Politik | Inland
21.12.2017

Schul-Experte Glattauer: Bildungspläne sind "rückwärtsgewandt"

Der KURIER/SchauTV-Talk mit Martina Salomon. Heute im Interview: Niki Glattauer

KURIER: Sie sind Lehrer an einer NMS und mittlerweile auch Schulleiter – Wie sehen Sie die geplanten Bildungsreform?
Niki Glattauer: Sehr zufrieden bin ich nicht. Dem alten System der Sonderschulen zum Durchbruch zu verhelfen, ist ein Fehler. Wir haben immer mehr Kinder, die wir versuchen, integrativ zu beschulen. Und auch der Gesellschaft die Chance geben, diese Kinder zu sehen. Aber den alten Weg zu gehen – Gymnasium für die vermeintlich guten Kinder, die NMS für jene, die das Gymnasium nicht schaffen, und Sonderschule – das ist mehr als Retro-Politik.

Was stört Sie noch?
Eine Notenwahrheit gibt es nicht, daher halte ich die geplante Notenreform für das falsche Signal, weil wir wieder beginnen, die Kinder zu klassifizieren. Leistung wird durchs Messen und Benoten ja nicht besser.
Sind Sie dafür, Lehrer für ihre Leistung zu bezahlen, wie das vorgesehen ist?
Lehrer werden jetzt schon für ihre Leistung bezahlt, wofür denn sonst? Aber es wäre ein Kardinalfehler, die Leistung eines Lehrers nach dem Feedback der Schüler zu beurteilen, das wird auch kein guter Direktor machen.

Bundesweit geht ein Drittel der Volksschüler nach der viertenKlasse in eine AHS, in Wien mehr als jeder zweite. Sind Wiener Kinder einfach klüger?
Nein, und genau das ist das Problem. Die Eltern haben das Gefühl, wenn ihr Kind nicht aufs Gymnasium kommt, wird nichts aus ihnen.
Oder sie fürchten Wiens Neue Mittelschulen generell - angesichts eines Anteils von über 70 Prozent Kindern mit nicht-deutscher Umgangssprache?
Die Eltern glauben, ein Kind wird nur was im Gymnasium, und machen Druck auf Kinder und Lehrer in der Volksschule. Und schaffen es, dass die NMS zu einer Restschule wird. Und in diese Restschule will man dann erst recht nicht seine Kinder geben. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Aber die große Folge ist, dass wir jetzt eine Gesamtschule in den AHS Unterstufen haben. Und das war ja auch nicht der Plan. Weil dort Kinder sind, die eigentlich nicht hingehören.

Sie sehen die Lösung in einer Gemeinsamen Schule bis 14. Die Regierung aber mehr denn je nicht. Was tun?
Ich werde jedenfalls nicht aufhören, dafür zu kämpfen.

Soll es wieder homogene Leistungsgruppen geben?
Naja, es gibt vielfältige Systeme, die gut funktionieren, auch mit heterogenen Gruppen. Das ist wie beim Fußball, wo der Trainer einmal eine 1-5-4-Aufstellung macht, dann eine 3-4-3 oder 2-5-3. Weil man auf die realen Gegebenheiten reagieren muss, in der Schule ist das genau so. Wesentlich für den Erfolg sind engagierte Lehrer.

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