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Politik Inland
06/14/2019

Kurz in St. Pölten: "Sie haben ihn uns weg genommen"

Ländertour statt Parlament. Für seine Fans ist Kurz weiter Kanzler. Ein Stimmungsbild.

von Christian Böhmer

Er kommt nicht weit. Vielleicht 40, 50 Meter. Dann ist Schluss für Sebastian Kurz auf dem Domplatz zu Sankt Pölten, dann kommt sie einfach, die unvermeidliche Frage: "Diaf ma a Söfi mochn?"

Natürlich dürft ihr, und ja: Wir sagen "Ihr", denn der ÖVP-Chef duzt und wird geduzt am Wochenmarkt, man ist "per Sebastian" – und zudem schon mittendrin im Vor-Wahlkampf.

"Unser Weg hat erst begonnen" steht auf den Plakaten der Volkspartei. Und genau das tut er jetzt, der ÖVP-Boss: unterwegs sein.

In aktuellen Fall in der Landeshauptstadt von Niederösterreich, wo die SPÖ den Bürgermeister stellt und fast 60 Prozent Zustimmung genießt – ein Umstand, der allenthalben erwähnt werden muss.

Denn nur Minuten nachdem Kurz mit einem Tross Journalisten zwischen den Wägen von Fleischhauern, Imkern und Gemüsehändlern flaniert, ist da eine Lehrerin aus Hochneukirchen, die zurückgenommen fragt, ob der Kanzler nicht ein Foto mit der ganzen Volksschulklasse machen könnte.

"Geht’s noch baden?", fragt Kurz. Die Lehrerin verneint – ihr Tag ist auch ohne Abkühlung gerettet.

Trotzig

Wer Sebastian Kurz an diesem heißen Junitag begleitet, merkt schnell, dass die Passanten keinen nennenswerten Unterschied machen können oder wollen, ob der bald 33-Jährige nun Regierungschef war oder noch ist.

"Herr Bundeskanzler" ist für viele die probate Ansprache. Manche tun das aus Respekt. Viele aus Trotz.Die Gemüsehändlerin ist so ein Fall. "Er is gwöht wurn und sie hom ihn uns weg gnuman", schnauzt sie. Eine ihrer Kundinnen verwendet gar das "S"-Wort, als sie auf die Übergangsregierung zu reden kommt.

Dass eine Abwahl einer Regierung ein demokratisch normaler Vorgang ist? Dass der Vizekanzler und FPÖ-Chef dem Land und der Politik mit seinem hochnotpeinlichen Video-Auftritt extrem geschadet hat? All das ändert an der Grundhaltung der Gemüsefrau und der Kundin wenig.

Vielleicht ist das die Stelle, an der man etwas über den Wahlkämpfer Sebastian Kurz sagen sollte.

Denn bei allen Stationen, egal ob auf dem Markt, beim Fest im Landeskriminalamt oder im Rot-Kreuz-Stützpunkt Lilienfeld, deponiert der frühere Regierungschef eine Botschaft, die man als Bürger irgendwie ganz gerne hört, nämlich: Auch eine Regierungskrise hat ihr Gutes.

Was genau? Er, Kurz, habe jetzt wieder deutlich mehr Zeit für "ausgedehnte Gespräche" mit Bürgern. In der Praxis kommt es dazu freilich nur sporadisch.

Der Bundesländertag ist von 9 bis 21 Uhr durchgetaktet. Lange Plaudereien? Tagsüber schwierig. Zeit für ein Grillwürstel? Auch schwierig. Der Ex-Kanzler isst wenig, ein Energydrink unterwegs genügt. Und nebenbei wird die Liste der entgangenen Anrufe abgearbeitet.

Eines der Talente des Wahlkämpfers Kurz besteht darin, Menschen erzählen zu lassen, wovon sie etwas verstehen. Bei den Rotkreuz-Helfern in Lilienfeld erfragt er, was sie sich für die Freiwilligen-Verbände erwarten. Schnell kommt man auf das Pflege-Thema. "Wir waren da mitten in der Arbeit", sagt der Ex-Kanzler. "Manches verzögert sich jetzt halt ein bisschen."

Es ist der vermutlich zentrale Satz für die ÖVP, für Kurz und seine Fans. Der Wahlkampf ist eine Verzögerung, ein Intermezzo. Nicht mehr.