Politik | Inland
03/16/2019

Körpersprache: Deshalb ist Kurz der "älteste Politiker"

Wahlkampfbeobachter Stefan Verra hat Kandidaten analysiert. Er erklärt uns, warum Gesten wichtiger sind als Worte.

Keiner ist so alt wie Sebastian Kurz – zumindest, wenn man Stefan Verra glaubt. Der Mann begleitet seit Jahren Wahlkämpfe und analysiert die Körpersprache der Politiker. Sieben von ihnen hat er ausgewählt und entzaubert sie in seinem Buch „Leithammel sind auch nur Menschen“ .

Etwa Donald Trump, der den Zeigefinger als Waffe einsetzt, oder die IWF-Chefin Christine Lagarde, die ein „Chauvi im Chanels-Kostüm“ sei. Ihr Landsmann Emmanuel Macron schaffe es , mit seinen Augenbrauen seine Zuhörer in den Bann zu ziehen.

KURIER: Wie kommen Sie auf die Idee, dass Kurz „alt“ ist?

Stefan Verra: Oberflächlich betrachtet ist er ein junger Mann, der für Veränderung steht. Seine Körpersprache sagt aber etwas anderes: Seine Frequenz und seine Amplitude sind niedrig.

Amplitude, Frequenz. Das müssen Sie näher erklären.

Kinder reden mit ihrem Körper in einem hohen Tempo (also mit hoher Frequenz) und mit einem großen Umfang (Amplitude). Je älter wir werden, desto mehr reduzieren wir beides. Kurioserweise hat Kurz die „älteste“ Körpersache von den Personen, die ich porträtiert habe. Er macht ganz kleine Bewegungen vor seinem Bauch – als ob er eine Salatschüssel schwingen würde. Er vermittelt den Wählern damit, dass er den Status quo beibehalten wird – ähnlich wie Angela Merkel.

Donald Trump und Kim Jong Un

Präsidenten-Pose: Trump  und Kim Jong Un passen sich körpersprachlich an  

Emmanuel Macron und Angela Merkel

Emmanuel Macron lächelt entspannt und zeigt so seine Souveränität, Angela Merkel zeigt wenig Gefühle. Sie ist „das kühle Alphatier“

Vladimir Putin

Seine Mimik vermittelt Sicherheit, aber auch Herablassung.

Christine Lagarde

Erhaben und elegant: die IWF-Chefin Lagarde bezeichnet Verra als "Chauvi in Chanel"

Buchtipp

Stefan Verra: "Leithammel sind auch nur Menschen. Die Körpersprache der Mächtigen",  Ariston Verlag, € 20,60

Aber viele Menschen wollten vor seiner Wahl Veränderungen.

Sein Erfolg lässt sich nur im Tandem mit Heinz Christian Strache erklären. Wenn die Bevölkerung unruhig wird, zeigt sich das in einer exaltierten Körpersprache. Sobald jemand wie Kurz in Umbruchsituationen ruhig agiert, denken die Menschen: „Der hat nichts verstanden.“ Anders Strache: Er hat eine hohe Frequenz und ausladende Bewegungen. Die Kombination von Ruhe bei Kurz und der Aufgeregtheit bei Strache ist derzeit uneinholbar, weil eine Bandbreite an Emotionen abgedeckt wird.

Reagieren wir also mehr auf Körpersignale als auf Inhalte?

Menschen reagieren immer zuerst über die Emotion – die sitzt im Stamm- und Mittelhirn. Erst dann überprüfen sie über ein anderes Hirnareal – dem Neokortex – die Inhalte. Sie nehmen Inhalte gefiltert so wahr, wie sie sie anfangs emotional eingeschätzt haben. Wie unterschiedlich sie Sachverhalte bewerten, zeigt das Beispiel der Brennergrenze: Als Strache 2015 sagte, dass man diese notfalls militärisch sichern müsste, lehnten das die Österreicher mehrheitlich ab. Das änderte sich, als Kurz das Gleiche sagte. Was Kurz hingegen nicht schafft, ist Begeisterung zu erzeugen. Das ist für ihn gefährlich, wenn die Wähler veränderungswillig sind.

Können uns Politiker mit ihrer Körpersprache manipulieren?

Nein – Sie können niemandem etwas aufs Auge drücken, was er nicht will. Wenn ich ihn auf Ebene der Körpersprache nicht erreiche, werde ich ihn auch nicht für meine Inhalte begeistern – das ist das Absurde.

 

 

Wie schaffen wir es als Wähler, uns auf Sachpolitik zu konzentrieren und uns nicht durch Signale beeinflussen zu lassen?

Erstens sollten wir Politiker besser verstehen – die kochen auch nur mit Wasser. Und wir sollten uns bewusst ein: Jeder entscheidet emotional und sollte sich daher überlegen, warum ihn manche Menschen ansprechen.

Ihr Tipp an die Politik?

Althergebrachte Parteien haben das Problem , dass sie zu wenige Menschen durchlassen, die mit ihrer Körpersprache begeistern. Ich nenne ihnen ein Beispiel: Kürzlich hat die deutsche CDU den Parteivorsitz neu gewählt. Doch alle Kandidaten – Annegret Kramp-Karrenbauer, Siegfried Merz und Jens Spahn – haben wenig Talent, die Menschen für politische Themen zu begeistern. Es wäre taktisch klug gewesen, Politiker an die Spitze zu setzen, die Menschen ansprechen, die die CDU bisher nicht gewählt haben. Anders ist da bei Alexander van der Bellen: Seine ruhige und stabile Körpersprache macht ihn auch für die wählbar, die sonst nie für Grüne stimmen.