Politik | Inland
05.02.2018

Kurz’ Bewährungsprobe steht noch aus

Neu-Erscheinung: Ein deutscher BILD-Reporter sprach erstmals mit den Eltern des Kanzlers.

Kann man sich Sebastian Kurz als halsbrecherischen jungen Kerl denken, der sich aus Spaß in Lebensgefahr bringt? Ist das vorstellbar?

Es ist nicht nur vorstellbar, es war so, die Sache ist nur ein paar Jahre her. Kurz’ Mutter Elisabeth erzählt davon: "Dann sind wir baden gegangen ins Freibad. Und er ist ohne Schwimmflügel losgerannt und hat geschrien: ,Mama, schau mal!’. Dann ist er einfach ins Wasser gehüpft und hat gelacht. Dabei konnte er gar nicht schwimmen." Die Episode mit dem Schwimmbad findet sich in der neuen Kurz-Biografie von Paul Ronzheimer (Sebastian Kurz: Die Biografie, Herder, 192 Seiten, 24 €). Und die Tatsache, dass der Deutsche als Erster Zugang zu Kurz’ Eltern bekommen hat, ist nicht der einzige Grund, warum seine Biografie interessant ist.

Natürlich könnte man einwenden: Ein BILD-Journalist fliegt ein paar Mal nach Wien, trifft Kurz, dessen Eltern und Weggefährten und verfasst aus der Ferne ein Porträt?

Doch in dem Fall ist die Sache anders. Als Kriegsreporter kennt Ronzheimer Kurz seit Jahren. Der Maidan, die Flüchtlingskrise – das waren Situationen, in denen er begann, Kurz spannend zu finden. Zumal man in der Sache oft anderer Meinung war. "Ich habe viel mit ihm gestritten", sagt Ronzheimer zum KURIER. Warum ein Buch über Kurz? "Weil er einiges verkörpert, wonach sich viele Deutsche sehnen. Er ist jung, spricht eine einfache Sprache und vertritt in der Flüchtlingsdebatte Inhalte, die ein Gegenmodell zu Angela Merkel darstellen, ohne dabei in Richtung AfD abzudriften. Deshalb ist Kurz in deutschen Talkshows auch so begehrt."

Schlüsselmomente

Ronzheimer gelingt es, Schlüsselmomente im Leben des Sebastian Kurz auszumachen und zu erklären, wie der ÖVP-Chef tickt. So ist interessant zu lesen, wie wenig selbst engste Mitarbeiter daran glaubten, dass sich der anfangs angefeindete Integrationsstaatssekretär länger würde halten könnte.

Kurz’ Pressesprecher, heute einer seiner engsten Berater, wollte rasch den Job wechseln: "Ich dachte damals: Ich muss aufpassen, dass ich auf keinem Foto drauf bin, mache den Job schnell zu Ende und bin dann weg."

Lesenswert sind auch die Passagen über deutsche Politiker. Über den väterlichen Freund Frank-Walter Steinmeier, der sich später abwandte. Über den gefallenen Karl-Theodor zu Guttenberg – und was er Kurz riet.

Ronzheimer ist überzeugt, dass Österreichs Kanzler am Anfang seiner Herausforderungen steht. Ob er "eine historische Figur" oder nur eine "Laune der vom Althergebrachten genervten Wähler" bleibe, werde unter anderem damit entschieden, wie Kurz mit "Elitenfeindlichkeit und Globalisierungsangst" umgehe. Es sind die Ängste, die auch den Koalitionspartner FPÖ treiben. Wohl deshalb schreibt Ronzheimer: "Kurz’ Bewährungsprobe liegt noch vor ihm."