österreichs Zuliefererfirmen versprechen sich neue Geschäfte, von Kunststoffteilen bis zu Fahrzeug-Komponenten wie Tanks. Von der mehr als halben Milliarde Euro, die Österreich derzeit an Gütern nach Mexiko exportiert, stellen Autozulieferer bereits jetzt die Hälfte.

Plastik-Imperium

Vorzeige-Firma ist aber ein Vorarlberger Familienunternehmen, das für kein sexy Produkt steht und auch niemand kennt: Alpla macht mit Plastikflaschen von Mineralwasser bis Coca-Cola und mit Plastikverpackungen von der Zahnpasta bis zum Ketchup weltweit 3 Milliarden Euro Umsatz. Von Indien über China bis Südamerika arbeiten weltweit 15.000 Menschen für den Plastikriesen Alpla.

In Toluca sind es derzeit 2100 Jobs, mit Luft nach oben. Christoph Leitl ist gekommen, um der Mexiko-Premiere eines seiner Lieblings-Exportartikel beizuwohnen: Der Eröffnung der ersten Lehrwerkstätte in Mexiko.

2015 steht China in Sachen dualer Ausbildung auf dem Alpla-Businessplan. Das Projekt ist auf Schienen, weil der Direktor der ersten chinesischen Schule, mit der die Vorarlberger kooperieren, auch Chef des chinesischen Berufsschulverbands ist.

Ein Vorzeigeprojekt made in Austria, das in den USA noch immer totales „wonderland“ ist. „Ist das nicht utopisch, Jugendliche auf Staatskosten so lange auszubilden, bis sie 18 Jahre alt sind?“, will eine Teilnehmerin beim Dinner im Wolfgang Pucks „Spago“ im noblen Beverly Hills wissen.

Das „World Affairs Council“, eine Art Lions Club für ein imposantes Aufgebot an Millionärswitwen und ein paar vereinzelte Millionäre in Los Angeles, hat den „Präsidenten aus Österreich“ im kleinen Kreis zum Gedankenaustausch eingeladen.

Kantine Hollywoods

Leitl preist auch in der Kantine der Hollywood-Stars wie oft in diesen Tagen die „duale Ausbildung“ als „das österreichische Erfolgsmodell“ an. Hier stellt man sich zu allererst die Frage, wer das alles bezahlen soll. Leitl predigt geduldig: Auch er wolle „keine neue Schulden“. Geld für Bildung sei aber „die beste und profitabelste Langzeitinvestition“.

Beim Dessert geht es an einem der Spago-Tische ans Eingemachte. Ob „Sound of music“ tatsächlich in der Schweiz gedreht wurde (es wurde nicht; sondern in Bayern, Salzburg und in den Fox-Studios in Hollywood). Beim Espresso gipfelt der Small Talk in der Frage, ob es wahr ist, dass nur noch ein Prozent der Österreicher Deutsch spricht.

Christoph Leitl würde auch diese Frage mit breitest möglichem Lächeln beantworten, hätte er sie gehört. Er wäre aber wohl zu vornehm gewesen, um eine dringend angebrachte Botschaft nachzuschieben, die er wo immer kann, mit Nachdruck verkündet: „Bildung ist der wichtigste Rohstoff der Globalisierung.“

Boomregion Amerika

117 Mio. Einwohner; BIP pro Kopf 18.000 Dollar. 60 Prozent arbeiten im „informellen Sektor“; Arbeitslosigkeit offiziell bei 5 %. Für heuer wird eine Rückkehr des Wachstums mit über 4 Prozent erwartet. Handelsvolumen mit Österreich: 1 Milliarde Dollar, der Großteil im Export von Maschinen.

Go Silicon Valley

Die „Außenwirtschaft Austria“ (AWA) sponsert pro Jahr 20 IT-Firmen einen dreimonatigen Aufenthalt. Entlang der Bucht südlich von San Francisco finden sich auf knapp 75 Kilometern Google, Facebook, Apple & Co.