Politik | Inland
02.01.2018

Leitl über '68er: "Noch heute vibriert es in mir"

Christoph Leitl war ein Hippie und hat die Ideale der ’68er-Bewegung durch die Institutionen getragen.

Fünfzig Jahre ist es her, das Jahr 1968, das einer bis heute nachwirkenden Bewegung den Namen geben sollte. Die ’68er-Bewegung steht für die Auflehnung gegen herrschende Verhältnisse, für den Aufbruch in eine neue Zeit. Einer ihrer Gurus, Rudi Dutschke, gab die Parole aus, die 68er sollten den "Marsch durch die Institutionen" antreten, um diese zu verändern.

Viele haben es getan.

Man findet sie bis heute, die Alt-68er, an teils überraschenden Stellen. Zum Beispiel an der Spitze der Wirtschaftskammer Österreich. Präsident Christoph Leitl war ein Hippie. Er trug – 1968 war er 19 – sehr zum Leidwesen seines Vaters lange Haare. Sein Markenzeichen waren Jeans und roter Pullover. Leitl junior protestierte, demonstrierte, diskutierte. Er war beseelt vom Idealismus der Jugend.

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"Es begann mit der Wahl von John F. Kennedy zum US-Präsidenten. Da war eine Aufbruchstimmung: Wir können es. Wir wollen es. Wir wollen eine bessere, eine friedlichere Welt", erzählt Leitl. "John Lennon. Give peace a chance. Das war das eigentliche Programm der ’68er-Bewegung. We shall overcome. Heute noch vibriert es in mir, wenn ich diese Lieder, diese Texte höre."

Leben an der heißen Linie

Make love not war. Das war körperlich gemeint (die Pille war gerade erfunden), aber auch politisch als Antwort auf die Blockbildung, die Teilung der Welt, die atomare Hochrüstung. "Heute kann man sich nicht mehr vorstellen, was die Teilung Europas bedeutete. Wir waren mitten drinnen auf der heißen Linie. Wenn da einer auf den falschen Knopf gedrückt hätte, wären wir alle weg gewesen", sagt Leitl.

Seine oberösterreichische Heimat grenzte an den Eisernen Vorhang. Hinter dem Vorhang zog der Prager Frühling ins Land. Aus Vietnam kamen schockierende Bilder, am Stellvertreter-Krieg zwischen Ost und West wurde ersichtlich, was "der falsche Knopf" bedeuten könnte: Die Amerikaner warfen in Vietnam Napalmbomben ab.

"Ho Ho Ho Chi Minh": Im KURIER-Interview rekapituliert Leitl Parolen, die er auf Anti-Vietnamkrieg-Demos skandiert hatte.

Im Alter von fünfzehn Jahren engagierte sich Leitl bereits politisch. Gegen die Spaltung in Europa. Für ein einiges Europa. Er war Obmann einer überparteilichen, pro-europäischen Jugendbewegung.

"Wir waren gerade auf einer Europa-Reise, als uns am 21. August 1968 in Straßburg die niederschmetternde Nachricht erreichte, dass in der Tschechoslowakei die Panzer rollten. Es hat uns furchtbar getroffen, wir dachten, die Verhältnisse würden sich nie ändern." Der Idealismus der Jugendlichen bekam einen herben Schlag. "Rückblickend betrachtet", meint Leitl, "haben die russischen Panzer, die den Prager Frühling in den Boden walzten, das Ende des Kommunismus besiegelt. Das System brach zwar erst 1989 zusammen, aber geistig war er seit diesem 21. August tot. Der Kommunismus hatte für sich in Anspruch genommen, die Welt zu verbessern. Dieses Image haben die Panzer-Kommunisten zerstört."

Gute Erinnerungen hat Leitl an Bruno Kreisky: "Er hat massiv die Idee der Entspannungspolitik in Europa vertreten, lange bevor es die OSZE gab. Er hat damals zu uns gesagt: Schaut’s her, wenn ihr jungen Europäer euer Ziel erreichen wollt, dass Österreich dieser EWG, wie die EU damals hieß, beitreten kann, braucht ihr das Einverständnis von Russland, und das ist nur in einem Klima der Verständigung zu bekommen. Mit dieser einfachen Erklärung der Zusammenhänge hat der schlaue Fuchs uns gezeigt, worauf es ankommt: nicht etwas gegeneinander zu erzwingen, sondern miteinander zu entwickeln. Das hat mir sehr imponiert."

John F. Kennedy, Robert Kennedy, Martin Luther King. Das waren Idole. Friede, Gleichberechtigung, Anti-Diskriminierung. "Wir waren die erste globale Bewegung. Es gab damals die Befürchtung, dass die Nordhalbkugel, die vier Fünftel aller Ressourcen hat, immer reicher wird, und die Südhalbkugel immer ärmer. Die Umwelt-Bewegung ist damals entstanden, das Denken in globalen Ressourcen. Es war eine Bewegung gegen Rassismus und Diskriminierung. Damals sind erst die Menschenrechte so richtig ins Bewusstsein gekommen. Black and White, unite! Die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Vorher war die Frau beim Herd, Kinder erziehen und Schuhe putzen. Women’s lib(eration). Ökologie. Gleichberechtigung, gleiche Religionen." Leitl gerät ins Schwärmen, wenn er zurückdenkt.

Am Hotspot San Francisco

Als 19-Jähriger hat er sich ein Ticket in die USA gekauft und ist mit dem Greyhound Billig-Bus durch die Staaten gezogen. Er fuhr nach San Francisco, den ’68er-Hotspot schlechthin. Leitl: "Wir sind in Gruppen vor buddhistischen Gebetsfahnen gesessen und haben monotonen buddhistischen Gesang gesungen, bis wir in Weisheit und Erleuchtung abgehoben sind."

Später sei der 68er-Geist verschwunden, es sei "Normalität auf einem anderen Bewusstseinsniveau" eingekehrt. Leitl: "Man hat studiert, um zu studieren und nicht, um zu protestieren. Ich habe zu meinen Kindern gesagt: ,Ihr seid so brav und angepasst. Als ich so alt war wie ihr, habe ich gegen Leute, wie ich es heute bin, protestiert‘."

Leitl selbst hat auf seinem Marsch den ’68er-Geist in die Institutionen hineingetragen. "Ich fand es beschämend, als ich hierher in die Wirtschaftskammer kam, dass im Jahr 2000 im Wirtschaftsparlament nur sieben oder acht Prozent Frauen waren, wo schon damals 30 Prozent der Unternehmer weiblich waren. Auch die junge Wirtschaft hatte nur eine Spielwiese, was heute undenkbar ist. Ich bin immer an der Seite der Jungen gestanden, mit Rassen und Religionen habe ich nie ein Problem gehabt. Auch politisch bin ich anders sozialisiert. In der europäischen Jugend ist ein gemeinsamer europäischer Geist entstanden, ich habe eine breite Sichtweise gewonnen, die mich in meinem ganzen späteren Leben, Stichwort Sozialpartner, geprägt hat."

Demokratie in Betrieben

Der ’68er-Spirit ist auch in die Betriebe eingezogen. "Zuvor gab es das Harzburger-Modell, ein Führungsstil, der vom Militär abgeleitet war. Ich selbst war immer von einem partizipativen Führungsstil geprägt, weil wir den zu Hause im Betrieb schon in den 50er-Jahren eingeführt hatten. Mein Vater hat gesagt: ,Im Krieg sind wir gemeinsam im gleichen Dreck gelegen, warum sollen wir jetzt klassenkämpferisch aufeinander losgehen?‘ Ich liebe Kritik. Sie bringt uns weiter. Wenn wir uns gegenseitig Honig ums Maul schmieren, hat niemand was davon."

Ökonomisch sei der ’68er-Spirit ein Erfolgsrezept. Leitl: "Der alte Führungsstil war auf Angst aufgebaut. Angst demotiviert. Da schaut man nur, dass man keinen Fehler macht, und hält sich so weit wie möglich zurück. Positive Motivation heißt, hineingehen, etwas probieren. Das war eine völlig neue Herangehens- und Denkweise."

Das geistige Erbe der ’68er-Bewegung will Leitl nicht auf Nostalgie reduzieren: "Angesichts der nationalistischen Tendenzen heute in Europa muss ich sagen, wir müssen wieder zurück zu den Wurzeln, zu den Hoffnungen, die damals junge Menschen bewegt haben."

Leitl hat mit 1. Jänner 2018 den Vorsitz in der Europäischen Wirtschaftskammer übernommen – eine weitere Institution, die er mit seinem positiven Spirit erfüllen will.