Politik | Inland
21.07.2018

Kurz im elitären US-Sommercamp

„Retreat“. Ex-Google-Chef Schmidt lud globale Leader in die Rocky Mountains – was dort passiert, ist streng geheim.

Krista Traxler ist unmissverständlich in ihrer E-Mail-Antwort. „Wir können keine Auskunft über das geben, was in unserem Klub geschieht“, teilt die Marketing-Direktorin des Yellowstone Clubs in Big Sky mit. Auch die Bitte, die KURIER-Anfrage doch freundlicherweise an den Stab von Ex-Google-Chef Eric Schmidt weiterzugeben, der in diesen Tagen wieder einmal die Tech-Elite und globale „Leader“ in den Bergen von Montana zu einem streng von der Öffentlichkeit abgeschirmten Gedankenaustausch versammelt, wird abschlägig beschieden. „Wenn die Leute nicht selber posten, dass sie hier sind, gibt es keine Möglichkeit, die Informationen von irgendwem anders zu bekommen.“

Dass Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz, der als einer der wenigen politischen Entscheidungsträger eingeladen ist, seine 300.000 Twitter-Anhänger mit Selfies bedienen wird, die ihn mit den Bossen großer Silicon-Valley-Player vor der imposanten Sommer-Kulisse der Rocky Mountains zeigen, ist allerdings einigermaßen unwahrscheinlich.

Enklave der Superreichen

Die Teilnehmerliste ist Verschlusssache. Und über die Tagesordnung von Schmidts Stelldichein ist bis auf Schlagworte wie „internationale Handelsbeziehungen“, „Trump“ und „technologischer Fortschritt“ nichts bekannt. Auch nicht, ob Kurz in Montana Gelegenheit nehmen wird, den Anwesenden zu erklären, warum Konzerne wie Facebook oder Google in Europa seiner Meinung nach demnächst eine Digital-Steuer zahlen sollen.

Warum die Geheimniskrämerei? Nicht weit entfernt von Montana in Sun Valley/Idaho fand vor zehn Tagen die seit 1983 veranstaltete „Allen & Co. Media and Technology Conference“ statt. Bei diesem ähnlich elitären Sommercamp tauschen die Reichen und Mächtigen aus der Tech- und Medienszene, von Amazon-Boss Jeff Bezos bis Fox-Papst Rupert Murdoch, Nadelstreif gegen Fleece-Weste, fädeln Milliarden-Geschäfte ein und genießen öffentlich sicht- und anfassbar die Idylle des Berg-Nests Ketchum, in dem sich einst Ernest Hemingway die Kugel gegeben hat.

Nicht so im Yellowstone Club. Weder das Kanzleramt noch die österreichische Botschaft in Washington wollten auch nur offiziell bestätigen, dass der oberste Repräsentant der EU-Ratspräsidentschaft für die kommenden sechs Monate in eine der weltweit spektakulärsten Enklaven der Superreichen reist, wo Leute wie Microsoft-Gründer Bill Gates, Schauspieler Sylvester Stallone, Pop-Sänger Justin Timberlake, NFL-Star-Quarterback Tom Brady und eben auch Eric Schmidt ansehnliche Unterkünfte besitzen. „Alles ganz privat“, so der knappe Kommentar.

So privat, dass selbst Nick Ehli, geschäftsführender Redakteur des nächstgelegenen Daily Chronicle in der Kleinstadt Bozeman, nichts davon wusste: Europas jüngster Regierungschef (31), den der US-Botschafter in Deutschland und Trump-Intimus Richard Grenell jüngst einen „Rockstar“ nannte, sucht an diesem Wochenende den sich über sechs Quadratkilometer erstreckenden Höhenluftkurort auf.

Kurz, der auf eigene Kosten anreist, ist Gast in einer natürlich eingehegten „gated community“, die von ihren Mitgliedern Aufnahme-Gebühren von rund 400.000 Dollar, jährliche Betriebskosten um die 40.000 Dollar und Häuser in der Preisklasse von fünf bis 25 Mio. Dollar verlangt. „Die Würdenträger dort sind sehr verschwiegen“, sagt der erfahrene lokale Auskenner Nick Ehli zum KURIER. Dort fliegen die Klub-Mitglieder in der Regel ein und parken ihre Maschinen in einem eigenen Hangar. Danach besorgen Helikopter oder Limousinen den 70 Kilometer langen Transport ans Ziel.

Streng abgeschirmt

Was sich im Yellowstone Club tut, wer genau sich dort tummelt, gehört zu den bestgehüteten Geheimnissen. Paparazzi-Schnappschüsse der vielen Prominenten oder Bussi-Szenen sind hier nicht existent, dafür im Internet massenweise Werbe-Fotos wie aus „Schöner Wohnen“, Edition Deluxe.

Das Areal wird mit Infrarot-Anlagen überwacht und von einer Truppe gesichert, die ein ehemaliger Secret Service-Agent aus Washington leitet. Eine eigene Feuerwehr und ein medizinischer Stab sorgen für zusätzliche Autonomie.

Bodyguards, sonst die ortsüblichen Schatten von Milliardären und Superstars, sind überflüssig, wenn die Klub-Mitglieder im Winter eine der 60 verschiedenen Ski-Pisten rund um die privaten Zauberberge abwedeln.

Anstehen mit Krethi und Plethi am Lift ist ausgeschlossen. Die mindestens 16 Sessellift-Zubringer stehen nur Mitgliedern zur Verfügung. Wie auch sommers der 18-Loch-Golfplatz, den der bekannte Architekt Tom Weiskopf konzipiert hat, und die feinen Restaurants und Spa-Anlagen.

Das extrem selektierte Zusammensein der allerobersten Eintausend (der Klub hat eine noch nicht erreichte Kapazitätsgrenze von 864) hatte sich der Selfmade-Millionär Tim Blixseth 2001 einfallen lassen.

Nach einer teuren Scheidung kam der von einem 375 Millionen Dollar Darlehen der Schweizer Großbank Credit Suisse alimentierte Klub finanziell schwer ins Straucheln und musste von anderen Finanzkräftigen reanimiert werden.

Sebastian Kurz dürfte nicht nur des Alters wegen im Vorteil sein, falls die illustre Truppe zwischendurch einen Trip auf den klubeigenen Hausberg in Erwägung ziehen sollte. Erst vor einer Woche wanderte der ÖVP-Chef zum Auftakt seiner „Bergauf, Österreich“-Wandertour ohne Atemnot den Grazer Schöckl hinauf.